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Aus: Ausgabe vom 04.04.2022, Seite 5 / Inland
»Bereinigung des Filialnetzes«

Bewährte Profitstrategie

Textilriese Zara schließt anscheinend Läden und eröffnet gleichzeitig neue Filialen. Gekündigte Mitarbeiter dürfen sich »neu bewerben«
Von Carmela Negrete
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Spareffekt für Milliardärsprofite: Eine Zara-Filiale wird geschlossen. Woanders eine neue eröffnet

Eine Kündigung des Jobs ist für jeden abhängig Beschäftigten ein Schock. Wenn man bereits seit mehr als zehn Jahren bei ein und derselben Firma arbeitet und von heute auf morgen das Geschäft dichtgemacht wird, führt der unfreiwillige Abschied nicht selten zu Existenzangst. So geht es derzeit zwei Angestellten einer Regensburger Filiale der Modekette Zara, die aus Angst vor weiteren Nachteilen ungenannt bleiben wollen. Das Unternehmen habe ihnen Ende des vergangenen Jahres mitgeteilt, dass die Filiale geschlossen wird und sie bald ohne Arbeit sein werden. Es sei denn, sie unterschrieben einen neuen Vertrag. Dann würden sie in einer anderen Filiale eingesetzt, die rund zehn Minuten von der bisherigen entfernt eröffnet werden soll.

»Manche Kunden fragen uns, wann denn der Umzug von Zara in die neue Filiale stattfindet«, erklärt eine der beide betroffenen Frauen, die auch Mütter sind. »Dann müssen wir denen erklären, dass die Filiale nicht umzieht, sondern geschlossen und ein neuer Zara-Laden eröffnet wird: Das verstehen sie nicht.« Ihnen selbst wurde lediglich angedeutet, dass sie zur Zeit aufgrund ihrer langjährigen Betriebszugehörigkeit einige Vorteile hätten, insbesondere was die Bezahlung und die Vereinbarung von Arbeit und Privatleben angeht. Diese seien nun in Gefahr. Das Unternehmen soll zugesichert haben, dass sie sich für das neuen Geschäft »bewerben dürfen«, allerdings ist unklar, wie viele der rund 30 Kollegen übernommen werden und zu welche Konditionen. Für beide ist offensichtlich: »Es ist keine Schließung sondern ein Umzug.«

Die Verkäuferinnen sind empört und enttäuscht. »Das ist nicht schön, was sie mit uns machen.« Mehr als eine Dekade hätten sie dort Waren für den Konzern verkauft. »Wenn sie mit uns nicht zufrieden gewesen wären, hätten sie uns früher gekündigt.« Noch wissen sie nicht, wie die Kündigungen und das Angebot des Unternehmens aussieht, aber sie haben begonnen, sich zu organisieren. Am Wochenende wollten sie protestieren, aber viele Kollegen fehlten wegen Krankheit oder Urlaub – die Aktion soll nachgeholt werden. Auch von der Gewerkschaft Verdi werden sie derzeit beraten.

André Scheer, Gewerkschaftssekretär im Verdi-Bundesfachbereich Handel, erklärte gegenüber junge Welt dass die Gewerkschaft »kein Verständnis dafür« habe, »dass das Unternehmen versucht, Umzüge von Filialen als Schließung und Neueröffnung zu deklarieren, um sich auf diesem Weg von unliebsamen Beschäftigten und Betriebsräten trennen zu können«. Zara habe Verdi »zugesichert, dass den Betroffenen Ersatzarbeitsplätze angeboten werden sollen – aber nicht unbedingt im selben Ort«. Die Gewerkschaft fürchte deshalb, »dass man darauf setzt, durch unzumutbare Angebote die Kolleginnen und Kollegen zur Ablehnung zu zwingen«. Verdi wolle das nicht hinnehmen: »Wir fordern, dass alle Betroffenen aus den Schließungsfilialen zu den gleichen Bedingungen wie bisher in die neuen Stores übernommen werden.«

Der Deutschland-Ableger des multinational agierenden spanischen Textilriesen Inditex hat auf die Anfrage von junge Welt mit Bitte um Stellungnahme zu den Vorwürfen bisher nicht reagiert. Der Fall von Regensburg ist indes nicht der einzige. Auch in Essen und Mönchengladbach gibt es ähnliche Pläne, heißt es bei Verdi. Der Zara-­Mutterkonzern Inditex hatte 2021 angekündigt, mehrere hundert Filialen weltweit schließen zu wollen aufgrund von Einnahmeeinbußen während der Coronapandemie. Der Multi wolle sich auf das Onlinegeschäft konzentrieren, hieß es.

Allerdings scheint das Unternehmen derzeit gar keine so schwierigen Zeiten durchzumachen: Laut dem wissenschaftlichen Institut des Handels EHI habe sich der Bekleidungskonzern im laufenden Geschäftsjahr bereits von den wirtschaftlichen Folgen der Pandemie und den angeordneten vorübergehenden Ladenschließungen erholt. Inditex soll den Gesamtumsatz gegenüber 2021 um 36 Prozent gesteigert und den Nettogewinn sogar verdreifacht haben. Das EHI spricht von einer weltweiten »Bereinigung seines Filialnetzes«. Dabei habe der Konzern des spanischen Multimilliardärs Amancio Ortega in den vergangenen beiden Jahren 20 Geschäfte hierzulande geschlossen. Dennoch betreibe Inditex in Deutschland weiterhin 114 Läden, davon 70 der Marke Zara.

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