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Aus: Ausgabe vom 31.03.2022, Seite 6 / Ausland
Ukraine und Russland

Wege in den Krieg

International erfahrener Militärexperte klärt über Eskalation in Ukraine auf
Von Gerhard Feldbauer
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Kiew verstärkt Angriffe auf »Volksrepubliken«: Evakuierungsmission aus Donezk nach Russland am 18. Februar 2022

Der Schweizer Militärexperte und frühere Oberst Jacques Baud hat der Schweizer Zeitschrift Zeitgeschehen im Fokus (Ausgabe Nr. 5/6 vom 15. März) in einem umfassenden Interview die historischen, politischen und wirtschaftlichen Hintergründe zum Krieg in der Ukraine dargelegt. Baud erklärte, dass der russische Einmarsch durch langfristige Kriegsvorbereitungen der Regierung in Kiew ausgelöst wurde. Der Oberst bezieht sich unter anderem auf ein Dekret des ukrainischen Präsidenten Wolodimir Selenkij vom 24. März 2021, das die Rückeroberung der Krim vorsieht, die sich 2014 per Referendum der Russischen Föderation angeschlossen hatte. Darüber hinaus werde vergessen, so Baud, »dass sich die Krim für unabhängig erklärt hat, bevor die Ukraine unabhängig wurde. Im Januar 1991, also noch während der Zeit der Sowjetunion.« Kiew führte im August 1991 das Unabhängigkeitsreferendum durch. »Zu diesem Zeitpunkt betrachtete die Krim sich nicht als Teil der Ukraine. Aber die Ukraine akzeptierte dies nicht«, so der Schweizer Militär. 1995 habe die Ukraine die Regierung der Krim mit Spezialeinheiten gestürzt und ihre Verfassung für ungültig erklärt.

Der Oberst war für den Schweizer Strategischen Nachrichtendienst tätig, Leiter der Abteilung »Friedenspolitik und Doktrin« der UNO für friedenserhaltende Operationen in New York (2009–2011) und nahm an weiteren militärischen UN-Missionen teil. Im Interview erinnert er daran, dass die UdSSR erst sechs Jahre nach Gründung der NATO den Warschauer Vertrag bildete. Auch reagierte Moskau Jahrzehnte nicht, als das westliche Kriegsbündnis von der Elbe 1989/90 bis an die Grenzen Russlands vorrückte. Als weiteren Faktor, der »im Grunde genommen zum Krieg geführt« hat, nannte Baud die Nichterfüllung der beiden nach 2014 mit den »Volksrepubliken« Donezk und Lugansk vereinbarten Abkommen (Minsk I und II), die die Situation in der Ukraine befrieden sollten. Die Vorbereitung der ukrainischen Offensive auf die beiden »Republiken« und die Zunahme des Artilleriebeschusses ab dem 12. Februar habe dann zu über 100.000 nach Russland Geflüchteten geführt.

Zur Anerkennung der Unabhängigkeit der beiden Donbass-Republiken durch Moskau und zum mit beiden geschlossenen Abkommen über Freundschaft und Zusammenarbeit hält Baud fest, dass Wladimir Putin dadurch gemäß Kapitel 51 der UN-Charta im Sinne der kollektiven Verteidigung und der Selbstverteidigung das Recht erhalten habe, den beiden Republiken mit militärischen Mitteln zu Hilfe zu kommen. Der russische Präsident habe dann »– offensichtlich zu Recht – beurteilt, dass egal, ob er eine ›kleine‹ Operation zum Schutz der Donbass-Bevölkerung oder eine ›massive‹ Operation zugunsten der nationalen Interessen Russlands und der Donbass-Bevölkerung durchführte, die Konsequenzen gleich sein würden«.

Zu der Forderung des russischen Präsidenten einer »Entnazifizierung« der Ukraine verwies der Oberst darauf, dass während des Zweiten Weltkriegs die deutsche Wehrmacht die von Stepan Bandera gegründete Ukrainische Aufstandsarmee (OUN) und andere Formationen gegen die UdSSR einsetzte. Die 2. Panzerdivision der SS, »Das Reich«, die Charkow 1943 »befreite«, werde heute noch in der Ukraine verehrt. Diese Gefahr sei »nicht einfach eine Erfindung« der Russen. Es gebe »starke Verbände von Rechtsradikalen«, darunter das bekannte »Asow«-Regiment. »Insgesamt sind diese rechtsextremen Gruppen ungefähr 100.000 Kämpfer stark, laut Reuters.« Nach dem Sturz von Wiktor Janukowitsch 2014 habe die neue Regierung – »hervorgegangen aus der nationalistischen extremen Rechten« – »als erste Amtshandlung das Gesetz über die offizielle Sprache in der Ukraine (Verbot des Russischen) geändert«, was beweise, »dass dieser Umsturz nichts mit Demokratie zu tun hatte«.

Abschließend äußert der Oberst seine tiefe Besorgnis darüber, dass die Schweiz die Hysterie der westlichen Politik mitmache. »Wenn ich sehe, wie unser neutrales Land nicht mehr in der Lage ist, eine von der EU und den USA unabhängige Position einzunehmen, dann schäme ich mich. Es braucht einen klaren Kopf und die Fakten, die hinter der ganzen Entwicklung stehen. Nur so kann die Schweiz eine vernünftige Friedenspolitik betreiben.«

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  • Leserbrief von E. Rasmus aus Berlin ( 1. April 2022 um 12:47 Uhr)
    Gerhard Feldbauer, Historiker und Diplomat, der vor wenigen Tagen seinen 89. Geburtstag beging, wozu ihm nachträglich die herzlichste Gratulation zuteil wird, beweist in seinem Beitrag durch die Aussagen des international erfahrenen Militärexperten Jacques Baud einmal mehr, unter welch geschichtsvergessen pandemischer Demenz westliche Politik und deren Medien leiden. Der Schweizer Oberst, der auch für die UNO tätig war, erinnert u. a. daran, dass die Krim im Januar 1991 – noch zu Sowjetzeiten – unabhängig wurde und also nicht mehr zur Ukraine gehörte, als diese sieben Monate später ihre Unabhängigkeit erklärte. Erst mit ukrainischen Spezialeinheiten und dem Sturz der Krim-Regierung wurde die Halbinsel 1995 annektiert. »Baud erklärte, dass der russische Einmarsch durch langfristige Kriegsvorbereitungen der Regierung in Kiew ausgelöst wurde.« Danke, Gerhard Feldbauer, für diesen brisant aufschlussreichen Artikel!

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