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Aus: Ausgabe vom 12.03.2022, Seite 7 / Ausland
Nordirlandkonflikt

Dem Tod ausgeliefert

Nordirische Polizei hat Ermordung von britischem Agenten in der IRA nicht vereitelt
Von Dieter Reinisch
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Polizisten sichern nach der Ermordung Donaldsons die Gegend unweit seines Anwesens bei Glenties (5.4.2006)

Hat die nordirische Polizei bewusst weggeschaut, als die Untergrundorganisation Irish Republican Army (IRA) einen hochrangigen britischen Agenten in ihren Reihen erschoss? Auf diese Frage will die Familie von Denis Donaldson eine Antwort bekommen. Der 2006 von der IRA ermordete Donaldson war über drei Jahrzehnte lang ein einflussreiches Mitglied der Organisation sowie der Partei Sinn Féin, bis er 2005 als Spitzel enttarnt wurde.

Laut einem am Donnerstag veröffentlichten Bericht der Polizeiombudsfrau Marie Anderson hätten die Einsatzkräfte zwar nicht für die Sicherheit Donaldsons gesorgt – seine Erschießung wäre aber auch so schwer zu verhindern gewesen. Sie sprach laut BBC von »Fehlern«, die die nordirische Polizei PSNI nach Bekanntwerden von Donaldsons Aufenthaltsort begangen habe. So sei zwei Wochen vor der Tat ein Interview mit ihm im Boulevardblatt Sunday World erschienen, das auch ein Foto seines Hauses enthielt – dem Familiencottage in einer abgelegenen Gegend in der Grafschaft Donegal im äußersten Nordwesten der Insel. Kurz darauf schlugen zwei IRA-Mitglieder die Tür des Anwesens mit einem Vorschlaghammer ein und exekutierten Donaldson.

Donaldson stammte aus der katholischen Enklave Short Strand im Osten von Belfast und trat in den 1960ern der IRA bei. Im Nordirlandkonflikt kämpfte er an vorderster Front und gehörte zum innersten Kreis der Belfaster Sinn-Féin-Führung um Gerry Adams. Gemeinsam mit Bobby Sands war er in den 1970ern im Lager Long Kesh interniert. In den 1980ern ging Donaldson in die USA, um die Unterstützung der dortigen irischen Katholiken für die IRA zu bekommen.

Nach dem Karfreitagsabkommen 1998 arbeitete er im nordirischen Parlament Stormont und wurde 2002 parlamentarischer Leiter der Sinn-Féin-Gruppe. Im selben Jahr brach die IRA in die Polizeistation Castlereagh ein und entwendete Akten mit Informationen über Agenten. Im Dezember 2005 wurde bekannt, dass Donaldson zwei Jahrzehnte lang als Informant für den britischen Geheimdienst MI5 und die Polizei gearbeitet hatte: »Ich wurde in den 1980er Jahren während einer schwierigen Zeit in meinem Leben ein Informant und blieb es seither«, erklärte er öffentlich.

Sinn-Féin-Präsident Gerry Adams sagte daraufhin, sein enger Weggefährte habe als »britischer Agent« gearbeitet und sei deshalb aus der Partei ausgeschlossen worden. Donaldson war anschließend bis zu seiner Exekution im April 2006 flüchtig. Die Nachfolgeorganisation Real IRA bekannte sich 2009 zu der Tat. Die Schützen dürften jedoch als Mitglieder der IRA agiert und sich 2007 der Real IRA angeschlossen haben. Die IRA hatte oft mit hochrangigen britischen Agenten in den eigenen Reihen zu kämpfen. Auch der Leiter der Anti-Informanteneinheit, Freddie Scappaticci, arbeitete ab 1978 als Doppelagent.

Derzeit sind zehn Republikaner angeklagt, da sie an zwei Treffen der 2012 gegründeten New IRA mit dem Agenten Denis McFadden im Frühjahr 2020 teilgenommen hatten. Unter ihnen ist auch der Arzt und ehemalige Vorsitzende der palästinensischen Gemeinde in Schottland, Issam Bassalat. Denis Donaldson soll um die Jahrtausendwende mit McFadden gemeinsam in North Antrim Sinn-Féin-Strukturen aufgebaut haben.

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