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Aus: Ausgabe vom 11.04.2022, Seite 1 / Titel
Krieg in der Ukraine

Kiew spielt auf Zeit

Ukraine will Fortsetzung der Gespräche mit Russland nach »besserer Verhandlungsposition«. Streit über Verantwortung für Angriff in Kramatorsk
Von Reinhard Lauterbach
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Der britische Premier Johnson gemeinsam mit dem ukrainischen Präsidenten Selenskij am Sonnabend in Kiew

Nach sechseinhalb Wochen Krieg setzt die Ukraine auf ihren Sieg. Mehrere Personen aus dem Umfeld von Präsident Wolodimir Selenskij sagten am Wochenende, eine baldige Fortsetzung der Verhandlungen mit Russland über einen Waffenstillstand und einen Friedensvertrag sei nicht zu erwarten. Laut Präsidentenberater Michailo Podoljak ist ein Treffen Selenskijs mit seinem russischen Amtskollegen Wladimir Putin in den nächsten zwei Wochen unwahrscheinlich. Selenskij hatte zuvor erklärt, im Falle eines solchen Treffens könne »sofort« ein Waffenstillstand vereinbart werden. Nun sagte Podoljak, die Ukraine bereite sich vorrangig auf die zu erwartende Schlacht im Donbass vor. Danach werde sie eine stärkere Verhandlungsposition haben. Der ukrainische Chefunterhändler bei den Verhandlungen, David Arachamija, sagte am Wochenende, Kiew werde keinerlei territoriale Zugeständnisse machen. Verhandlungen über einen Verzicht auf die Krim oder den Donbass seien nicht denkbar. Zuvor hatte die ukrainische Seite gefordert, die russischen Truppen sollten sich auf den Vorkriegsstand zurückziehen, und über den künftigen Status der Krim solle dann über einen Zeitraum von 15 Jahren »nachgedacht« werden. Diese Position ist nun offenbar vom Tisch.

Auf weitere Änderungen der ukrainischen Position wies das russische Außenministerium in einer Mitteilung vom Freitag hin. Darin hieß es, Kiew habe sich von den Standpunkten wieder abgesetzt, die Arachamija am 29. März in Istanbul selbst unterzeichnet habe. So sei in dem an Russland übermittelten Vertragsentwurf im Kapitel zu den von der Ukraine verlangten Sicherheitsgarantien der Verweis gestrichen worden, dass alle Garantiemächte – also auch Russland – internationalen Militärmanövern in der Ukraine zustimmen müssten. Das Land zeige sich, so das russische Außenministerium, als »nicht vertragsfähig«.

Die Änderungen hängen vermutlich mit der Aufrüstung der Ukraine auch mit schweren Waffen aus NATO-Beständen zusammen. So sagte der britische Premierminister Boris Johnson Kiew bei einem Besuch am Sonnabend 120 Schützenpanzer sowie Antischiffsraketen und weitere Rüstungskredite zu. Auch die EU-Spitze versprach Kiew bei einem Besuch am Freitag mehr Geld für Waffen.

Indes beschuldigen sich Russland und die Ukraine weiter gegenseitig, für den tödlichen Angriff auf den Bahnhof von Kramatorsk am Freitag verantwortlich zu sein. Beide verbreiteten dabei Halbwahrheiten, indem sie behaupteten, sie hätten keine Raketen des eingesetzten Typs »Totschka-U« (SS-21). Die Ukraine sprach von einer »russischen Rakete«, was schon deshalb nicht stimmen kann, weil diese Systeme noch zu sowjetischen Zeiten entwickelt wurden und 1991 in beiden Armeen vorhanden waren. Russland hat seine Geschosse dieses Typs zwar durch die moderneren »Iskander«-Raketen ersetzt, die vorhandenen SS-21 aber nach westlichen Angaben inzwischen reaktiviert. Dagegen hat sich Kiew im Krieg mehrfach gerühmt, ihre SS-21 »erfolgreich eingesetzt« zu haben. Darunter auch bei einem Angriff auf das Stadtzentrum von Donezk am 12. März, als etwa 30 Zivilisten getötet wurden. Die Zahl der Todesopfer des Angriffs ist inzwischen auf über 50 gestiegen. Am Sonntag berichtete das ukrainische Portal Strana, dass nach Artilleriebeschuss durch Kiew die Stromversorgung für weite Teile Donezks zusammengebrochen sei.

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  • Leserbrief von M. Schmidt (11. April 2022 um 16:29 Uhr)
    »Russland hat seine Geschosse dieses Typs zwar durch die moderneren »Iskander«-Raketen ersetzt, die vorhandenen SS-21 aber nach westlichen Angaben inzwischen reaktiviert.« Weil westliche Angaben das implizieren, redet Russland Halbwahrheiten? Der Westen zeigt eine »Totschka«-Abschussrampe in Gomel, Belarus. Das heißt, Russland hätte sie wieder reaktiviert. Ich kann ja verstehen, dass man unparteiisch sein will, aber durch waghalsige Spekulationen neigt man dann doch wieder zu einer Seite. Es wird auf das »V« verwiesen, aber das kann a) gephotoshoppt sein, oder b) einfach eine Kennzeichnung während der Manöver in Belarus gewesen sein, die die russischen Truppen dann beibehalten haben. Herr Lauterbach ist auf den Hinweis, dass die Seriennummer zu den bis dato verschossenen ukrainischen Raketen passt, sowie die durch Beobachtung und Lage des Projektils nachvollziehbare Flugbahn, die aus von den ukrainischen Streitkräften besetzten Gebiet kam, nicht eingegangen. Kriegsverbrechen auch der ukrainischen Seite sollten klar benannt werden.
  • Leserbrief von Jörg Heinrich (11. April 2022 um 11:22 Uhr)
    Vielen Dank für den Artikel, es gibt mehrere Punkte die ich ergänzen möchte.
    1. Die Aussage Russlands man habe »Totschka-U« ausgemustert ist plausibel. – Die letzte Einheit sei 2019 von »Totschka-U« auf »Iskander« umgestellt worden.
    1.2 Seit Ende der UdSSR 1991 hat Russland für zirka zehn Jahre kaum neue Waffen beschafft, auch keine »Totschka-U« (das ist allgemein bekannt).
    1.2 Feststoffraketen wie »Totschka-U« eine begrenzte Lebensdauer auch wenn sie eingelagert sind (shelf-life). Solche Raketen lassen sich kaum länger als zirka 25 Jahre im Aktiven Dienst halten [1,2]. Danach muss die Rakete ersetzt oder komplett überholt werden.
    1.3 »Iskander« war von Anfang an als Ersatz für »Totschka« beschafft worden. »Iskander« ist seit 2006 im Zulauf und ersetzt dabei »Totschka« (vielfältige Quellen sprechen dafür, auch Wikipedia). 2019 hat das russische Verteidigungsministerium die letzte »feierliche« Umstellung auf »Iskander« ganz offiziell gemeldet [3].
    1.4 Dass »Totschka-U« in Russland wegen der Kosten nicht nochmal »überholt« wird, wurde schon 2012 berichtet [4] Apropos, »Iskander« und »Totschka« sind vom gleichen russischen »Hersteller«
    2. Die Ukraine hatte seit 2014 vielfach »Totschka-U« eingesetzt [5,6] und dies auch teilweise offen bestätigt.
    3. Die Seriennummer der Rakete in Kramatorsk weist auf eine ukrainische »Totschka-U« hin [5,6].
    4. Die ukrainische Rakete muss nicht vorsätzlich dem Angriff auf Kramatorsk gedient haben. Zirka 30 Jahre alte Raketen können schlicht technisch »versagen« und irgendwo runtergehen.
    Quellen:
    [1] https://www.quora.com/What-is-the-shelf-life-of-a-solid-propellant
    [2] https://link.springer.com/article/10.1007/s40430-019-2143-7
    [3] https://function.mil.ru/news_page/country/more.htm?id=12263177@egNews
    [4] https://iz.ru/news/516291
    [5] https://www.telesurtv.net/news/muestran-pruebas-ucrania-disparo-misil-kramatorsk-20220410-0016.html
    [6] https://report24.news/russland-herkunft-der-rakete-eindeutig-geklaert-journalisten-filmten-ukrainische-seriennummer/>
  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Wolfgang T. aus Wandlitz (10. April 2022 um 20:45 Uhr)
    Leider verstärkt sich mein Eindruck, dass der Krieg ein Krieg des Westens gegen Russland ist. Die Dirigenten sitzen in den USA. Die Ukrainer sollen die Drecksarbeit machen und dafür, wenn sie es gut tun, belohnt werden. Dafür werden sie ausgerüstet, dafür werden ihnen zur Zeit alle Wünsche erfüllt und dafür läuft die mediale Kampagne. Ein unnötiger Krieg, den wir verantworten und der uns teuer zu stehen kommen wird. Ich erwarte nicht, dass der Bär sich in seine Höhle zurückziehen wird. Solche Kriege sind völlig unkalkulierbar und neben dem menschlichen Elend mit riesigen Konsequenzen verbunden. Es wird Zeit, dass wir aufstehen und sagen, dieser Krieg muss beendet werden. Friedensdemos müssen organisiert werden und wir müssen der zunehmend verbreiteten Meinung entgegenwirken, dass dieser Krieg durch die Ukraine gewonnen werden kann und wir deshalb als Kriegspartei eintreten müssen.

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