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Aus: Ausgabe vom 14.03.2022, Seite 6 / Ausland
jW-Kolumne

Weiter solidarisch mit Mumia

Kolumne des politisch Inhaftierten wird künftig unregelmäßig erscheinen
Von Jürgen Heiser
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An dieser Stelle haben in den vergangenen Monaten öfter die wöchentlichen Kolumnen des US-Journalisten und politischen Gefangenen Mumia Abu-Jamal gefehlt. Seit dem 16. Dezember 2000 waren hier bis zu der zuletzt am 28. Februar abgedruckten 1.073. Kolumne seine Texte zu lesen. Schauen wir zurück: 30 Jahre nach Abu-Jamals Verhaftung wegen eines untergeschobenen Polizistenmordes hatte die britische BBC am 9. Dezember 2011 gemeldet, ein US-Gericht habe das Todesurteil gegen ihn in lebenslange Haft umgewandelt. Bei seiner Verurteilung wegen der konstruierten Anklage, einen Polizisten getötet zu haben, sei der Gerichtssaal »nur halb gefüllt« gewesen, so BBC. »Außerhalb von Philadelphia war der Fall damals keine große Sache«, zitierte der Sender aus dem Prozessbericht der Tageszeitung Philadelphia Inquirer. Das Interesse an dem Fall sei »deutlich geringer gewesen als das, was später kam«.

Was später kam, war eine weltweite Solidaritätsbewegung mit dem ehemaligen Mitglied der Black Panther Party. Abu-Jamal sei »zu einem internationalen Symbol für institutionellen Rassismus« der US-Gesellschaft und »für den Missbrauch der Justiz« und der Todesstrafe zur politischen Verfolgung geworden, beschrieb BBC korrekt die Gründe für die weltweite Unterstützung des Bürgerrechtlers. Seit den 1990er Jahren sei sein Name »zu einem Kürzel für Ungerechtigkeit und Rassismus in Amerika geworden«. Dass Abu-Jamal dabei »von einem Menschen zu einem Mythos« gemacht worden sei, war allerdings reine Behauptung und damit einer der Mythen, die bis heute von den bürgerlichen Medien über ihn verbreitet werden. Tatsächlich war es Abu-Jamals sehr konkrete und wirklichkeitsnahe Arbeit als Journalist und Aktivist hinter Gittern, durch die er zu einem anerkannten Mitstreiter internationaler Bewegungen wurde. Zum Beispiel jener, die sich 1999 gegen den Überfall der NATO auf Jugoslawien und alle nach »9/11« angezettelten imperialistischen Kriege richteten.

Wenn Abu-Jamal an seinen Kolumnen arbeitet, denkt er an seine »Leserschaft und die Bewegungen, denen sie angehören, und an die Herausforderungen, mit denen sie in dieser Epoche konfrontiert sind«. Das erklärte er jW in einem Interview im August 2008. Anlass war die Veröffentlichung seiner 400. Kolumne. Ihm gehe es bei seiner Arbeit darum, so betonte Abu-Jamal, die Distanz zu seinen Lesern aufzulösen »und die Mauern zwischen uns einzureißen«.

In der inzwischen 40jährigen Haft verschlechterten sich seine Arbeitsbedingungen vor allem durch seine ruinierte Gesundheit. Mehrfach geriet er in Lebensgefahr durch die systematische medizinische Unterversorgung, die der US-Justiz den Vorwurf einbrachte, ihn in der Haft umbringen zu wollen, bevor ein erfolgreicher Berufungsprozess seine Unschuld beweisen und er seine Freiheit zurückerlangen könnte.

Derzeit scheinen die US-Solidaritätsgruppen mit ungeklärten Problemen zu kämpfen. Deshalb wurde zum Fortgang des juristischen Streits erst vergangene Woche bekannt, dass bereits am 2. März in einer kurzen gerichtlichen Anhörung in Philadelphia über einen erneuten Beweisantrag der Verteidigung, Richterin Lucretia Clemons dem Antrag der Staatsanwaltschaft stattgab und die Entscheidung auf den 29. Juni vertagte.

Abu-Jamals Reaktion auf die wiederholte Torpedierung seiner Berufungsrechte ist nicht bekannt. Seine frühere New Yorker Anwältin Rachel Wolkenstein teilte auf jW-Anfrage mit, es gehe ihm gut. Wolkenstein ergänzte, sie wisse leider nicht, warum er derzeit keine Kolumnen schicke. Für deren Verbreitung sorgt Noelle Hanrahan von Prison Radio in San Francisco mit ihrem Team. Nach ihrem jüngsten Haftbesuch bei Abu-Jamal am 5. März vermeldete Hanrahan in einem Newsletter: »Mumia liebt Katzen.« Vergeblich suchte man nach Hinweisen auf seine aktuelle Lage und mögliche Hemmnisse für seine Arbeit. Die Redaktion entschied deshalb, aus der früher wöchentlichen nun eine unregelmäßig erscheinende Kolumne zu machen, für die wie in den vergangenen 22 Jahren gilt: »Wir lassen nicht zu, dass dieser engagierte Bürgerrechtler und Kritiker rassistischer Polizeigewalt mundtot gemacht wird!«

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