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Dingwelt

Von Helmut Höge
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Über die (großen und kleinen) Dinge, die jetzt vermehrt in autobiographisch getönten Sachbüchern behandelt werden, habe ich bereits an früher an dieser Stelle geschrieben. Vielleicht ist die Dingwertschätzung neben der fortschreitenden Musealisierung von Gegenständen (bis hin zu ganzen Lebensbereichen und -weisen) eine Alterserscheinung: Also dass man seine Aufmerksamkeit, wenn schon nicht auf die letzten, dann wenigstens auf die kleinen und kleinsten Dinge richtet, um sie mit Bedeutung/Erinnerung aufzuladen, und zum Reden zu bringen – da die menschlichen Gesprächspartner langsam wegsterben oder langweilig werden.

Die »Arnold-Hau-Schau« von Robert Gernhardt hat diese Dingorientierung in dem Film »Wenn das Milchkännchen erzählen könnte« beispielhaft an einem allzu geschwätzigen Milchkännchen auf einer gedeckten Kaffeetafel gezeigt. Der Film endet mit der aufklärerischen Versicherung: »Zum Glück können Milchkännchen nicht reden.«

Der Kulturwissenschaftler Wolfgang Schivelbusch (»Magister Schivelbusch« nannte ihn Peter Hacks, über den Schivelbusch seine Dissertation »Sozialistisches Drama nach Brecht« schrieb) lebt in New York und Berlin – großteils von »Projektförderungen«. In seinem Buch »Die andere Seite« (2021) hat der »Privatdozent« den Unterschied im Umgang mit den Dingen in Amerika und in Deutschland thematisiert. Wobei er hier wie dort vor allem in Bibliotheken und Archiven sitzt. Schon als Student in Frankfurt beschäftigten ihn am »Prozeß der Zivilisation« Dingkörper wie »Gabel und Schnupftuch«. Später folgte eine gründliche Beschäftigung mit der Eisenbahn(fahrt) hüben und drüben (wo die Eisenbahn »Wildnis in Wert verwandelt«) sowie mit der Geschichte der künstlichen Beleuchtung.

»Die Dingwelt« wurde diesem teilnehmenden Beobachter der antiautoritären Studentenbewegung eine »Alternative zur Theoriewelt«. 1966 veröffentlichte der Wissenshistoriker Michel Foucault eine »Ordnung der Dinge« (Originaltitel »Les Mots et les Choses« – die Wörter und die Dinge), und der Wissenssoziologe Bruno Latour zählt in seiner »Akteur-Netzwerk-Theorie« die Dinge zu den »Akteuren«.

Schivelbusch geht es mit Adorno um die »Gutartigkeit der Dinge« – mindestens den Stand der Unschuld vor dem Sündenfall ihres Eintritts in die Sphäre der kapitalistischen Zirkulation. Mit Siegfried Kracauer würde er ihnen gerne »ihr unkenntliches Leben entlocken«. Er denkt dabei vielleicht an die Einzelstücke der Handwerker in ihrer Blütezeit, wobei ihm jedoch das Prinzip der Masse, der Massenproduktion von Dingen, von zentraler Bedeutung ist – dieser Sprung vom europäischen Spätmittelalter zur amerikanischen Gesellschaft. »Amerika ist die Inkarnation der Massenhaftigkeit.« Daraus folgt das »in europäischen Augen naiv-positive Verhältnis der Amerikaner zu Fortschritt und Maschinerie.«

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