Jetzt drei Wochen gratis lesen.
Gegründet 1947 Mittwoch, 29. Juni 2022, Nr. 148
Die junge Welt wird von 2640 GenossInnen herausgegeben
Jetzt drei Wochen gratis lesen. Jetzt drei Wochen gratis lesen.
Jetzt drei Wochen gratis lesen.
Aus: Ausgabe vom 11.04.2022, Seite 11 / Feuilleton
Rock

Der lange Moment vor dem Ende

Im Geist der Sache: Der Tribute-Sampler »Highway Butterfly« erinnert an das Werk des verstorbenen Singer-Songwriters Neal Casal
Von Frank Schwarzberg
Albumveroeffentlichu_71599354.jpg
Kein fröhlicher Mensch: Neal Casal (1968–2019)

Etwas für Fans und solche, die es werden wollen: der Tribute-Sampler »Highway Butterfly«. 41 Songs zu Ehren des viel zu früh gestorbenen Musikers Neal Casal (1968–2019). Und das noch schönere Geschenk: Der halbe Hunderter für drei CDs, die niedrige dreistellige Summe für fünf LPs fließen nicht Richtung Plattenfirma Warner, sondern gehen an die Neal Casal Music Foundation, eine gemeinnützige Organisation zur musikalischen Förderung von Schulkindern in New Jersey und zur Unterstützung von Organisationen, die mit Depressionen kämpfende Musiker unterstützen – Casal selbst konnte ganze Lieder davon singen.

Die Songs auf »Highway Butterfly« legen einmal mehr Zeugnis ab von der Klasse seines Solowerks. Auftakt dazu war Casals Debütalbum »Fade Away Diamond Time« von 1995, vergangenes Jahr erschien es als Reissue, erstmals auch auf Vinyl.

Casals Songs erinnern an Jackson Browne oder an Neil Young und dessen Album »Long May You Run« von 1976 – und stehen doch für sich. Hört man die hier versammelten Coverversionen, fällt vor allem der Reichtum seines Werkes auf, die vielgestaltigen Melodien, die zahlreichen Ideen innerhalb eines Songs, all die Charaktere, Stimmungen, die Tiefe. Die Lieder atmen Sehnsucht, Melancholie und Weite, und tatsächlich gelingt es den meisten Künstlern des Tribute-Samplers, den Geist der Vorlagen zu erfassen. Die Interpreten stellen ihr Ego zurück und sich in den Dienst der ureigenen Atmosphäre von Neal Casals Musik. Eine echte Würdigung. Da sei es Bluesrock-Wunderkind Marcus King (zusammen mit Eric Krasno) verziehen, dass er bei seiner Version des Tearjerkers »No One Above You« nach dem letzten Refrain ein knapp zweiminütiges Gitarrenduell dranhängt. Oder Steve Earle nachgesehen, dass sein Titelsong knarzt, schnauft und brummt wie, nun ja, Steve Earle eben. Gleichwohl sorgen die beiden für zwei Highlights des Boxsets, denn sie lassen durch ihren sehr prägnanten Gesang kurz vergessen, dass hier im Grunde etwas Entscheidendes fehlt: Casals Stimme. Weich und kraftvoll zugleich trug sie seine Songs, erfüllte sie mit Seele. Wenn sie fehlt, merkt man freilich erst recht, wie gut Casals Songwriting war.

Müsste ich mich für ein Stück entscheiden, wäre es Jonathan Wilsons Version von Casals Interpretation des Barbara-Keith-Songs »Detroit or Buffalo«, zusammen mit Hannah Cohen (Begleitstimme), Jon Graboff an der wehmütig wimmernden Pedal Steel. Wilsons Kunst hier ist ganz und gar unprätentiös, der Gesang unaufdringlich, das abschließende E-Gitarrensolo songdienlich, bis in die Pausen hinein spürt Wilson dem Gefühl der Stücke nach, dem Gefühl des Weiterziehens, über das Berthold Seliger in seinem langen Stück in der jungen Welt über Townes Van Zandt bzw. dessen letztes Album »No Deeper Blue« (1994) schreibt: Die »ewige Wanderschaft« sei hier »zu ihrem Ende« gekommen.

»Detroit or Buffalo« findet sich bereits auf Casals Debüt »Fade Away Diamond Time«. Vor allem um den langen Moment vor dem Ende geht es in diesem Song. Und später noch in vielen anderen.

Various Artists: »Highway Butterfly« (Neal Casal Music Foundation/The Royal Potato Family)

Drei Wochen kostenlos lesen

Die Tageszeitung junge Welt stört die Herrschenden bei der Verbreitung ihrer Propaganda. Sie bezieht eine aufklärerische Position ohne Besserwisserei und wirkt durch Argumente, Qualität, Unterhaltsamkeit und Biss.

Überprüfen Sie es jetzt und testen die junge Welt drei Wochen lang (im europäischen Ausland zwei Wochen) kostenlos. Danach ist Schluss, das Probeabo endet automatisch.

Mehr aus: Feuilleton