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Aus: Ausgabe vom 02.03.2022, Seite 3 / Schwerpunkt
Historie

Arbeit im Schlamm

Zeitgeschichtliches Archiv in Berlin vor Zerstörung: Einmalige Sammlungen von Zeitungsausschnitten aus Ost und West von 1946 bis 1992 enthalten
Von Arnold Schölzel
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Geschichtsvergessen: Die Halle, in der zahlreiche Dokumente lagern, droht abgerissen zu werden

Unter dem Titel »Der Tag zieht den Jahrhundertweg« erschien in der DDR 1982 ein im Vorjahr auf Russisch veröffentlichter Roman des kirgisischen Dichters Tschingis Aitmatow. Er schildert darin eine archaische unmenschliche Sitte zentralasiatischer Stämme: Gefangenen jungen Männern wird auf grausame Weise das Gedächtnis genommen. Sie werden willenlose »Mankurts«.

Als der Autor dieses Berichts am Dienstag vor einer Woche das Zeitgeschichtliche Archiv (ZGA) in Berlin-Marzahn betrat, traf kurz nach ihm eine Abgesandte des Bezirksamtes Marzahn-Hellersdorf ein, eine Sachbearbeiterin. Sie war geschickt worden, um mitzuteilen: Wird die Miete für die alte Industriehalle, in der das ZGA untergebracht ist, nicht bezahlt, wird das Archiv »zwangsgeräumt bis zum Ende des Monats«. Sie nannte den Monat nicht, es ist auch egal. Denn der Archivsammlung auf 700 Quadratmetern droht der Schredder. Dabei enthält sie Einmaliges: Geordnet nach Sachgebieten, Personen und Ereignissen finden sich hier Zeitungsausschnitte aus Ost und West aus den Jahren von 1946 bis 1992. Danach kam das Internet und schuf geistiges Chaos. Wer alles aufhebt, erinnert sich auch an nichts. Der »Mankurt« ist ein Symbol der Epoche, die Bezirksamtsbotin gewissermaßen seine Verkünderin. Als der Dichter Peter Hacks die Übernahme der DDR bedichtete, berichtete er übrigens in »Tamerlan in Berlin« sarkastisch von Banausenbarbarei in »unserer Usbekenzeit«: »In Schinkels Wache tränkt er seine Gäule. / Ein Pferdejunge pisst an eine Säule. / Im Stülerbau verehrt er seine Götzen, / Gemacht von Filz, sie stinken wie die Plötzen.« Und: »Bei Aufbau sitzt ein leitender Usbeke / und druckt nun sein usbekisches Gequäke.«

Makabre Posse

Ohne Reime und ohne Vorwarnung kam die Räumungsdrohung in Marzahn. Ein Gespräch hatte die Leitung des Bezirksamtes – seit November 2021 ist der promovierte Historiker und Sozialdemokrat Gordon Lemm Bürgermeister – nicht für nötig gehalten. Der Umgang sei unter dessen Vorgängerin Dagmar Pohle von der Linken freundlicher gewesen, meint Harald Wachowitz, der Leiter des ZGA. Es gibt in Marzahn, wo Die Linke am 26. September 2021 krachend verloren hat, Telefone.

Wachowitz wirkt von dem beiläufigen Überfall nicht allzu überrascht. Er hat, wie die Chronik des ZGA zeigt, in knapp 30 Jahren seit dem DDR-Anschluss wie alle DDR-Bürger mit Gedächtnis genug »Mankurtisierung« erlebt, dass ihn die makabre Posse nicht mehr trifft. Er drehte Tage zuvor einen ironischen Kurzfilm und stellte ihn auf die Internetseite des Archivs zga-berlin. de. Er lädt darin für den 5. und 6. März zum Besuch des ZGA am diesjährigen »Tag der Archive« ein. Besuchen Sie Geschichte, solange sie noch in Regalen steht.

Die Archivmaterialien, die zu einem großen Teil in einer Datenbank erfasst sind (Artikelrecherchen sind auf der ZGA-Internetseite möglich), sind eine Eisbergspitze. Das von Wachowitz geleitete Berlin-Brandenburgische Bildungswerk (BBB) hat neben dem ZGA unglaublich viel auf die Beine gestellt: Es wird das auf eigenen Beinen stehende Kultur- und Nachbarschaftszentrum RuDi in Berlin-Stralau hinterlassen, sehenswerte Kataloge von Ausstellungen mit Titeln wie »Antike Mythen in der bildenden Kunst der DDR« oder »Innenansichten. Weltbetrachtungen. Gegenständliche Kunst in Deutschland« oder »Panik im Olymp. Prometheus. Kritische Grafik in der Kunstmappe 1982 des Kulturbundes der DDR« (die Mappe gefiel den Auftraggebern nicht, sie wurde im Einvernehmen mit der Kulturabteilung des ZK der SED nur in einer Kleinstauflage von 60 Exemplaren gedruckt). Das BBB ist eines jener zähen Unternehmen, in denen abgewickelte und mit Strafrente versehene DDR-Wissenschaftler, Politiker, aber auch Menschen ohne jeden Abschluss Arbeit fanden. Sie produzierten CDs (»Der Rechtsextremismus der 90er Jahre«), DVDs (»Die Novemberrevolution« oder Konzert und Gespräch mit Klaus Renft). Wenn Wachowitz erzählt, hört es sich nach Arbeit im und gegen den Schlamm an, in dem die DDR-Geschichte offiziell verklappt wird. Insgesamt konnten 9.000 bis 10.000 Menschen ihr Brot im BBB verdienen, schätzt Wachowitz. Die Zahlen lassen ahnen, welche Schicksale die sogenannte Einheit nach sich zog.

Zählt alles nicht

2007 eröffnete das BBB das ZGA in Marzahn. Vorausgegangen waren die Übernahme der Zeitungsausschnittsammlungen des Neuen Deutschlands, des Tagesspiegels und des DDR-Instituts für Politik und Wirtschaft sowie deren Erschließung. 18,56 Millionen in den Kernbeständen, dazu ungezählte Fotos, es gibt nichts Vergleichbares. Hinzu kommen Raritäten der Publizistik. Kennt jemand die einst populäre Wochenschrift Der Roland von Berlin, 1903 gegründet, 1947 neu herausgegeben, 1950 eingestellt? Hier finden sich die Nachkriegsexemplare.

Zählt alles nicht, die Halle ist zum Abriss vorgesehen, spätestens am 31. Dezember 2022 ist Schluss. Wachowitz und andere halten das ZGA seit 2019 ehrenamtlich offen, haben mit Staatsbibliothek, Bundesarchiv, dem Haus der Geschichte Übernahmen verhandelt. Es wurde gute Arbeit bescheinigt, das war’s. Ende Januar schrieb Wachowitz einen Brief an die neue Kulturstaatsministerin Claudia Roth, eine Antwort erhielt er noch nicht. Der Tagesspiegel hat über die Gefahr für das ZGA berichtet, die RBB-»Abendschau« und der Deutschlandfunk. Wachowitz hat die Beiträge auf der ZGA-Webseite verlinkt. Er hat etwas gegen den Tod eines Gedächtnisses.

Zeitgeschichtliches Archiv. Premnitzer Straße 12 (neben dem Bürohaus), 12681 Berlin. Am »Tag der Archive«, dem 5. und 6. März, jeweils von 10 Uhr bis 15 Uhr geöffnet. S-Bahnhof Mehrower Allee. zga-berlin.de

Chronik: Zeitgeschichtliches Archiv

1994: Rettung des Zeitungsausschnittsarchivs des Verlags Neues Deutschland durch das Berlin-Brandenburgische Bildungswerk e. V. (BBB) mit Hilfe Hunderter Berliner Freiwilliger. Zwischenlagerung in einem leerstehenden Gebäude in Brandenburg.

1996: Aufbau dieser Sammlung als Länderarchiv per Kooperationsvertrag mit dem Landkreis Oder-Spree in Fürstenwalde, am Sitz des BBB. Erste Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen (ABM) zur rechnergestützten Erschließung der Sammlung in Brandenburg und Berlin.

2007: Eröffnung des Zeitgeschichtlichen Archivs (ZGA) am neuen Standort in Berlin-Marzahn. Im selben Jahr Rettung des historischen Zeitungsauschnittsarchivs der Redaktion des Berliner Tagesspiegels und Abschluss eines Kooperationsvertrages.

2010: Aufstellung und Einrichtung der ersten ZGA-Computer in öffentlichen Bibliotheken in Berlin und Brandenburg für Recherchen in den Archivbeständen.

2011: Rettung der Zeitungsauschnittsammlungen, die in der DDR im Deutschen Institut für Zeitgeschichte, dem Deutschen Wirtschaftsinstitut und dem Institut für internationale Politik und Wirtschaft entstanden waren und über die Berliner Humboldt-Universität an das Leibniz-Zentrum für zeithistorische Forschungen in Potsdam (ZZF) gingen. Den Transport übernimmt die Bundeswehr.

2019: Beendigung der Arbeit als arbeitsmarktpolitischer Beschäftigungsträger – seit 2013 waren bundesweit die Leistungen für Beschäftigungsgesellschaften wie das BBB verschlechtert worden. Zugleich verhielten sich die Jobcenter in nicht hinzunehmender Weise inhuman gegenüber langzeiterwerbslosen Menschen.

Letztes Großprojekt des BBB zum Jubiläum der ­doppelten Staatsgründung (www.deutschland1949.de).

2020: Es liegen notariell beglaubigungsreife Kaufverträge des Bezirksamtes Marzahn-Hellersdorf mit einer privaten Firma vor, um die Liegenschaft Premnitzer Str. 12 zu übernehmen. Die Firma ist auch bereit, das dort befindliche komplette ZGA zu übernehmen. Das scheitert am Veto des Senats.

2021: Die Deutsche Staatsbibliothek lehnt in Ermangelung von Fläche und Personal die Übernahme des ZGA nach achtmonatiger Prüfung ab. Auch das Bundesarchiv und die Stiftung »Haus der Geschichte der Bundesrepublik« in Bonn sehen sich zur Übernahme außerstande. Sie loben jedoch die zeithistorisch spannende Überlieferung und vor allem die Datenbankerschließung von bisher 1.918.416 Zeitungsartikeln. (jW)

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  • Leserbrief von R.Prang aus Berlin ( 2. März 2022 um 01:37 Uhr)
    »Zählt alles nicht«, so lautet eine Zwischenüberschrift, stimmt das? Für mich stimmt es nicht, es war 35 Jahre lang mein Leben. Seit nunmehr 30 Jahren tut man so, als habe dieses Leben nicht existiert. Man erklärt mir, wie ich gelebt hätte und wie unglücklich ich war, denn ich hatte ja keine Bananen und musste in der Kinderkrippe aufs Töpfchen gehen. Ich aber erinnere mich an eine glückliche Kindheit, was stimmt nicht mit mir? Ich muss meine Vergangenheit einfach vergessen, nicht mehr daran denken, alles »ausblenden«. Einfach nur noch den Menschen zuhören, die nach 1990 geboren wurden und genau wissen, wie es in der DDR war. Die mir erklären können, wie ich gelebt habe. Tilgen wir die Erinnerung, schleifen wir die Archive, zerstören wir, was uns erinnert. Schreiben wir die Geschichte neu. Entdecken wir, dass deutsche Geschichte nur westlich der Elbe stattfand. Die DDR war nie »Deutschland«, und ich wollte nie Deutscher sein. Ich schämte mich sogar dafür, denn ich wusste, was Deutsche in der Welt angerichtet hatten. Ich habe es in der Schule gelernt, ich habe es an den Häusern gesehen in denen Menschen gelebt hatten, die von Deutschen in KZ ermordet wurden. Löschen wir diese Erinnerungen aus, werden wir gute Deutsche, werden wir wieder Nationalisten. Vergessen wir alles, was wir über Humanismus, Gerechtigkeit und bessere Welt für alle Menschen gelernt haben. Es geht um Deutschland, was interessiert uns die Welt, die sollen ihre Rohstoffe liefern und uns als billige Arbeitskräfte dienen … Und werfen wir den Ballast DDR endlich weg. Die Gesellschaft, in der wir leben, wird uns dazu zwingen. Ich werde mich nicht von meiner Geschichte, meinem Leben distanzieren. Schreiben wir die Geschichte neu, zerstören wir Archive. Tucholskys Bücher wurden noch verbrannt. Heute schmeißen wir es auf den Sperrmüll. Und wir schauen nur zu? Ich will nicht zuschauen, aber wen interessiert das schon?

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