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Aus: Ausgabe vom 14.03.2022, Seite 7 / Ausland
Kolonialverbrechen

Späte Gerechtigkeit

Dänemark entschuldigt sich nach 70 Jahren bei verschleppten Inuit aus Grönland und spricht Entschädigungen zu
Von Gabriel Kuhn
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Aus Dänemark zurück, mussten die Kinder plötzlich in Waisenhäuser: Helene Thiesen zeigt Fotos aus dieser Zeit

Bei einer Zeremonie im Dänischen Nationalmuseum hat sich die dänische Ministerpräsidentin Mette Frederiksen am Mittwoch persönlich bei sechs Inuit aus Grönland entschuldigt, die 1951 von ihren Familien getrennt und nach Dänemark gebracht worden waren. Sie waren damals unter den 22 Kindern im Alter von fünf bis acht Jahren, die in Dänemark ausgebildet werden und später als grönländische »Elite« auf die Insel zurückkehren sollten. In Dänemark sind die betroffenen Inuit als »Experimentkinder« bekannt. Frederiksen erklärte, dass das, was den Kindern widerfuhr, »unmenschlich, unfair und herzlos« gewesen sei.

Während ihres Aufenthalts in Dänemark war es den Kindern nicht erlaubt, mit ihren Familien auf Grönland Kontakt zu halten. Ihren Eltern war eine bessere Zukunft für die Kinder versprochen worden. Eva Illum, eine der Betroffenen, lebt heute in Odense. Bei der Zeremonie im Nationalmuseum erklärte sie: »Unsere Eltern stimmten der Reise zu, verstanden aber nicht, worauf sie sich eingelassen hatten.«

Das Experiment wurde bald darauf abgebrochen. 16 der Kinder wurden in ein Waisenhaus auf Grönland geschickt, die übrigen von dänischen Familien adoptiert. Manche sahen ihre Familien auf Grönland nie wieder. Dass nur noch sechs der 22 Inuit am Leben sind, habe damit zu tun, dass die anderen »an Trauer gestorben« seien, ließen die Überlebenden über ihren Anwalt der dänischen Presse ausrichten. Eine von ihnen, Helena Thiesen, erklärte in der schwedischen Tageszeitung Expressen: »Auch wir leiden immer noch. Wenn wir uns treffen, weinen wir, obwohl alles so lange her ist. Uns wurden fürchterliche Sachen angetan.«

2020 setzte die dänische Regierung eine Untersuchungskommission ein, um die Geschichte aufzuarbeiten. Es gab eine erste formelle Entschuldigung. Neben der persönlichen Entschuldigung erhielten die Überlebenden nun auch eine Entschädigung von 35.000 Euro.

Dänemark erhob erstmals im 14. Jahrhundert Anspruch auf die Insel Grönland, die sechsmal so groß ist wie Deutschland. Im Kieler Friedensvertrag, den Dänemark, Schweden und das Vereinigte Königreich 1814 unterzeichneten, wurde die Insel offiziell der dänischen Krone zugeschrieben. Bis 1953 wurde Grönland als Kolonie verwaltet, dann dem Königreich Dänemark eingegliedert.

Auf Grönland herrschte lange eine dänische Elite über die Mehrheit der rund 50.000 Einwohner. Heute gibt es eine Bewegung junger Grönländer, die sich ihre traditionelle Identität wieder aneignen. Dazu gehört die Verwendung der grönländischen Sprache genauso wie eine Wiederbelebung von traditionellem Handwerk und Gesichtstätowierungen. Das wird mit künstlerischen Ausdrucksformen verbunden, die man als widerständig erachtet. Der 23jährige Josef Tarrak ist beispielsweise ein prominenter Rapper, der bei Auftritten in Dänemark über die Kolonisierung Grönlands, die Abwertung grönländischer Identität und die Arroganz dänischer Beamter aufklärt. Die Botschaft kommt bei antiimperialistischen Aktivisten an. Als die Solidaritätsorganisation Internationales Forum im November 2021 in Kopenhagen ihr 50jähriges Bestehen feierte, war Tarrak zu Gast.

Seit 1979 verfügt Grönland über eine weitreichende Autonomie mit eigener Regierung. 2009 wurde die Selbstverwaltung erweitert. Mittlerweile verwaltet die Regierung in Nuuk auch den Boden. Die geopolitische Bedeutung der Insel wächst aufgrund des Klimawandels. Die Schmelze der grönländischen Eisscholle schafft neue ­Schiffahrtswege und Zugang zu wertvollen Bodenschätzen. Der Vorstoß des ehemaligen US-Präsidenten Donald Trump, Grönland der dänischen Regierung abzukaufen, ist in diesem Kontext zu verstehen.

Es gibt in dem Gebiet aber auch starke Bestrebungen zur vollständigen Unabhängigkeit. Eine solche wird auch von der regierenden Partei, der ökosozialistischen Inuit Ataqatigiit (Gemeinschaft der Inuit), befürwortet. Zur Untersuchungskommission bezüglich der »Experimentkinder« sagte Premierminister Múte B. Egede: »Das ist Teil unserer Geschichte. Die Wahrheit ist nun an den Tag gekommen. Es ist eine Wahrheit, die schmerzt.«

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