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Aus: Ausgabe vom 02.04.2022, Seite 3 / Schwerpunkt
Krieg in der Ukraine

Stundenlange Prügel und Demütigung

Ukrainischer Geheimdienst und Neonazis misshandeln und verschleppen linken Aktivisten in Dnipro
Von Susann Witt-Stahl
Die von »Asow«-Angehörigen dokumentierte Misshandlung des linken
Die von »Asow«-Angehörigen dokumentierte Misshandlung des linken Aktivisten Alexander Matjuschenko am 3. März in Dnipro

Fünf Personen drangen am Mittag des 3. März in die Wohnung des 31jährigen Hotelkaufmanns Alexander Matjuschenko und seiner Lebensgefährtin Maria M. in Dnipro ein. Die beiden wurden angeschrien, mussten sich auf den Boden legen, durften sich nicht rühren, erklärte die Frau gegenüber jW. Die Angreifer sollen sich nicht ausgewiesen haben, zwei von ihnen aber durch Abzeichen an ihrer Kleidung als Angehörige des Inlandsgeheimdiensts SBU identifizierbar gewesen sein. Während die Beamten die Räume durchsuchten, habe ein weiterer Mann in einer Militäruniform mit Emblem des faschistischen »Asow«-Bataillons Matjuschenko verprügelt, um Aussagen zu erpressen. »Dieselbe Person spuckte mir ins Gesicht und schnitt mir mit einem Messer die Haare ab«, so Maria M. weiter. Matjuschenko sei insgesamt zwei Stunden geschlagen und malträtiert worden.

Diese Schilderungen werden durch Bildmaterial untermauert, das mutmaßlich von dem an dem Überfall beteiligten Schläger auf dem Telegram-Kanal der Stadt Dnipro veröffentlicht wurde, der rund 335.000 Follower hat. Auf einem Foto ist Matjuschenko blutend auf dem Gesicht am Boden liegend mit einem auf seinen Hinterkopf gedrückten Gewehrlauf zu sehen. Ein Video zeigt, wie er durch Fußtritte gezwungen wird, immer wieder den Gruß der faschistischen Banderisten »Slawa Ukrajini – Gerojam slawa!« zu rufen.

Matjuschenko ist Antifaschist und Mitglied von Liwizja (Linke), einem Zusammenschluss, der vor zwei Jahren von Aktivisten aus verschiedenen sozialen Bewegungen in Dnipro gegründet wurde. Die linke Organisation unterstützt Streiks und protestiert mit Kundgebungen und Veröffentlichungen gegen Sozialkürzungen, Niedriglöhne, die Einschränkung der Demokratie und die Gleichschaltung der Medien – durch die ukrainische Oligarchen einen »rechten Konsens« in der Gesellschaft hergestellt hätten, wie Matjuschenko 2020 in einem Zeitungsartikel kritisierte. »Die rechte Regierung und die rechte Opposition konkurrieren miteinander in Antikommunismus und Fremdenfeindlichkeit.«

In der Vergangenheit sei Alexander immer wieder Einschüchterungsversuchen von Faschisten, aber auch der Polizei ausgesetzt gewesen, berichtete Maria M. Nun wollen die Repressionsorgane offenbar ernst und ihn mundtot machen. Nach der Misshandlung des Mannes erstellten die Ermittler ein Protokoll und beschlagnahmten Computer, Smartphones und andere Gegenstände. »Dann stülpten sie uns Säcke über unsere Köpfe, fesselten unsere Hände mit Tape und fuhren uns mit einem Wagen zum SBU-Gebäude. Dort verhörten sie uns weiter und drohten, uns die Ohren abzuschneiden«, erinnert sich Maria M. Sie sei nach einer Nacht in einer Arrestzelle wieder entlassen worden. Matjuschenko jedoch wurde in eine Untersuchungshaftanstalt gebracht, wo schließlich ein Arzt seine Verletzungen – zahlreiche Rippenbrüche, Prellungen, Platzwunden an den Augen und im Gesicht – behandelte.

Besuchen darf ihn bisher nur sein Anwalt. Ermittelt wird gegen Matjuschenko, der nach eigenen Angaben noch nie eine Waffe in der Hand gehalten hat, nach Paragraph 437 des ukrainischen Strafgesetzbuchs wegen »Durchführung einer aggressiven Kriegs- oder Militäroperation«, einer Straftat, auf die zehn bis 15 Jahre Gefängnis stehen. Bei einem Haftprüfungstermin am 26. März wurde seine vorläufige Entlassung auf Kaution abgelehnt. Es häufen sich Berichte aus Dnipro von ähnlichen Fällen behördlicher Willkür: »Der Krieg wird genutzt, um Oppositionelle, die sich regierungskritisch äußern, zu entführen, einzusperren, sogar zu töten«, so ein linker Aktivist gegenüber jW. »Wir müssen alle um unsere Freiheit und unser Leben fürchten.«

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