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Aus: Ausgabe vom 09.04.2022, Seite 6 / Inland
Rassistisch motivierte Gewalt

»Die Zeit heilt die Wunden nicht«

Zehn Jahre keine Aufklärung: Berliner Initiative gedenkt ermordetem Burak Bektaş in Berlin-Neukölln. Ein Gespräch mit Bahar E.
Interview: Gitta Düperthal
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Ein Demonstrationszug zog vom U-Bahnhof Johannistaler Chaussee zum Tatort in der Rudower Straße (Berlin, 5.2.2021)

Am 5. April 2012 wurde der 22jährige Burak Bektaş auf offener Straße in Berlin-Neukölln von einem Unbekannten erschossen, und zwei seiner Freunde lebensgefährlich verletzt. Anlässlich des zehnten Jahrestags der Ermordung halten Sie an diesem Sonntag eine Kundgebung ab. Welche Botschaft wollen Sie senden?

Der Jahrestag soll unter dem Zeichen der Solidarität mit den Angehörigen und Freunden der Betroffenen stehen. Nach zehn Jahren gibt es noch immer keine Aufklärung, der Täter läuft frei herum. Es ist ein beunruhigendes Gefühl, dass wir jemandem, der mutmaßlich aus rassistischen Gründen getötet hat, jeden Tag auf der Straße begegnen könnten. Insbesondere für die Familie Bektaş ist es schmerzlich. Die Zeit heilt die Wunden nicht. Die beiden Freunde von Burak hatten als junge Menschen ein traumatisches Erlebnis. Sie müssen mit der Angst weiterleben, dass der Täter nicht gefasst ist.

Als acht Jahre nach der Tat ein die Ermittlungen leitender Staatsanwalt den anderen ablöste, hieß es gegenüber der Presse: Man habe lediglich Anhaltspunkte zur Waffe und Munition, nicht zum Täter. Wie kann es sein, dass es immer noch keine Ergebnisse gibt?

Das fragen wir uns auch. Als die Berliner Staatsanwaltschaft am 1. April dieses Jahres zum Pressegespräch lud, hielt sie es weder für nötig, darüber die Familie zu informieren, noch diese einzubeziehen. Es gab keine Entschuldigung, dass man mit den Ermittlungen nicht weiter ist, und keine Erklärung dazu, wie der aktuelle Stand ist. Vielmehr ging es darum, sich reinzuwaschen. Man habe alles gedreht und gewendet, hieß es, aber es handle sich gewissermaßen um ein perfektes Verbrechen. Das klingt wie eine Kapitulation.

Wir wundern uns darüber, dass es bei einem rechtsmotivierten, rassistischen Mord nicht konsequent in dieser Szene ermittelt wird. Statt dessen wurde als erstes ein Migrant im Umfeld des Opfers verdächtigt, der damit aber nichts zu tun hatte. Ebenso erstaunt uns, wie mit Akten umgegangen wurde. Es gab darin eine Fallanalyse, die nicht ins Verfahren eingeführt wurde. Als die Anwälte der Familie Bektaş dies kritisierten, wurden sie diffamiert, die Staatsanwaltschaft »vorführen« zu wollen.

Welche Verbindung besteht zum ebenfalls in Neukölln verübten Mord an dem Briten Luke Holland im September 2015? Auf den Täter in diesem Fall, Rolf Z., hatte es zuvor bereits einen Hinweis in der Akte zu Burak Bektaş gegeben.

In den vergangenen zehn Jahren gab es viele Hinweise auf Verbindungen, es wurde aber nicht ausreichend ermittelt. Beide Taten geschahen nach dem Auffliegen des NSU im November 2011. Spätestens seitdem muss jedem klar sein: Wird ein Migrant ermordet, muss eine rechte Motivation in Erwägung gezogen werden. Das lehrt der NSU-Komplex. Zumal es in Neukölln immer wieder zu rechten Schmierereien an Geschäften und Wohnhäusern kommt, ebenso wie zu zerstochenen Autoreifen, rechtsextremen Angriffe auf linke Cafés und von Migranten genutzte Räume sowie zu Morddrohungen und Brandanschlägen.

In den kommenden Wochen wird ein Untersuchungsausschuss im Berliner Abgeordnetenhaus zum rechten Terror in Neukölln die Arbeit aufnehmen. Was erwarten Sie sich von diesem Gremium?

Der Ausschuss wird sich mit den Versäumnissen und Fehlern der Berliner Sicherheitsbehörden befassen müssen, die bislang nicht aufgeklärt sind. Welche Ermittler waren eingesetzt, und gab es Verstrickungen innerhalb des Polizeiapparates mit der rechtsextremen Szene? Das LKA Berlin, das Verfassungsschutzleute anleitete, stand bereits während des NSU-Komplexes in der Kritik. Ein rechter Polizist, Stefan K., der selbst aktuell wegen eines rassistischen Übergriffs vor Gericht steht, arbeitete in der Neukölln-Ermittlungsgruppe »Rex« mit – und das zu der Zeit, als dort die Morde an Bektaş und Holland aufgeklärt werden sollten. Wir fordern: Es darf keine Straflosigkeit für rechte Täter geben.

Bahar E. (vollständiger Name der Redaktion bekannt) ist Sprecherin der Initiative für die Aufklärung des Mordes an Burak Bektaş

Kundgebung: Sonntag, 14 Uhr, Rudower Straße/Möwenweg

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