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Aus: Ausgabe vom 11.04.2022, Seite 12 / Thema
Brecht-Drama

Dreifacher Gang in die Tiefe

Vor 90 Jahren kam Bertolt Brechts »Heilige Johanna der Schlachthöfe« als Radiosendung zur Uraufführung. Das Stück gewährt Einblick in den Zusammenhang von kapitalistischer Krisenrealität und ideologischer Verbrämung
Von Jürgen Pelzer
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Krise und Verblendung, Gewinner und Verlierer im Monopolkapitalismus. Romuald Pekny als Fleischkönig Mauler (vorne) und Ursula Karusseit als Johanna in Brechts Stück »Die Heilige Johanna der Schlachthöfe« in einer Inszenierung von Benno Besson an der Berliner Volksbühne, 1974

I

Der 25. Oktober 1929 markiert den Beginn der Weltwirtschaftskrise. An diesem Tag, dem berüchtigten »schwarzen Freitag«, kam es in den USA zu einem verheerenden Börsensturz mit weltweiten Folgen. Der in den USA besonders langanhaltende Boom der zwanziger Jahre ging damit abrupt zu Ende. Die Ursachen dafür, dass die Krise so viel tiefgreifender war als andere (und auch länger anhielt), sind vielfältig. Ausgangspunkt sind die besonderen Bedingungen in den USA, wo die Preise landwirtschaftlicher Erzeugnisse aufgrund mangelnder Nachfrage verfielen und die Einkommen der Farmer schrumpften. Im industriellen Bereich führte die Rationalisierung zur Stagnation auf dem Arbeitsmarkt. Während die Produktivität stieg, blieben die Löhne zurück. Statt zu investieren, wurde das überschüssige Kapital spekulativ eingesetzt.

Der Boom an den Börsen, der auf einer Überbewertung der Aktien beruhte, endete jäh, die Spekulationsblasen platzten. Die Kredite, die bislang unter anderem nach Europa gegangen waren, wurden nun zurückgefordert. Da auch die US-amerikanische Nachfrage nach Rohstoffen und Nahrungsmittelimporten fiel, weitete sich die Krise zur Krise der Weltwirtschaft aus. Die Arbeitslosigkeit schnellte in ungeahnte Höhen, vor allem in den USA, aber auch in Deutschland, wo die Zahl der Erwerbslosen bereits 1930 auf vier Millionen stieg und in den folgenden Jahren noch weiter wuchs.

In dieser Krisensituation sahen die ­industriellen Eliten in Deutschland die Gelegenheit, bescheidene sozialpolitische Errungenschaften der Jahre zuvor, die auf das Konto von Sozialdemokraten und Linksliberalen ging (wie etwa die Arbeitslosenversicherung), wieder rückgängig zu machen. So war der Stahlindustrielle August Thyssen geradezu begeistert, da er die Gelegenheit sah, sowohl innen- als auch außenpolitisch umzusteuern: »Diese Krise brauche ich jetzt. Nur dann sind Lohnfragen und Reparationsfragen auf einmal zu beseitigen.«¹ Im Dezember 1929 legte der Reichsverband der deutschen Industrie (RDI) eine Denkschrift vor, in der die Forderungen der Industriellen präzisiert wurden. Beabsichtigt war eine grundsätzliche »Umstellung der Wirtschaft«. Um die Kapitalbildung zu unterstützen, sollte die Wirtschaft dereguliert und steuerlich entlastet werden. Lohn- und Arbeitsbedingungen seien im Sinne der Unternehmer zu lösen. Die Steuerlast sollte auf die breiten Massen abgewälzt werden; all dies vermöge eines starken Staates und einer autoritären Führung, die es dann mit den Präsidialkabinetten nach 1930 und schließlich nach der Machtübergabe an Hitler auch geben sollte. Die angeblichen Rezepte verschärften die prekäre soziale Lage von Millionen Lohnabhängigen indes noch weiter. Zu keinem Zeitpunkt war die Krise angemessen analysiert, geschweige denn gelöst worden. Daran bestand nicht das geringste Interesse.

II

Bertolt Brecht war einer der wenigen Autoren, die nicht von der Krise, sondern allenfalls von ihrem Ausmaß überrascht waren. Er hatte sich bereits früh auf US-amerikanische Darstellungen gestützt, mit Abläufen im Kapitalismus befasst, etwa in dem Fragment gebliebenen Stück »Jae Fleischhacker in Chicago« (1926), und wollte für die Piscator-Bühne in Berlin ein Stück mit dem Titel »Weizen« schreiben, das die Hintergründe von Wirtschaftsspekulationen enthüllen sollte. Hier taucht auch bereits das in den folgenden Jahren viel diskutierte Motiv der Grundstoffvernichtung auf, etwa die Vernichtung ganzer Weizen- oder Kaffeeernten, um so die »Stabilität« der Preise zu wahren. Auch Stückentwürfe wie »Der Brotladen« (1929) gehören in den Umkreis dieser Thematik. Im »Brotladen« findet sich auch bereits der Komplex der Heilsarmeethematik, die auch im Zentrum von Elisabeth Hauptmanns Stück »Happy End« steht. Bei diesem Komplex geht es vor allem darum, dass sich angeblich religiös-unpolitische Haltungen als durchaus korrumpierbar erweisen.

In der »Heiligen Johanna der Schlachthöfe« gelang es dann Brecht, der 1930 und 1931 eng mit Elisabeth Hauptmann, aber auch Emil Burri, Bernhard Reich und Walter Benjamin zusammenarbeitete, den ökonomischen und den Heilsarmeekomplex miteinander zu verbinden und schließlich die Johanna-Figur – nach dem Vorbild Friedrich Schillers – als idealistische Hauptfigur zu profilieren. Aus Jeanne d’Arc wird Johanna Dark, die trotz oder wegen ihres Idealismus im dunkeln gesellschaftlicher Ahnungslosigkeit verharrende Heldin. Die klassischen Bezüge werden zudem stärker betont, was sich nicht nur in der Verssprache niederschlägt, die den Blankvers und den Hexameter gezielt einsetzt, sondern auch in der ideologisch-ästhetischen Konzeption. So sprach Brecht, der das neue Stück – anders als die gleichzeitig entstehenden Lehrstücke – für ein bürgerliches Theater schrieb, ausdrücklich davon, es solle »die heutige Entwicklungsstufe des faustischen Menschen zeigen«², womit auf die tatorientierten Figuren des traditionellen Bürgertums in dessen »heroischer« Phase verwiesen ist.

III

Das dramatische Geschehen ist im Milieu der Schlachthöfe Chicagos angesiedelt, einer gigantischen Fleischverarbeitungsindustrie, damals einer jener relativ neuen Industriezweige, die landwirtschaftliche Produktion und fabrikmäßige Verarbeitung, Verpackung und Distribution zusammenführten, was gerade in den USA enorme Dimensionen annehmen sollte. Brecht konnte hier auf Upton Sinclairs Klassiker »The Jungle« von 1906 zurückgreifen, der die Zustände in solchen Produktionsstätten kritisch beleuchtet und unter anderem auf den katastrophalen Mangel an Sicherheitsvorkehrungen, der immer wieder zu grauenerregenden Unfällen führte, aufmerksam gemacht hatte. Wie die Monopolbildung, das heißt die Konzentration und Kontrolle von Rohstoffen (Vieh), Fabrikation (Büchsenfleisch) und Transport oder Distribution, verlief, ein Prozess, der übrigens von der Regierung zeitweise bekämpft wurde, konnte Brecht am Beispiel John D. Rockefellers oder John P. Morgans studieren, die der US-amerikanische Historiker Gustavus Myers in seinem Standardwerk »Geschichte der amerikanischen Vermögen« (1916) ausführlich beschrieben hatte. So hatte Rockefeller, dessen philanthropische Seite in Brechts Stück einfloss, zunächst eine Ölfirma gegründet, um dann auch Bergbau, Hüttenwerke und Eisenbahn sowie andere Industriezweige in seiner Hand zu vereinigen und damit zum seinerzeit reichsten Mann der Welt aufzusteigen. Ähnlich war die Situation bei den Morgans, die einen Stahlindustrietrust begründeten, der auch Schiffahrt und Transportwesen kontrollierte. Morgans zweiter Vorname ist auch der Vorname des »Fleischkönigs« Pierpont Mauler, der in Brechts Stück für die Kapitalistenklasse in dieser Monopolisierungsphase steht. Mauler – der Nachname leitet sich vom englischen »to maul«, »zerfleischen«, ab – ist nun allerdings kein karikaturistisch gezeichneter Unternehmer. Brecht stattete ihn, einzelnen Zügen seiner Vorlagen folgend, durchaus mit widersprüchlichen Charakteristika aus. So ist Mauler – wie auch der ebenfalls als Modell geltende Industriemagnat Hugo Stinnes – relativ bedürfnislos, er hat, wie Rockefeller, phil­anthropische Züge, finanziert also etwa lokale Krankenhäuser, oder lässt gelegentlich einen Sinn für Höheres, Geistiges erkennen.

Brechts Stück zeigt nun exemplarisch, wie sich Mauler als dominante Figur, als Vertreter der oberen Sphäre einer kapitalistisch organisierten Gesellschaft in den jeweiligen Phasen einer ökonomischen Krise verhält. Diese Krise scheint zunächst nicht absehbar. Mauler hat in seinen Schlachthof investiert, die Produktion läuft auf Hochtouren, doch ein Brief aus New York, dem Finanzzentrum der USA, warnt vor einer Absatzkrise. Mauler versteht den Wink, signalisiert seinem Kompagnon Cridle, dass er sich aus dem »blutigen Geschäft« zurückziehen will, täuscht ihn also, um so seinen Anteil günstig verkaufen zu können, nicht ohne einen weiteren Konkurrenten aus dem Weg zu räumen. Die Krise bereitet sich also durch Verkaufseinbußen vor, über die Mauler vorab – durch Insiderinformationen – erfährt. Da der Absatz einbricht und viel zu viele Produkte auf dem Markt sind, führt die Aktion Maulers zu einer Kettenreaktion, zur Entwertung der Anteile und zur massenhaften Entlassung von Arbeiterinnen und Arbeitern. Mauler, der sich angeblich zurückziehen wollte, kauft in dieser Phase die gesamte Produktion auf und obendrein noch alles Vieh, um jegliche Produktion zu verhindern. Während Mauler einen weiteren Schritt zur Monopolisierung gemacht hat, ist die Krise nun voll entwickelt. Es wird weder produziert, noch ist ein Angebot auf dem Markt. Die Arbeiterinnen und Arbeiter leiden zu Zehntausenden unter Arbeitslosigkeit, Hunger und Kälte.

Der gesellschaftliche Gegensatz zwischen privatem Reichtum und öffentlicher Armut könnte krasser nicht sein: Mauler, obwohl selbst scheinbar bedürfnislos in seinem Büro lebend und den Kapitalismus wie eine Art Sport betreibend, hat alles, was die anderen brauchen. Wenn Mauler das aufgekaufte Vieh schließlich doch auf den Markt wirft, kann er die Preise diktieren. Hat er zuvor, angeblich aus Menschlichkeit, alles zu einem niedrigen Preis aufgekauft, kann er jetzt hohe Preise verlangen. Der Markt kommt freilich nur sehr mühsam wieder in Gang. Die kleinunternehmerische Konkurrenz macht zunächst Pleite, aber auch Mauler selbst.

Erst allmählich kommt die Produktion wieder in Gang, allerdings auf einem niedrigeren Niveau, jetzt als »Fleischring« unter Führung Maulers, der immer noch von der Wall Street gestützt wird. Das »Ei des Kolumbus« ist gefunden: Das überschüssige Vieh wird zu einem Drittel vernichtet, um die Preise zu halten, ein Drittel der Arbeiter wird entlassen (oder nicht mehr eingestellt), die Löhne werden um ein Drittel reduziert, die Preise dagegen erhöht. Brecht folgt insoweit dem klassischen kapitalistischen Krisenszenario, wie es bereits bei Marx für die Krisen des Konkurrenzkapitalismus entwickelt wurde. Entscheidend sind Absatzkrise und Überproduktion. Die Krise führt dann zum Zusammenbruch des Marktes und ausufernder Arbeitslosigkeit. Die Kettenreaktion kann dann auch andere Sektoren erfassen und internationale Auswirkungen haben. Die Überwindung der Krise geht zumeist mit einer längeren Stagnationsphase einher.

Der Krisenzyklus ist damit jedoch keineswegs überwunden, auch dies deutet Brecht zum Schluss an. Die Abläufe werden als Naturgesetzlichkeit hingestellt, die man als gegeben und unabänderlich hinzunehmen habe. Allenfalls ist man um eine ideologische Verbrämung bemüht, etwa indem man die Monopolkapitalisten als »gute Menschen« hinstellt, die das gemeinsame Wohlergehen der Menschen im Auge hätten – auch darauf geht Brecht ein.

IV

»Die Heilige Johanna der Schlachthöfe« beschränkt sich nicht auf eine dramaturgisch inszenierte Illustration des kapitalistischen Krisenzyklus. Es geht, wie fast immer in Brechts antiaristotelischen Theaterstücken, um die Ausstellung und damit Kritisierbarkeit von Haltungen. Brecht nutzt die Johanna-Figur, um dies anhand verschiedener, in den Gang der Handlung integrierter Episoden zu illustrieren. Johanna kommt als einfache Vertreterin der Heilsarmee, das heißt jener 1865 gegründeten humanitär-religiösen, sich als Armee Gottes verstehenden Hilfsorganisation auf die Schlachthöfe. Offensichtlich uninformiert über die sozialen Bedingungen des Kapitalismus, ist sie schockiert von den Zumutungen, unter denen die Arbeiterinnen und Arbeiter leben müssen. Die Haltung, die sie auf ihrem ersten »Gang in die Tiefe« einnimmt, entspricht ihren religiösen Vorgaben. Sie will zwar Suppen verteilen, um dem Elend abzuhelfen, doch gleichzeitig vermitteln, dass es höhere Bedürfnisse gebe als Essen und Wohnen. Die negative Reaktion der Arbeiter, die zwar die Suppe, aber nicht die sie begleitende Belehrung schätzen, veranlasst Johanna, nach der Ursache des Elends zu forschen.

Sie macht sich deshalb auf den Weg zu Mauler, dessen Gesicht ihr als »das blutigste« erscheint. In der dritten Szene des Stücks stellt sie ihn wegen der Schließung der Schlachthöfe zur Rede. Mauler lässt sich auf den Dialog mit Johanna ein, da sie ihm Gelegenheit gibt, das Blutige seines Geschäfts und seine Skrupel auszustellen. Gleichzeitig charakterisiert er die Arbeiter als schlechte Leute, die keineswegs unschuldig, sondern vielmehr »selber Metzger« und deshalb ihres Mitgefühls nicht wert seien. Maulers Makler Slift nimmt Johanna mit zu einem zweiten Gang in die Tiefe, der ihr die Schlechtigkeit der Menschen zeigen soll. Dabei wird der Fall der Frau Luckerniddle wie ein Lehrstück inszeniert. Die Witwe eines verunglückten (in die Maschine geratenen und zu Blattspeck verarbeiteten) Mannes besteht nur kurz auf Aufklärung des Falles, den die Firma weiter vertuschen will, und lässt sich bald für 20 Mittagessen kaufen. Johanna wird auch Zeugin der hemmungslosen Konkurrenzkämpfe unter den Arbeitern, die sich um jeden freibleibenden Arbeitsplatz reißen.

Doch sie sieht nicht, wie erhofft, »Schlechtigkeit ohne Maß«, sondern hat diejenigen im Blick, die ihre Schlechtigkeit ausnutzen (oder verursachen). Und vor allem lenkt sie den Blick auf die Ursache der Schlechtigkeit: »Ist ihre Schlechtigkeit ohne Maß, so ist’s / Ihre Armut auch.« Es geht also nicht um eine moralisch zu verurteilende Schlechtigkeit, sondern – materialistisch ansetzend – um »der Armen Armut«.

Johanna, die mittlerweile unter den Arbeitern Anhänger gewonnen hat, bleibt im Kontakt mit Mauler. Das Moralargument aufnehmend, warnt sie ihn vor Unmoral und möglicher Revolution. Sie redet ihm ins Gewissen und drängt darauf, Fleisch zu kaufen und die Schlachthöfe wieder zu öffnen. Tatsächlich gibt Mauler nach, wobei er den wahren Grund verheimlicht – denn er hat wieder einen Brief aus New York mit entsprechenden Insidertipps erhalten. So verhilft Johanna ihm auch mit ihrem weiteren Vorschlag, zudem Vieh aufzukaufen, nur zu einem weiteren Coup.

An der Gesamtlage ändert sich dadurch freilich nichts, wie Johanna erkenne muss, die glaubte, ihre an den »Menschen« Mauler und an den Gemeinsinn appellierende Strategie habe Erfolg gehabt. Denn die Schlachthöfe bleiben weiterhin geschlossen. Johanna selbst gerät in Konflikt mit der Leitung ihrer Organisation, die sich – statt auf Veränderungen zu drängen – von den Packherren korrumpieren lässt. Die zahlen die nächsten 40 Monatsmieten, wenn die Heilsarmisten ihre religiöse Botschaft unter die Menschen bringen, derzufolge das Unglück – die Krise, der Hunger, die Armut – »wie der Regen kommt, niemand weiß woher, und dass das Leiden ihnen bestimmt ist und ein Lohn dafür winkt«. Die Verhältnisse seien somit als unabänderbar hinzunehmen. Als Johanna die Packherren kritisiert und sie »aus Gottes Haus« herauswirft, das »sie zu einer zweiten Geldbörse machen wollen«, wird sie entlassen. Sie findet sich selbst auf der Straße wieder und muss sich in der Folge allein durchschlagen.

Auf ihrem dritten Gang in die Tiefe kommt sie in Kontakt mit den Gewerkschaften und Arbeiterorganisationen, die einen Generalstreik organisieren und schließlich ihr, als unbescholtener, glaubwürdiger Person, die Übergabe eines wichtigen Briefes anvertrauen, der Instruktionen für die Vorbereitung und Durchführung des Streikes enthält. Johanna, »Gewalttätiges« befürchtend, hält sich jedoch nicht an den Auftrag, traut den von Mauler ausgestreuten Gerüchten einer bevorstehenden Öffnung der Schlachthöfe und trägt damit zum Scheitern des Streiks bei, der mit militärischer Gewalt zerschlagen wird. Johanna hat sich zwar in ihrer Einstellung gewandelt: Sie hat die religiöse Beschwichtigungs- und Vertröstungshaltung überwunden. Und sie hat auch erkennen müssen, dass ein Appell an Vernunft und Gemeinsinn zum Wohle aller nicht realisierbar ist. Aber sie hat sich, wie Brecht zeigt, nicht vorbehaltlos auf die Seite der leidenden und kämpfenden Arbeiterschaft stellen können. Doch hat sie – Brechts erklärtem Ziel entsprechend – Einblick in die gesellschaftlichen Prozesse gewinnen können. Derzufolge gibt es zwischen oben und unten eine »Kluft«, die jede Gemeinsamkeit, ja jede Kommunikation verhindert: »Und was oben vorgeht / Erfährt man unten nicht / Und nicht oben, was unten vorgeht / Und es sind zwei Sprachen oben und unten / Und zwei Maße zu messen / Und was Menschengesicht trägt / Kennt sich nicht mehr.«

Kurz vor ihrem Tod (sie stirbt an einer Lungenentzündung, die sie sich infolge des Winterwetters zugezogen hat) benennt sie auch das dialektische Gegeneinander, das dafür sorgt, dass die, die unten sind, unten gehalten werden, »damit die oben sind, oben bleiben«. Ein solches auf Gewalt basierendes Machtverhältnis sei letztlich nur durch Gewalt zu ändern, wobei sie auch jene zur Verantwortung zieht, die glauben, man könne sich über die realen Verhältnisse »ins Geistige erheben«.

Genau dies geschieht aber am Schluss des Stücks, der geradezu opernhaft wirkt, da nicht nur das verzweifelt-isolierte Fazit Johannas übertönt wird, sondern gleichzeitig auch die Schlagzeilen der zeitgenössischen Presse zur Weltwirtschaftskrise und religiös wirkende Slogans zur Feier des Reichtums und des Status quo eingeblendet werden. Dabei wird Johanna – wie ihr Schillersches Vorbild – als heldenhaft untergegangene Frau zur Rettungsfigur stilisiert, ja kanonisiert, zur Heiligen erhöht. Ihr Scheitern wird ebenso ausgeblendet wie ihre Einsicht in die gesellschaftlichen Zusammenhänge. Johanna steht statt dessen – wie die klassische Tradition, die Brecht motivisch und sprachlich so intensiv bemüht – für das Abgehoben-Geistige und das abstrakt Humane, dessen der Kapitalismus als krudes, unmenschliches System unbedingt bedarf.

Die klassische Dimension erschöpft sich also nicht im Parodistischen. Brecht nutzt die stilistische Überhöhung, um die heroischen Illusionen der Vergangenheit kenntlich zu machen. Mauler wie Johanna können insofern tatsächlich als Inkarnationen des »faustischen Menschen« gelten, dessen Orientierung auf Tatkraft und soziale Veränderung gescheitert ist. Mauler ist keineswegs der titanenhafte einzelne, der exemplarisch Großes schafft, sondern vielmehr bloßes Anhängsel ökonomischer Mechanismen. Und Johannas Vision zielt zwar auf eine Änderung der Gesellschaft, auf humanitären Linderung und die Abschaffung des Elends, doch bleibt sie isoliert und scheitert deshalb im entscheidenden Augenblick. Eine wahre Befreiung, so die unausgesprochene Konsequenz, kann nur mit Hilfe jener Massen gelingen, die in der »Heiligen Johanna« im Hintergrund, wenn auch stets präsent, bleiben.

Anmerkungen
1 Zitiert nach Manfred Weißbecker: Weimarer Republik. Köln 2015, S. 88
2 Bertolt Brecht, BFA, Band III, S. 128. Nach dieser Ausgabe wird auch im Text zitiert.

Jürgen Pelzer schrieb an dieser Stelle zuletzt am 28. Februar über Walter Benjamins Städtebilder.

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