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Aus: Ausgabe vom 11.04.2022, Seite 10 / Feuilleton

Das lange 20. Jahrhundert

Von Erwin Riess
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Und wo steckt der Biber? Sonniger Morgen im österreichischen Floridsdorf

Der Dozent traf Herrn Groll am Marchfeldkanal. Er sei 30 Kilometer quer durch Wien gefahren, vom hügeligen Schloss Schönbrunn bis in die entrischen Gründe jenseits der Donau. »Wo werde ich meinen Groll wohl finden? An der Donau oder am Marchfeldkanal, irgendwo am Wasser, dachte ich. Guten Tag, geschätzter Freund. Was tragen Sie denn da in der Hand?«

»Einen Kranz Braunschweiger«, erwiderte Groll. »Für Emil, meinen Freund.«

»Sie füttern einen Biber mit fetter Wurst?«

»Für Emil scheue ich keine Kosten. Seit die Inflation galoppiert, frisst halb Floridsdorf Braunschweiger.«

»Ich dachte, Biber ernähren sich von jungen Bäumen.«

»Das stimmt auch, aber Emil ist ein vorstädtischer Biber. Da darf man nicht wählerisch sein.«

Er habe im Fernsehen die Kriegsanalyse eines hohen österreichischen Militärtheoretikers namens Hofbauer gesehen, sagte der Dozent. »Beklemmend, aber aufschlussreich.«

»Die österreichischen Militäranalysten zählen zu den besten ihres Fachs«, erwiderte Groll. »Die Mariatheresianische Militärakademie in Wiener Neustadt genießt Weltruf. Das war schon im Ersten Weltkrieg so. Die Misserfolge auf dem Feld wurden in der Theorie wettgemacht. Die militärischen Analytiker konnten punktgenau nachweisen, warum die ›K. u. k.‹-Armee verloren hatte, sei es am Isonzo, in Serbien oder bei Lemberg. Außerdem durchlaufen die Offiziere regelmäßige Weiterbildungen in NATO-Eliteakademien.«

Ob diese Praxis von der Neutralität gedeckt sei, wollte der Dozent wissen.

»Vor der österreichischen Neutralität ist alles gedeckt«, sagte Groll. »Das trägt in nicht geringem Maß zur Verwirrung des Feindes bei. Exkanzler Schüssel hat dies Anfang der 2000er Jahre Wladimir Putin anlässlich von dessen Skiurlaub am Arlberg während einer Liftfahrt erläutert. Was sagte nun der Militäranalyst?«

»Gut, dass Sie bereits sitzen«, eröffnete der Dozent seinen Bericht. »Er sagte, der Krieg werde möglicherweise noch Jahre dauern. Der Donbass und die Landbrücke zur Krim seien für die Ukraine für immer verloren. Die russischen Streitkräfte seien dabei, ihre Kräfte neu zu formieren und 1.000 Kilometer südlicher rund um den Donbass und die Krim einzusetzen. Das werde einige Wochen dauern. Die Verluste an Mannschaften und rollendem Material seien unerwartet hoch, auch sei der Widerstandswille der Bevölkerung unterschätzt worden. Doch die ukrainische Armee stehe vor nahezu unlösbaren Aufgaben; die personellen Ausfälle könnten immer weniger kompensiert werden, und der Einsatz neuer Waffen benötige eine teils monatelange Umrüst- und Vorlaufzeit. Untrainierte Soldaten sind nicht imstande, hochkomplexe mit Elektronik vollgestopfte Waffensysteme zu bedienen. Außerdem seien Eisenbahnzüge mit millionenteurer Gerätschaft eine leichte Beute der russischen Luftstreitkräfte. Trotz der elektronischen Gefechtsfeldaufklärung durch die Amerikaner, des Einsatzes einiger weniger panzerbrechenden Waffen aus Schweden und Großbritannien gehe es für die Verteidiger nun darum, sich zurückzuziehen, um eine drohende Einkesselung durch überlegene russische Kräfte zu verhindern. Die entscheidende Botschaft aber war: Der Krieg wird bleiben. Und das mit allen Verwerfungen, die ein großer andauernder Landkrieg in Europa mit sich bringt. Allfällige regionale Waffenstillstandsabkommen werden nichts ändern. Der Krieg kann von den bezogenen Positionen jederzeit wieder aufgenommen werden. Schließlich wird Russland sich, von den Sanktionen getrieben, Schritt für Schritt in eine Kriegsökonomie verwandeln, die alle Aspekte des gesellschaftlichen Lebens, von der Wissenschaft über die Bildung bis zur Kunst und zum Sport, dominieren wird. Ein neuer, ein bleierner Vorhang wird sich über Osteuropa senken. Was sagen Sie dazu?«

Herr Groll wiegte den Kopf und sagte dann: »Ich finde kein Argument, das den Militärtheoretiker widerlegen könnte. Wir steuern in einen neuen kalten Krieg hinein. Der marxistische Historiker Eric Hobsbawm sprach vom kurzen 20. Jahrhundert, das 1989 zu Ende gegangen sei. Lebte er noch, würde er sich korrigieren. Das historische 20. Jahrhundert dauerte von 1917 bis 2022.«

Der Dozent wurde auf eine Bewegung im Kanal aufmerksam. »Ich glaube, da kommt Emil.«

»Verehrter Freund, das ist kein Biber, das ist eine Schuhschachtel«, widersprach Groll. »Keine langen Transportwege. Ökologische Müllentsorgung, direkt vor dem Gemeindebau. Sie verstehen?«

Der Dozent schüttelte ungläubig den Kopf.

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