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Aus: Ausgabe vom 28.03.2022, Seite 9 / Kapital & Arbeit
Digitalisierung in der Arbeitswelt

Von smarter Hand

Rückschritt der Produktivkräfte: Soziologe erläutert Auswirkungen zunehmend digital gesteuerter Produktion
Von Simon Zamora Martin
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Wird jeder Handgriff durch ein Computerprogramm vorgegeben, kann die Produktion immer zuverlässiger durch austauschbare Hilfsarbeiter erledigt werden

»Dequalifizierung von Arbeit ist seit Beginn des Kapitalismus eine der zentralen Rationalisierungsstrategien«, stellte der Arbeitssoziologe Simon Schaupp von der Universität Basel am Sonnabend abend im Café Wostok in Berlin-Lichtenberg mit Verweis auf die Einführung der Fließbandarbeit fest: »Unqualifizierte Arbeit ist billiger.« Bei der Veranstaltung der »Aktion Arbeitsunrecht« stellte der Soziologe in seinem Vortrag »Wenn dein Boss ein Algorithmus ist« Ergebnisse seiner vierjährigen Forschungs- und Doktorarbeit »Technopolitik von unten. Algorithmische Arbeitssteuerung und kybernetische Proletarisierung« vor. Die Digitalisierung führe zu einem Rückschritt der Produktivkräfte, meint der Arbeitsforscher darin. Sie führe nicht zur Reduzierung nötiger Arbeitskraft in der Produktion, sondern vielmehr zu einer Einbindung billiger Hilfsarbeiter: »Menschliche Roboter sind billiger als Maschinen.«

Die Digitalisierung werde für weitere Dequalifizierung und Flexibilisierung von Arbeit eingesetzt, so der Soziologe. Durch Arbeitsleitsysteme, in denen die Beschäftigten jeden Handgriff durch ein Computerprogramm vorgegeben bekommen, ließen sich auch komplexe Produkte immer zuverlässiger durch austauschbare Hilfsarbeiter erledigen. Arbeitsleitsysteme ließen sich relativ einfach in verschiedene Sprachen übertragen. Es sinkt also nicht nur der Bedarf an Facharbeitern für die Unternehmen, sondern es wird auch eine stärkere Einbindung migrantischer Arbeitskräfte in die Produktion ermöglicht. Das könne auch dazu führen, mehr Arbeitskräfte mit unsicherem Aufenthaltsstatus zu beschäftigen.

Für viele Geflüchtete ist es etwa schwierig, einen Ausbildungsplatz zu bekommen: Unternehmen scheuen mögliche »Fehlinvestitionen«, sollte die Person abgeschoben werden. Einer der Betriebe, die Schaupp in seiner vierjährigen Forschungsarbeit untersuchte, hatte eine Übereinkunft mit einer örtlichen Flüchtlingsunterkunft getroffen: Jeden Morgen stellte sie dem Unternehmen einen Bus voll Arbeitskräfte zur Verfügung. Dequalifizierte Arbeit mache Arbeitskräfte jedoch einfach ersetzbar, so der Soziologe. Die Digitalisierung ziele mittlerweile weniger auf Automatisierung ab, als vielmehr auf eine deutlich billigere Rationalisierung durch ebenjene Dequalifizierung.

Daneben finde durch die Digitalisierung eine »kybernetische Arbeitsverdichtung« statt: Algorithmen könnten Beschäftigte besser überwachen und zum schnelleren Arbeiten auffordern als ein Manager oder Vorarbeiter mit der Stoppuhr in der Hand. Es gebe keine Maßgabe mehr, wie lange ein Arbeitsschritt in der Produktion dauern dürfe. Statt dessen finde »permanente Zeitüberwachung statt«, stellte der Soziologe fest. Aufgrund der gesammelten Daten würden den Beschäftigten unmittelbare »Feedbacks« gegeben, die sie zum schnelleren Arbeiten auffordern. In einem der von Schaupp untersuchten Betriebe führte das Unternehmen dafür extra einen »smarten Handschuh« ein: Macht der Arbeiter eine ungewünschte Bewegung, beginnt der Handschuh zu vibrieren. Durch solche Dauerüberwachung ausgelöster Selbstoptimierungsstress werde oft unterschätzt.

»In der Industrie 4.0 können wir eine Entfremdung von Betriebsrat und Belegschaft beobachten«, so Schaupp. Die veränderte Produktionsweise wirke sich auch auf gewerkschaftliche Arbeit aus. So schreibt das Betriebsratsmodernisierungsgesetz beispielsweise umfangreiche Mitbestimmungsrechte bei der Einführung neuer Technologien zur Überwachung der Beschäftigten vor. Im sozialpartnerschaftlich organisierten Teil der Industrie sollen Gewerkschaften die Digitalisierung mitgestalten: Viele Industrieunternehmen räumen den Gewerkschaften freiwillig ein Mitsprachrecht ein, erwarten jedoch, dass das Arbeitsrecht in Teilen des Betriebes probeweise ausgesetzt wird. Laut Schaupp stehen die Betriebsräte dadurch unter Druck, von den Beschäftigten nicht gewollte Maßnahmen wie etwa einen »smarten Handschuh« zuzulassen.

Simon Schaupp: Technopolitik von unten. Algorithmische Arbeitssteuerung und kybernetische Proletarisierung. Matthes und Seitz, Berlin 2021, 352 Seiten, 20 Euro

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