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Aus: Ausgabe vom 26.02.2022, Seite 8 / Inland
Antirassismus

»Wir müssen uns als handelnde Subjekte begreifen«

Raus aus der Opferrolle: Ausstellung zeigt migrantischen Widerstand gegen rechte Gewalt in der BRD. Ein Gespräch mit Gürsel Yildirim
Interview: Gitta Düperthal
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Demonstration nach dem Neonaziangriff auf Alberto Adriano im Jahr 2000 in Dessau

Ihre Ausstellung zur Geschichte des migrantischen Widerstands in Deutschland ist in Hamburg zu sehen, aber auch im rheinischen Kohlerevier in Lützerath. An diesem Sonnabend werden Sie dort bei einer Veranstaltung zur Entwicklung seit den 1990er Jahren sprechen. Was steht im Fokus der Debatte?

In den Jahren des wiedervereinigten Deutschlands nahmen rassistische Gewalt und völkische Hetze erschreckende Ausmaße an, so dass eine neue Stufe selbstorganisierten Widerstands notwendig wurde. Nach der Selbstenttarnung des NSU im Jahr 2011 und als Reaktion auf das Massaker in Hanau vom 19. Februar 2020 formiert sich eine neue Generation antirassistischer Aktivistinnen und Aktivisten gegen den Faschismus der Gegenwart. Nach jedem Anschlag oder Mord kolportieren Innenminister oder Polizeipräsidenten, es handle sich um Einzeltäter. Wir haben es aber mit einer völkischen Bewegung zu tun, die sowohl bei Verfassungsschutz und Polizei als auch im Parlament präsent ist. In meiner Ausstellung zeige ich Fotos von Demos und Streiks nach den Anschlägen in Mölln und Solingen, Flugblätter, Zeitungsartikel und Plakate, um die Kontinuität des Rassismus in Deutschland sowie die selbstorganisierten Kämpfe von Hamburger Migrantinnen und Migranten, Jugendlichen und Geflüchteten dagegen zu dokumentieren. Die Ausstellung wird auch noch an weiteren Orten der BRD zu sehen sein.

Sie besitzen ein großes unveröffentlichtes Archiv des migrantischen Widerstandes gegen rechte Gewalt. Was ist darin enthalten?

Einige Plakate zeigen die Solidarität mit Geflüchteten. Anfang der 1990er Jahre kämpften sie nicht nur gegen Abschiebungen und für ein Bleiberecht, sondern auch gegen ihre Zwangsverteilung in ostdeutsche Bundesländer. Dort wütete damals der rassistische Mob gegen Geflüchtete, zunächst 1991 im sächsischen Hoyerswerda und 1992 in Ros­tock-Lichtenhagen. Thema ist auch das Lagersystem: wie Menschen in ländlicher Gegend isoliert untergebracht und den Nazis vor Ort ausgeliefert wurden. Die migrantische Bewegung kämpft vor allem für bessere Lebensbedingungen.

Hat sich die Form des Widerstands über die Jahre verändert?

Die organisierte rechte und völkische Szene ist keine Randerscheinung mehr, sondern in der Mitte angekommen. Die antirassistische Szene reagiert oft nur aus der Defensive. Wir sollten uns nicht darauf beschränken, in geschlossenen Räumen über unsere Erfahrungen zu reden: Wenn wir uns zu schutzbedürftigen Objekten degradieren lassen und nicht als handelnde Subjekte begreifen, kommen wir nicht weiter.

Wie kann der politische Kampf von Geflüchteten abgebildet werden, ohne ihnen die Opferrolle zuzuschieben?

Geflüchtete brauchen solidarische Unterstützung. In den 90er Jahren gehörten autonome, linke und selbstorganisierte Gruppen zu den Unterstützerkreisen, wenn sie sich zu Wort meldeten und sich Gehör verschaffen wollten. So konnten sie aus ihrer Opferrolle heraustreten.

Kommen zu Ihrer Ausstellung vor allem diejenigen, die ohnehin für einen solidarischen Antifaschismus eintreten, anstatt Menschen, die man davon noch überzeugen müsste?

Ich möchte mit der Wandzeitung in erster Linie Betroffene erreichen, aber nicht nur. Auf den zwölf Plakaten kommen auch andere Akteure vor, die sich Antifaschismus und Antirassismus auf ihre Fahne geschrieben haben. Wir müssen über den eigenen Tellerrand hinausschauen und vorhandene emanzipatorische Kämpfe miteinander verbinden. Mich freut es, dass die Bewegung der Klimaschutzaktiven in Lützerath mit der migrantischen Szene und People of Colour zum Austausch zusammenkommen will.

Muss Kunst politisch sein?

Ja. Nach Bertolt Brecht geht es darum, Denken in Bewegung zu setzen – und zwar ausgehend von den Verhältnissen, in denen sich die Menschen befinden. Genau das möchte ich mit meiner Wandzeitung bewirken: Es geht darum, Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zusammenzudenken.

Gürsel Yildirim ist Aktivist, Soziologe und Amateurfotograf. Er lebt in Hamburg.

Informationen zur Veranstaltung: luetzerathlebt.info

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