Gegründet 1947 Mittwoch, 25. Mai 2022, Nr. 120
Die junge Welt wird von 2636 GenossInnen herausgegeben
Aus: Ausgabe vom 29.03.2022, Seite 8 / Ausland
Klassenkampf

»Das entscheidende ist, kollektiv zu agieren«

Die Initiative »Migranti« vernetzt europaweit migrantische Arbeitskämpfe. Ein Gespräch mit Evgeni Nikitin
Interview: Gabriel Kuhn
imago0140599568h Kopie.jpg
Protest von migrantischen Arbeitern in Rom gegen den G20-Gipfel

Sie setzen sich mit »Mi­granti« für Beschäftigte in Europa und deren Kämpfe ein. Können Sie die Initiative kurz vorstellen?

Sie wurde 2021 von einigen europäischen Basisgewerkschaften und migrantischen Organisationen ins Leben gerufen, um migrantische Arbeitskämpfe in Europa über die nationalen Grenzen hinaus zu vernetzen und die Macht migrantischer Arbeiter zu stärken. Momentan teilen wir in erster Linie Informationen über unsere Website in zehn Sprachen. Wir berichten dort über Arbeitskämpfe, informieren über die Rechte migrantischer Arbeiter in verschiedenen Ländern und vermitteln Kontakte zu Gruppen, die migrantische Arbeitskämpfe unterstützen.

Wozu bedarf es einer solchen Ini­tiative?

Die Hypermobilität des Kapitals und der Arbeit definiert die gegenwärtige Phase des Kapitalismus in Europa. Ich lebe selber in Bulgarien. 60 Prozent aller bulgarischen Arbeitskräfte arbeiten im Ausland. Migrantische Arbeit ist zum Rückgrat europäischer Volkswirtschaften geworden. Das gilt sowohl für die Länder, in denen Migranten arbeiten, als auch für jene, aus denen sie kommen. Die Geldsummen, die migrantische Arbeitskräfte in ihre Heimatländer schicken, liegen in vielen Fällen über den Investitionen ausländischer Firmen. Migrantische Arbeit ist also nicht nur von Prekarität, niedrigen Löhnen und schlechten Arbeitsbedingungen geprägt, sondern ihr kommt auch große ökonomische Macht zu. Migrantische Arbeitskräfte realisieren das in zunehmendem Maße, was sich an den immer häufigeren Arbeitskämpfen migrantischer Arbeiter in Europa ablesen lässt.

Einer der unmittelbaren Effekte des Krieges in der Ukraine ist, dass Millionen weitere Migranten nach Arbeit suchen werden. Die Arbeitgeber werden versuchen, das zum weiteren Drücken von Löhnen und der Verschlechterung der Arbeitsbedingungen zu nutzen. Aber es wird auch zu zunehmendem Widerstand kommen. Wir werden einen Kampf um die Grenze des gegenwärtigen Systems sehen. Gewerkschaftliche und politische Aktivisten müssen sich in diesen Prozess einbringen, Verbindungen zwischen den Arbeitern herstellen und Solidarität fördern.

Was sind dabei die größten Heraus­forderungen?

Das restriktive Arbeitsregime, das Hunderttausende von Arbeitern in die Illegalität treibt, macht sie von den Arbeitgebern abhängig. Die Welle des Nationalismus, die über Europa schwappt, wird nicht nur dazu verwendet, migrantischen Arbeitskräften ihre Rechte vorzuenthalten. Sie erweist sich auch als große Bedrohung für die Einheit der Arbeiterklasse. Insofern sind der Nationalismus, und nicht zuletzt die damit verbundene Militarisierung, die größte Gefahr.

Welche Rolle spielen die Gewerkschaften?

Große Gewerkschaften haben zwar genug Ressourcen, um Übersetzer anzustellen, individuelle Beschwerden zu unterstützen, Informationskampagnen zu führen und Öffentlichkeitsarbeit zu machen. Doch sie bleiben in der Regel Dienstleister. Das hilft migrantischen Arbeitern nicht dabei, ihre Macht am Arbeitsplatz zu stärken. Anstelle dessen werden sie in ein unmenschliches ökonomisches System integriert, das auf ihrer eigenen Ausbeutung beruht. Gewerkschaften, die wirklich helfen können, sind lokale Basisgewerkschaften, die auf die Selbstorganisierung migrantischer Arbeitskräfte fokussieren.

Warum ist gerade die Selbstorganisierung so wichtig?

Es bedarf nicht unbedingt einer Gewerkschaft, um zu streiken. Migrantische Arbeitskräfte treten immer wieder in wilde Streiks. Gewerkschaftsbürokratien können ihrer Militanz im Wege stehen. Manchmal schlagen sich die Gewerkschaftsführungen gar auf die Seite der Arbeitgeber. Arbeitskämpfe müssen auf den Aktionen der Arbeiter aufbauen. Ob diese einer Basisgewerkschaft angehören, eine militante Fraktion innerhalb einer großen Gewerkschaft bilden oder mit Gewerkschaften gar nichts zu tun haben, ist nicht das entscheidende. Das entscheidende ist, kollektiv zu agieren. Notwendig dafür ist ein Bewusstsein der Klasse und der eigenen Macht als Klasse.

Evgeni Nikitin ist Gewerkschafts­aktivist und lebt in Varna, Bulgarien

Die junge Welt online lesen

Die Berichterstattung der Tageszeitung junge Welt ist in der Friedensfrage oder zu Sozialabbau anders. Sie liefert Fakten, Hintergrundinformationen und Analysen. Das Onlineabo ist ideal, zum recherchieren und informiert bleiben. Daher: Jetzt Onlineabo abschließen!

  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Gabriel T. (29. März 2022 um 11:28 Uhr)
    Schön wär's wenn ihr vielleicht einen Link auf die Website veröffentlichen könntet.

Ähnliche:

  • In der Krise Solidarität beweisen. Angeführt von der Basisgewerk...
    05.06.2020

    »Mal wieder streiken«

    Corona spitzt die Situation aller Lohnabhängigen zu. Schlaglichter auf die Lage der Beschäftigten in sogenannten systemrelevanten Berufen
  • Nationalgardisten mit aufgepflanzten Bajonetten umzingeln eine D...
    07.01.2012

    Brot und Rosen

    Vor 100 Jahren streikten die Textilarbeiterinnen von Lawrence/Massachusetts

Mehr aus: Ausland