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Aus: Ausgabe vom 15.03.2022, Seite 2 / Kapital & Arbeit
Neokolonialismus

»Von 21 Flüssen trockneten 19 aus«

Honduras: Schwere Folgen des Bergbaus für Mensch und Umwelt. Neue Regierung muss Probleme angehen. Ein Gespräch mit Carlos Antonio Padilla Roiz
Interview: Thorben Austen
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Ein Jugendlicher beobachtet Bergungsarbeiten nach einem Erdrutsch in einer Goldmine in Honduras (San Juan Arriba, 3.7.2014)

Die Bodenschätze im ehemals kolonialisierten Honduras werden bis heute von ausländischen Unternehmen ausgebeutet. Welche Probleme bereitet der Bergbau?

Der Bergbau unter Tage beschäftigt uns seit der spanischen Eroberung. Der Tagebau schließlich begann 1998 mit dem Unternehmen »Entre Mares«, einer Tochterfirma des kanadischen Unternehmens Goldcorps S. A. In den folgenden zehn Jahren erkrankten viele Menschen in den betroffenen Regionen. Von 21 Flüssen, die dort ihren Ursprung haben, trockneten 19 aus oder wurden entsprechend dem Wasserbedarf des Unternehmens umgeleitet. Ehemals fruchtbare, landwirtschaftlich stark genutzte Regionen wandelten sich in trockene, wüstenähnliche Landstriche.

Welche Regionen sind am stärksten betroffen, und welche Unternehmen sind beteiligt?

Das ist das Departamento Olancho, welches auch das größte der 18 Departamentos im Land ist, größer als das Nachbarland El Salvador. Dort gibt es auch die meisten Konzessionen. Ebenfalls stark betroffen sind Santa Barbara, Francisco Morazán und Choluteca. Die Unternehmen kommen überwiegend aus Kanada, einige aus den USA, auch chinesische Firmen sind beteiligt. Abgebaut werden überwiegend Eisenerz, Gold und Silber sowie Antimon, ein seltenes Mineral. Teilweise werden aber auch Materialien und Mineralien gefördert, die nicht Teil der offiziellen Konzessionen sind. Die genannten Folgen führten dazu, dass die Problematik des Tagebaus stärker ins Bewusstsein der Bevölkerung rückte. 2006, in der Regierungszeit von Präsident Manuel Zelaya, gründete sich ein Netzwerk zu dem Thema, welches aber 2009 bereits wieder aufgelöst wurde.

Nach dem Militärputsch gegen Zelaya?

Ja, genau. Nach dem Putsch forcierte die Politik (der Nationalen Partei, jW) den Bergbau und andere Großprojekte wie Wasserkraftwerke. Ab 2010 wurden 71 neue Konzessionen vergeben. 2013 wurden ein neues Bergbaugesetz beschlossen, sehr zum Wohle der Unternehmen. Wir kritisieren dort insbesondere den Artikel 77, wonach zwar Befragungen der lokalen Bevölkerung durchgeführt werden sollen, aber erst ab dem Zeitpunkt der Ausbeutung der Bodenschätze, nicht schon in der Planungsphase. Da hat das Unternehmen die Möglichkeiten, mittels Versprechungen, aber auch Repression, vollendete Tatsachen zu schaffen. 2017 wurden große Kongresse internationaler Bergbauunternehmen in Honduras abgehalten, was zeigt, welchen Stellenwert für die damalige Regierung der Ausbau des Bergbausektors hatte.

Im Januar wurde Xiomara Castro zur Präsidentin gewählt. Die neue Regierung strebt an, die Ausbeutung durch Tagebaue zu verbieten. Wie steht es um das Vorhaben?

Nach der entsprechenden Mitteilung des Umweltministeriums Anfang März haben wir das erst einmal gefeiert. Es ist aber noch am Anfang, die Regierung ist erst gut 40 Tagen im Amt. Jetzt soll ein Gesetzentwurf ausgearbeitet und dem Parlament vorgelegt werden. Der neue Umgang mit dem Bergbau und das Ziel, Honduras frei vom Tagebau zu machen, sind fester Bestandteil des Regierungsprogramms und auch des Programms von Castros Partei Libre. Ich sehe jedoch zwei Probleme.

Welche sind das?

Das betrifft zum einen die Menschen, die im nichtindustriellen Bereich, ohne soziale Absicherung und Gesundheitsschutz, aber aus ökonomischer Notwendigkeit Bodenschätze abbauen und an die Unternehmen zur Weiterverarbeitung verkaufen. Hier könnten die großen Firmen versuchen, Lücken im Gesetz zu nutzen, um zum industriellen Bergbau zurückzukehren.

Zum zweiten werden die Unternehmen versuchen, mit ihren großen finanziellen Möglichkeiten die öffentliche Meinung zu manipulieren. Ihr stärkstes Argument sind die Arbeitsplätze, die verlorengehen, falls der Tagebau beendet wird. Argumentiert wird jetzt, es würden sich dann wieder große Karawanen von Migranten auf den Weg Richtung USA machen. Das ist allerdings nicht logisch. Viele Menschen gehen gerade deswegen, weil ihre Lebensgrundlagen in der Landwirtschaft durch den Tagebau zerstört werden. Zudem ist der Bergbau mittlerweile hochindustrialisiert, braucht wenig Personal – und wenn, dann eher gut ausgebildete Spezialisten. Für die lokale Bevölkerung bleiben da wenige und schlechte Arbeitsmöglichkeiten.

Carlos Antonio Padilla Roiz ist Soziologe und arbeitet am Honduranischen Zentrum zur Förderung kommunaler Entwicklung (Cehprodec)

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