Jetzt drei Wochen gratis lesen.
Gegründet 1947 Sa. / So., 2. / 3. Juli 2022, Nr. 151
Die junge Welt wird von 2640 GenossInnen herausgegeben
Jetzt drei Wochen gratis lesen. Jetzt drei Wochen gratis lesen.
Jetzt drei Wochen gratis lesen.
Aus: Ausgabe vom 11.04.2022, Seite 16 / Sport
Klettern

Am winzigen Griff

Klettersaison in der Schweiz eröffnet. In der Ukraine werden Sportstätten zu Schutzräumen umfunktioniert
Von Florian Osuch
16.jpg
Gewinnt so ziemlich alles: Janja Garnbret aus Slowenien

Mit einem ersten Weltcup begann am Wochenende im schweizerischen Meiringen die Saison im Sportklettern. 83 Frauen und 111 Männer kämpften im Vorentscheid um den Einzug ins Halbfinale. Dort standen sich jeweils 20 Athleten gegenüber, von denen je sechs ins Finale einzogen. Ausgetragen wurde die Disziplin Bouldern, das ist Klettern in Absprunghöhe ohne Seil. Dabei müssen mehrere sogenannte Boulderprobleme an künstlichen Klettergriffen in einer Höhe von drei bis vier Metern absolviert werden. Je weniger Versuche ein Athlet benötigt, desto besser die Wertung, Punkte gibt es auch für das Erreichen eines Zwischengriffs.

Bei den Frauen ließ die Favoritin Janja Garnbret ihren Verfolgerinnen keine Chance. Bereits im Halbfinale war sie die einzige, die alle vier Boulder komplett absolvierte. Auch im Finale setzte sie sich souverän durch, als sie erneut als einzige die vier Herausforderungen vollständig meisterte. Für Garnbret war es der 14. Weltcupsieg im Bouldern. 17 weitere gewann sie in der Kletterdisziplin am Seil, sechsmal wurde sie Weltmeisterin, und bei der Olympiapremiere im vorigen Jahr in Tokio gewann sie die Goldmedaille. Zweite beim Turnier am Wochenende wurde Natalia Grossmann aus den USA, Dritte die Schweizerin Andrea Kümin. Die finalen Wettkämpfe der Männer fanden nach jW-Redaktionsschluss statt. Überraschend waren bereits die Silber- und Bronzemedaillengewinner von Tokio, Nathaniel Coleman (USA) und Jakob Schubert (Österreich), in der Vorrunde gescheitert.

Balance, Akrobatik, Mut

Sportklettern wird in drei Disziplinen praktiziert. Beim Bouldern stehen Balance, Akrobatik, Mut und Körperspannung im Zentrum. Die manchmal winzigen Griffe liegen mitunter derart weit auseinander, dass ebenso Sprung- und Haltetechnik perfekt beherrscht werden müssen. In der Disziplin Lead sind die Sportler an einem Seil gesichert und durchsteigen eine 15 bis 20 Meter hohe Wand. Neben Klettertechnik und Geschick ist Ausdauer unerlässlich, denn das vollständige Durchsteigen der zu jedem Wettkampf neu errichteten Anlagen ist extrem kräftezehrend. Es gewinnt derjenige, der am weitesten kommt, nicht immer reichen die Reserven. Bei Gleichstand oder wenn mehrere Personen den obersten Griff erreichen, entscheidet die Zeit. Oftmals werden kombinierte Wettkämpfe im Bouldern und Lead ausgetragen. In Turnieren befinden sich alle Sportler, die noch nicht geklettert sind, in einer Isolationszone, damit sie nicht sehen, wie ihre Kontrahenten sich in der Route bewegen.

Eine dritte Disziplin ist das Geschwindigkeitsklettern, genannt Speed. Dabei muss eine zehn oder 15 Meter hohe Route schnellstmöglich geklettert werden. Es messen sich immer zwei Sportler im direkten Vergleich, wobei in zwei Durchläufen beide Anlagen durchstiegen werden müssen und die Zeiten addiert werden. Wer schneller ist, kommt eine Runde weiter. Beim Speed kommt es auf Maximalkraft, Tempo sowie höchste Greif- und Trittpräzision an.

Seit der Weltmeisterschaft 2005 sind Routen und Griffolge genormt, so dass Bewegungsabläufe exakt trainiert werden können. Bei den olympischen Spielen bezwang Bassa Mawem (Frankreich) die senkrechte 15-Meter-Wand in 5,45 Sekunden, bei den Frauen war Aleksandra Miroslaw (Polen) mit 6,84 Sekunden die schnellste.

Bei der olympischen Premiere in Tokio gab es eine für viele Teilnehmende unübliche Kombination aller drei Disziplinen. Für die Olympischen Spiele 2024 in Paris sind nun zwei Wettkämpfe geplant, nämlich die gewohnte Lead-Boulder-Kombination sowie das Geschwindigkeitsklettern. Das Executive Board des Internationalen Olympischen Komitees hatte zuletzt vorgeschlagen, Sportklettern dauerhaft in das Programm zu nehmen.

Anhaltender Boom

Die professionelle Klettersaison ist straff terminiert. Nach dem Turnier in Meiringen findet der nächste Weltcup Anfang Mai in Seoul statt. Bis Oktober folgen zwölf weitere Wettkämpfe in Japan, China, Indonesien, den USA und in allen Alpenanrainerstaaten – außer in Deutschland. Für die europäischen Athleten kommt die Europameisterschaft im August in München hinzu. Allerdings werden die wenigsten Sportler jeden Termin wahrnehmen, weil nicht jeweils alle drei Disziplinen ausgetragen werden.

Der Ausschluss von Russland und Belarus von internationalen Sportwettkämpfen wird auch vom Weltkletterverband IFSC getragen. Zwei geplante Weltcups in Moskau wurden in andere Städte verlegt. Zudem dürfen Athleten beider Länder nicht an Turnieren des IFSC teilnehmen.

Vom Ausschluss betroffen ist unter anderem der russische Sportler Wadim Timinow. Er hatte sich am 1. März in einem Eintrag über seinen Instagram-Kanal gegen den Krieg ausgesprochen. »Wenn ich sehe, was in der Ukraine passiert, blutet mein Herz. Wir brauchen keinen Krieg. Wir wollen Frieden.« Er berichtete zudem, dass er an einer Demonstration gegen den Krieg in Sankt Petersburg teilgenommen und dort auch Festnahmen beobachtet habe. Später löschte er die Erklärung und ersetzte sie durch den Hinweis: »Der Text wurde aufgrund neuer Gesetze in Russland entfernt. Ich hoffe auf Verständnis und dass ihr euch an das Geschriebene erinnert.« Die ursprüngliche Fassung ist auf der Homepage des kanadischen Klettermagazins Gripped weiterhin einsehbar. Derweil dienen Kletterhallen in der Ukraine als Zufluchtsort. Standardmäßig sind dort Böden großflächig mit Matten ausgelegt. Fotos von Sportstätten in Lwiw und Kiew zeigen, dass dort Menschen übernachten.

Der anhaltende Boom des Klettersports beschleunigt seine Kommerzialisierung. Bisher waren die Wettkämpfe live und kostenlos über die Homepage des IFSC verfolgbar. Diesmal war der Livestream in Europa und in Lateinamerika gesperrt, statt dessen wurde das Turnier in den TV-Bezahlsendern Discovery plus und Eurosport übertragen. IFSC-Präsident Marco Scolaris erhoffe sich damit größere Sponsorenmöglichkeiten für die Athleten. Der Veranstalter in Meiringen verwies jedoch auf die Möglichkeit, über einen sogenannten VPN-Client – ein virtuelles privates Netzwerk – die Einschränkung zu umgehen und auch von Europa aus auf den Livestream zugreifen zu können.

Drei Wochen kostenlos lesen

Die Tageszeitung junge Welt stört die Herrschenden bei der Verbreitung ihrer Propaganda. Sie bezieht eine aufklärerische Position ohne Besserwisserei und wirkt durch Argumente, Qualität, Unterhaltsamkeit und Biss.

Überprüfen Sie es jetzt und testen die junge Welt drei Wochen lang (im europäischen Ausland zwei Wochen) kostenlos. Danach ist Schluss, das Probeabo endet automatisch.

Startseite Probeabo