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Aus: Ausgabe vom 22.03.2022, Seite 16 / Sport
Ski alpin

Kurzer Prozess

Mikaela Shiffrin, mal wieder: Der Weltcup im Ski alpin ist vorbei
Von Gabriel Kuhn
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Mikaela Shiffrin im Riesenslalom beim Saisonfinale in Méribel

Am vergangenen Wochenende ging in Méribel/Courchevel in Frankreich der Weltcup im Ski alpin 2021/22 zu Ende. In jeder Einzeldisziplin (Slalom, Riesenslalom, Super-G, Abfahrt) wurde von den Damen und Herren noch ein Rennen ausgetragen. Dazu kam ein für die Nationenwertung zählender Teamwettbewerb in Form eines Parallelslaloms. Bei den Einzelrennen startberechtigt sind beim Weltcupfinale die ersten 25 der jeweiligen Disziplinwertung, alle, die insgesamt mehr als 500 Weltcuppunkte gesammelt haben sowie die jeweiligen Juniorenweltmeister. Punkte gibt es nur für die ersten 15, nicht, wie üblich, für die ersten 30.

Mit dem Saisonabschluss hat es der Weltcup im Ski alpin nicht leicht, besonders in Jahren mit Weltmeisterschaften oder Olympischen Spielen. Nach den Großereignissen ist in der Regel die Luft raus, es wird immer wärmer, der Schnee verschwindet (sofern er da war) und längst schon geht es vor allem wieder um Fußball und Tennis. Wenn die Weltcupwertungen dann noch vor Finale feststehen, hat es die Spannung besonders schwer. So stand in diesem Winter mit dem Schweizer Marco Odermatt der Gesamtweltcupsieger der Herren bereits vor dem Finale fest. Es war der erst Gesamtweltcupsieg des 24jährigen Riesenslalomspezialisten, der damit den Franzosen Alexis Pinturault ablöste. Der kam in der diesjährigen Gesamtwertung über Platz zehn nicht hinaus. Auf die Plätze zwei und drei kamen hinter Odermatt die Norweger Aleksander Aamodt Kilde und Henrik Kristoffersen. Odermatt holte sich auch die Spezialwertung im Riesenslalom. Die im Slalom ging an den wiedererstarkten Kristoffersen. Sowohl im Super-G als auch in der Abfahrt lag Kilde vorne.

Bei den Damen hatte sich ein spannendes Finale angekündigt. Vier Rennen vor Méribel/Courchevel lagen Titelverteidigerin Petra Vlhova aus der Slowakei und US-Superstar Mikaela Shiffrin mit jeweils 1.026 Punkten haargenau gleichauf. Zwei starke Rennen von Shiffrin und der erste Saisonausfall von Vlhova brachten der US-Amerikanerin zunächst einen komfortablen Vorteil, doch Vlhova schlug mit einem Riesenslalomsieg in Åre zurück. Vor dem Saisonfinale betrug der Vorsprung Shiffrins 56 Punkte.

Wer jedoch meinte, dass der Gesamtweltcup der Damen erst am letzten Tag im direkten Duell im Riesenslalom entschieden würde, irrte sich. Shiffrin machte in den zuerst stattfindenden Speedwettbewerben kurzen Prozess. Sie gewann die Abfahrt und wurde im Super-G Zweite. Vlhova verpasste in beiden Rennen die Punkteränge, womit Shiffrin der Gesamtweltcupsieg nicht mehr zu nehmen war. Es ist der insgesamt vierte der Gewinnerin von 74 Weltcup-Einzelrennen. Nur die österreichische Legende Annemarie Moser-Pröll hat mit sechs Gesamtweltcupsiegen mehr zu Buche stehen.

Vlhova kann sich mit Platz eins in der Slalomspezialwertung trösten. Den Riesenslalomtitel sicherte sich die routinierte Französin Tessa ­Worley. Die Super-G-Wertung gewann die Italienerin Federica Brignone, die Abfahrtswertung ihre Landsfrau Sofia Goggia.

Österreich stellte weder im Gesamtweltcup noch in einer Einzelwertung einen Sieger, durfte aber trotzdem aufatmen. Dank starker Teamleistungen der Damen gewann die Alpenrepublik nach zwei Jahren Pause wieder die Nationenwertung, die sie von 1990 bis 2019 beherrscht hatte. Zuletzt lag jedoch zweimal der Erzrivale aus der Schweiz vorne. Das nationale Trauma scheint überwunden.

Für den Deutschen Skiverband war die Saison, freundlich ausgedrückt, durchwachsen. In 74 Einzelrennen reichte es für genau acht Podest­plätze. Vier davon gingen an die Slalomläuferin Lena Dürr (SV Germering), die in der Slalomspezialwertung am Ende auf einem beachtlichen dritten Platz landete. Linus Straßer (TSV 1860 München) verzeichnete beim Slalom in Schladming den einzigen DSV-Sieg der Saison. Beim zweiten Slalom von Garmisch-Partenkrichen wurde er Dritter. Dritter wurde auch Alexander Schmid (SC Fischen) beim zweiten Riesenslalom in Alta Badia. Auf einen zweiten Platz kam Kira Weidle (SC Starnberg) beim Abfahrtslauf in Zauchensee. In der Nationenwertung fand sich das DSV-Team zu Saisonende auf Rang sieben wieder.

Hoffnung machen die Leistungen von Emma Aicher (SC Mahlstetten). Die erst 18jährige holte bei den Juniorenweltmeisterschaften in Kanada drei Medaillen und immerhin 71 Weltcuppunkte. Aicher ging bis 2020 für Schweden an den Start. Sie ist dort geboren und aufgewachsen. Ein deutscher Vater ermöglichte ihr den Wechsel zum DSV. Die Alpen böten bessere Trainingsmöglichkeiten. Wenn es bei der Nachwuchsarbeit hapert, müssen Sportverbände nach kreativen Lösungen suchen.

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