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Aus: Ausgabe vom 28.03.2022, Seite 7 / Ausland
Kiew sucht Kombattanten

Söldnerwerber unerwünscht

Afrikanische Staaten setzen sich gegen ukrainische Versuche zur Wehr, Kämpfer für den Krieg zu verpflichten
Von Christian Selz, Kapstadt
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Ausländische Söldner am Hauptbahnhof des westukrainischen Lwiw (5.3.2022)

Nur drei Tage nach Beginn des russischen Angriffskriegs in der Ukraine verkündete deren Präsident Wolodimir Selenskij am 27. Februar die Gründung einer »Internationalen Legion«. Ausländer, die sich dem »Widerstand gegen die russischen Besatzer« anschließen wollten, lud er ein, in sein Land zu kommen, um sich den dortigen Streitkräften anzuschließen. Kurz darauf schaltete das ukrainische Verteidigungsministerium eine Internetseite frei, auf der potentielle ausländische Kämpfer aufgefordert werden, sich für nähere Informationen an die ukrainischen Botschaften in ihren Herkunftsländern zu wenden.

In der Außendarstellung ging es dabei stets um eine Freiwilligentruppe. Laut Internetseite soll zunächst ein »Bewerbungsgespräch« mit einem Militärattaché in der Botschaft anstehen, ein Vertrag zum Beitritt in die Armee soll dann erst nach der Ankunft in der Ukraine unterzeichnet werden. Wie die britische Wochenzeitung The Economist am 11. März berichtete, sollen sich die ausländischen Kombattanten darin unbefristet zum Militärdienst verpflichten und dafür einen Sold von 7.000 Griwna (215 Euro) monatlich erhalten. Dass die Rekruten »wie andere Soldaten« bezahlt würden, bestätigte am 7. März auch die Nachrichtenagentur Reuters, die sich in ihrer Reportage aus dem Rekrutierungslager in Lwiw auf einen namentlich genannten Behördenmitarbeiter beruft, der dort für die Registrierung der ankommenden Kämpfer zuständig ist.

Die Bezahlung ausländischer Kombattanten stellt einen Verstoß gegen internationales Recht dar, sie ist durch die Internationale Konvention gegen die Anwerbung, den Einsatz, die Finanzierung und die Ausbildung von Söldnern untersagt. Die von den Vereinten Nationen bereits 1989 verabschiedete Resolution wird jedoch von vielen Staaten weltweit noch immer nicht umgesetzt – Deutschland beispielsweise ist zwar Unterzeichnerstaat, hat sie aber nicht ratifiziert. Nun wird sie aber in etlichen afrikanischen Ländern angewandt, um dem Werben der Ukrainer einen Riegel vorzuschieben.

Einem Bericht des englischsprachigen Internetportals der Deutschen Welle vom 8. März zufolge haben die Regierungen von Nigeria, Senegal und Algerien aktiv gegen Anwerbeversuche der jeweiligen ukrainischen Botschaften protestiert. Auch in Südafrika regte sich in der Folge Widerstand, was die ukrainische Botschafterin laut dem südafrikanischen Nachrichtenportal News 24 dazu brachte, vor dem Presseclub in Kapstadt zu behaupten, es habe gar keine Anwerbeversuche gegeben. Statt dessen würde sie zahlreiche Anrufe von Menschen bekommen, die »kämpfen« wollten, zudem gebe es »keinen einzigen Südafrikaner, der meine Handynummer nicht kennt«. Zumindest das lässt sich widerlegen.

Darüber hinaus offenbarten potentielle Rekruten, mit denen die Deutsche Welle sprach, dass die vielbeschworene »Verteidigung westlicher Werte« bei den Rekrutierungsversuchen eine untergeordnete Rolle spielen dürfte. »Wenn wir da hingehen und der Krieg endet, bevor irgend etwas passiert, werde ich nach Kenia zurückkommen und Millionär sein«, zitierte das Auslandsmedium einen Studenten in Nairobi. Eine arbeitslose Frau, ebenfalls aus der kenianischen Hauptstadt, erklärte demnach: »Ich würde lieber an der Front in der Ukraine sterben, in dem Wissen, dass meine Familie nach meinem Tod eine Kompensation erhält, als in Kenia an Depression wegen der verrückten Arbeitslosenrate zu sterben.« Der Direktor einer südafrikanischen Sicherheitsberatungsfirma durfte in dem Bericht schließlich das Offensichtliche erklären: dass »Selenskij möglicherweise die problematischen sozioökonomischen Bedingungen in Afrika nutzt, um Kämpfer in die Ukraine zu locken«.

Für afrikanische Staaten, die sich aus dem Konflikt weitestgehend heraushalten wollen, ist das freilich nicht hinnehmbar. Zumindest ihr Protest gegen das Auftreten der ukrainischen Botschaften als Rekrutierungszentren scheint derweil Erfolg zu zeigen. Inzwischen sind immerhin die Kontaktdaten der Vertretungen in sämtlichen afrikanischen Staaten von der Anwerbungsseite gelöscht. Auf die Söldnerproblematik hat die Ukraine jedoch eine Antwort gefunden, die – insbesondere vor dem Hintergrund eines möglichen EU-Beitritts des Landes – eher noch mehr Menschen aus der Armut in den Krieg locken könnte: Wie Vizeinnenminister Jewgeni Jenin am 9. März bekanntgab, können ausländische Kämpfer dort die Staatsbürgerschaft beantragen.

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  • Leserbrief von Josef Witte aus Delbrück (28. März 2022 um 13:54 Uhr)
    Im ARD-Mittagsmagazin von Freitag, 25.März, wird berichtet, dass eine Gruppe von syrischen Weißhelmen in der Ukraine eingetroffen ist, um nicht etwa dem ukrainischen Roten Kreuz bei der Bergung von Verletzten zu unterstützen, sondern um »Kriegsverbrechen zu dokumentieren«. Der Leiter dieser Gruppe hat spontan für seine ukrainischen Kollegen einen tipp parat: »Benutzen Sie Helmkameras - keine großen Kameras!« Ein kleiner Werbefilm dieser Weißhelme wird ebenfalls mitgeliefert. Seit einiger Zeit verbreiten die NATO-sympathisierenden Medien, dass von russischer Seite ein Angriff mit Chemiewaffen auf die ukrainische Zivilbevölkerung vorbereitet werde. Die berühmt berüchtigten Weißhelme stehen unter dem Verdacht, in Syrien Gasangriffe als Fakenews verbreitet oder gar inszeniert zu haben. Auf jeden Fall lässt die Anwesenheit dieser Truppe das Schlimmste befürchten: Ist der Zirkus erst einmal in der Stadt, wird er auch eine Vorstellung geben wollen!

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