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Aus: Ausgabe vom 24.02.2022, Seite 11 / Feuilleton
Literatur

Sie wollen raus

Numinose Kiste: Der Erzählungsband »Supermilch« von Philipp Böhm
Von Werner Jung
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Leiden unter der Hektik der Großstadt: Man kann die prägende Welt und Kultur halt nicht einfach hinter sich lassen

Nach dem vielgelobten Debütroman »Schellenmann« (2019) legt der in Ludwigshafen geborene und in Berlin lebende Autor Philipp Böhm nun einen Erzählband vor: »Supermilch«. Alle neun Texte – Kafka lässt grüßen – irritieren durch grotesken Realismus. Denn Kafka, so die späte Erkenntnis eines seiner schärfsten Kritiker, Georg Lukács, sei ein großer Realist gewesen. So komplex-widersprüchliche Verhältnisse wie die in der modernen Klassengesellschaft ließen sich realistisch nur mit grotesken Verzerrungen und Entstellungen, Überhöhungen und Übertreibungen adäquat darstellen.

Böhms Erzählungen, die im Hier und Jetzt angesiedelt sind, spielen in der Welt der Twentysomethings und verdeutlichen dabei überwachte Wirklichkeit aus dystopischer Tradition von Orwell über Huxley zu Eggers. Böhm schreibt aus der Perspektive von Outcasts und Verrückten, die in prekären Verhältnissen dahinvegetieren. Drohnen sind allgegenwärtig, Hologramme am nächtlichen Himmel zeigen Gespenstisches. Die Protagonisten möchten heraus und können es nicht; das Hamsterrad ihrer Alltagsexistenz dreht sich unaufhörlich weiter. In allen Erzählungen gibt es mindestens ein verstörendes Element, ein Dingsymbol, eine unerwartete Situation oder Gegebenheit. Mit ihnen versteckt der Autor einiges an der Oberfläche, was auch darunter steckt.

Wie zum Beispiel in Böhms längster Erzählung »Unser Flecken«, die davon handelt, wie eine kleine Gruppe junger Menschen, unter der Hektik der Großstadt leidend, aufs Land zieht, um dort eine neue Heimat zu finden. Doch erweist sich das als trügerisch, als plötzlich numinose Kisten unbekannten Inhalts auftauchen, ohne dass man wüsste, wo sie herkommen. Die Bedrohung erzeugt Ängste – jedenfalls unter den neu Hinzugekommenen, während sich die Dörfler in einem Zustand zwischen gebotener Neugier und dem Gefühl, belästigt zu werden, befinden. Schließlich zerplatzt der Traum von der Heimat und dem neuen Zuhause, Paarbeziehungen zerbrechen, es kommt zu psychotischen Störungen. Man kann die prägende Welt und Kultur halt nicht einfach – in einsamer dezisionistischer Entscheidung – hinter sich lassen. Insofern schließt sich auch der Kreis in diesem Text wieder, der damit begonnen hat, dass die Protagonisten vergebens vor der Stadtgesellschaft zu fliehen beabsichtigen: »Die Städte, ja, die Städte, gehörten den automatisierten Lieferdiensten, den Video-Snippets, den Content-Häppchen, die dir auf dem Weg nach Hause erklärten, wie du die universelle Körpersprache der Menschen lesen kannst.« No way out.

Philipp Böhm: Supermilch. Erzählungen. Verbrecher-Verlag, Berlin 2022, 174 Seiten, 22 Euro

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