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Aus: Ausgabe vom 08.03.2022, Seite 7 / Ausland
Russland und Lateinamerika

Gespräche in Caracas

Medien berichten von Verhandlungen zwischen USA und Venezuela. Hintergrund soll Ukraine-Krieg sein
Von Frederic Schnatterer
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Einfallstor Ölsektor? Laut anonymen Quellen überlegen USA Aufhebung mancher gegen Venezuela gerichteter Sanktionen (Anzoátegui, 13.2.2001)

Hat der Krieg in der Ukraine Auswirkungen auf die Politik der USA gegenüber Lateinamerika? Bereits am Sonnabend berichtete die New York Times, Regierungsbeamte aus Washington seien zu Gesprächen mit Vertretern der venezolanischen Regierung nach Caracas geflogen. Das hätten »Personen, die mit der Angelegenheit vertraut sind«, dem Blatt bestätigt. Ziel des »ranghöchsten Besuchs von Beamten aus Washington« in Venezuela seit 2019 – damals hatten die USA ihre Botschaft in Caracas geschlossen – sei auszuloten, ob ein Keil zwischen die Regierung von Präsident Nicolás Maduro und seinen Verbündeten Russland getrieben werden könne. Am Sonntag berichtete die Nachrichtenagentur Reuters – ebenfalls unter Bezugnahme auf eine anonyme Quelle –, die Gespräche seien ohne Ergebnisse beendet worden. Möglicherweise seien jedoch weitere in Vorbereitung.

Während sich bisher weder die venezolanische noch die US-Seite offiziell zu dem Treffen geäußert haben, zirkulieren mehrere Hypothesen zum Inhalt der Gespräche. So mutmaßt die New York Times, Washington fürchte die Folgen der Konfrontation mit Russland auch in Lateinamerika. Bereits im Januar hatte Moskau gegenüber Medienvertretern die Stationierung eigener Truppen auf Kuba und in Venezuela nicht ausgeschlossen. »Alles hängt von den Handlungen der amerikanischen Kollegen ab«, erklärte Russlands Vizeaußenminister Sergej Rjabkow damals. Auch wenn ein solches Szenario derzeit, insbesondere ob der russischen Truppenkonzentration in der Ukraine unwahrscheinlich erscheint, interpretiert Washington derartige Aussagen als »Bedrohung der nationalen Sicherheit«.

In den vergangenen Wochen hatte sich Moskau offensiv für eine noch engere diplomatische Bindung unter anderem Venezuelas an Russland bemüht. Im Februar begann Vizepremier Juri Borissow in Caracas eine mehrtägige Lateinamerikareise. Die kurz darauf erfolgte Anerkennung der »Volksrepubliken« im Donbass durch die russische Regierung unterstützte Venezuela demonstrativ, mittlerweile mehren sich jedoch auch kritische Stimmen angesichts des russischen Krieges in der Ukraine.

Eine »Annäherung« von Washington und Caracas könnte möglicherweise über eine zumindest teilweise Aufhebung bestimmter US-Sanktionen gegen das Land – und speziell gegen den Ölsektor – vonstatten gehen. Laut New York Times plädierten bereits vor dem Treffen Politiker und Wirtschaftsvertreter dafür, russische Ölimporte durch solche aus Venezuela zumindest teilweise zu ersetzen. Es ist davon auszugehen, dass die Regierung von Maduro nicht abgeneigt wäre, das eigene Öl auch in die USA zu verkaufen – auch wenn in den vergangenen Monaten und Jahren Wege gefunden wurden, die Auswirkungen der US-Sanktionen gerade auch gegen den Ölsektor zu umgehen. Seit mehreren Monaten erholt sich die venezolanische Ölindustrie – neben China und dem Iran ist vor allem die Kooperation mit Russland dafür verantwortlich. Im vergangenen Dezember konnten laut offiziellen Angaben wieder rund 871.000 Barrel Rohöl am Tag gefördert werden. Laut Reinaldo Quintero, Präsident des Verbandes venezolanischer Ölgesellschaften, könnte die Produktion im Laufe dieses Jahres auf bis zu 1,2 Millionen Barrel am Tag gesteigert werden.

Vergangene Woche zitierte die spanische Nachrichtenagentur Efe einen Wirtschaftswissenschaftler mit der Einschätzung, Venezuela könne vom starken Anstieg des Ölpreises derzeit nur bedingt profitieren, da die gegen Russland verhängten Sanktionen auch Auswirkungen auf seine Zahlungsfähigkeit haben würden. Schätzungen der kolumbianischen Wirtschaftszeitung La República zufolge würde eine Aufhebung der US-Sanktionen gegen Venezuela im ersten Monat täglich 750.000 Barrel venezolanischen Öls zusätzlich auf den Weltmarkt werfen, derzeit seien in dem Land 23 Millionen Barrel in Tanks gelagert.

Ob es sich wirklich um einen Strategiewechsel der Regierung von Joseph Biden handelt, darf jedoch angezweifelt werden. Zwar erklärte Juan Gonzalez, Topberater des US-Präsidenten für Lateinamerika, in der vergangenen Woche in einem Podcast von Americas Quarterly, Washington setze nicht mehr auf den Sturz der Maduro-Regierung. Allerdings verlängerte die US-Regierung nur wenige Tage vor dem Treffen die »Executive Order 13962«, mit der der damalige Präsident Barack Obama Venezuela 2015 zu einer »ungewöhnlichen und außerordentlichen Bedrohung der nationalen Sicherheit« erklärt hatte.

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  • Leserbrief von Norbert aus München (10. März 2022 um 10:26 Uhr)
    Vielleicht bekommt dann Venezuela sein eigenes Gold, das bei der Bank of England gelagert und jetzt »eingefroren« ist, wieder zurück. Oder läuft das wie im Falle Deutschlands, dass man nicht einmal mehr im Bundestag danach fragen darf, wo und wieviel Gold in England oder den USA noch sind?

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