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Aus: Ausgabe vom 15.01.2022, Seite 11 / Feuilleton
Literatur

Die Natur der Fälschung

Verlegenheit als Vollendung: Molière zum 400. Geburtstag
Von Andreas Hahn
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»Der König ist nachsichtig und weiß, wie wenig Zeit wir gehabt haben«, Molière, »Das Stegreifstück von Versailles»

»Que de discours!« (»Klappe halten!«)

Molière, »L’Impromptu de Versailles« (1663)

In Molières Einakter »L’Impromptu de Versailles« gibt es auch eine Figur »Molière«. Die zwölf Mitglieder von »Molières« Theatertruppe haben vor dem König aufzutreten. Er, der Chef persönlich, Verseschmied und Possenschreiber, darf da keine Ausnahme machen. »Molière« tut ganz unschuldig: »Seht Ihr, gnädiger Herr, ich bin der unwissendste Mensch von der Welt. Ich weiß nicht das mindeste von allem, was Ihr mich fragen könntet, das schwöre ich Euch.«

Die Ignoranz ist nützlich, weiß »Molière«. Sie wimmelt lästige Fragesteller ab. Zumindest fürs erste. Zeit ist schließlich Geld. »Lassen wir das, wir haben keine Zeit für Geschwätz. Wir haben besseres zu tun.« Die Theatertruppe probt. Sie wartet auf den König, der auf sich warten lässt, aber ganz sicher unterhalten werden wollen wird. Er hat die Erstellung eines Stücks angeordnet (und »besser man führt seine Befehle schlecht aus als zu spät«). Wie von selbst artet die Probe des noch unfertigen Stücks in eine ernsthafte Debatte aus. Das nimmt kein Ende. Was soll die Posse bloß tun? Sie ist das unfertige Stück selbst, und selbst die Schauspielerinnen werden dabei spitzfindig. Eine »Mademoiselle ­Béjart« (möglicherweise Madeleine Béjart, Geschäftspartnerin von Molière und Mitglied der Truppe mindestens seit 1644, zudem die Schwester seiner Ehefrau) räsoniert: »Wenn man einen Schauspieler in einer komischen Rolle kopiert (contrefaire), so malt man nicht ihn selbst, sondern den Charakter, den er nach seiner Auffassung darstellt; man bedient sich der nämlichen Züge und Farben, die er selbst in den verschiedenen Bildern komischer Figuren (tableaux des caractères ridicules) der Natur abgeschaut hat.«

Auf die Kopie einer Kopie wird man verwiesen, will man jemanden erfassen, der die Hanswurstrolle gewählt hat. Zwar ist irgend etwas zweifelsohne vorhanden: eine sogenannte Natur, die letztlich imitiert wird. Das Original bleibt aber ungreifbar. Lediglich durch die Vermittlung eines Tableaus lächerlicher Figuren kann es eine Anschauung davon geben. Die Auswahl, die der jeweilige Hanswurst aus dem Tableau trifft, lässt auf seine jeweilige Verfassung, seine nachgeahmten Charakterzüge schließen. Diese wird dann kopiert oder gefälscht. Das ist die Darstellung des Komikers in seiner komischen Rolle.

Unterdessen wird das Stück, das die Truppe extemporiert, dank der fortlaufenden Diskussionen nicht fertig. Es wird niemals fertig. Die Verlegenheit ist seine Vollendung.

»Molière«, das ist das Bild, das sich seinen Schöpfer geschaffen hat. Der heutige Nationaldichter, von dem Ludwig XIV. wohl sehr verwundert war, dass sein zuständiger Experte, der Dichter und Kritiker Nicolas Boileau, ausgerechnet diesen Molière als den bedeutendsten Schriftsteller seiner großen Zeit, später die französische »Hochklassik« getauft, bezeichnete. Nun, Boileau müsse es ja wissen, meinte der König, der diesen Molière, der zu der wirklich hübschen Ballettmusik von Lully immer so angemessene Faxen machte, immer sehr gern gemocht hatte und meistens auch protegierte, wenn auch nicht immer.

Mit der Anekdote des ob der Qualität seines besten Faxenmachers wahrscheinlich für die Zeit, solange die französische Sprache existiert, eher verwunderten Königs begann Heinrich Schneegans (um 1900 einer der großen Reformatoren der deutschen Romanistik und Spezialist für »groteske Satire«) 1902 seine Molière-Biographie. Es gab und gibt freilich unzählige andere.

Seit Molière sich im Impromptu von Versailles mit der Darstellung seiner eigenen komischen Theaterfigur »Molière« verdoppelte, hat es bekanntlich noch Hunderte weitere Versionen gegeben. Die Bühnenfigur »Molière« tauchte im Laufe der Jahrhunderte in zahllosen Theaterstücken auf. Was ist ein Autor anderes als ein Ensemble von Gesten und Figuren. Eine Reihe von Kopien, Fälschungen. Die biographische Figur der »Dokumente« bleibt dabei ebenso ungreifbar. Nichts an »Molière« scheint es zu geben, das sich nicht eindeutiger Zuschreibung entzöge: seine Ehe (hatte er nun die Schwester oder gar die Tochter seiner Schauspielpartnerin geheiratet?), seine Autorschaft an seinen Werken (sie wurde wiederholt bis heute verschwörerisch angezweifelt), die mehrfache Umbettung seines Grabes, die Legende, er sei 1673 auf der Bühne gestorben als er im »Eingebildeten Kranken« spielte (er starb im Bett einige Tage nach seinem Bühnenkollaps) usw. usf.

Nachgelassene Manuskripte, Briefe oder sonstige Dokumente sind nicht erhalten geblieben. »Alles ging verloren außer zwei Blättern Papier, auf die der Wanderkomödiant irgendwann einmal den Empfang von Geld für seine Truppe quittiert hat.« (Michail Bulgakow, »Das Leben des Herrn de Molière«)

»Molière« ist bekanntlich ein Bühnenname. Der Tag der Geburt ist unklar, dokumentiert ist aber der Tag der Kindstaufe und der Status der Eltern, einer sehr wohlhabenden Kaufmannsfamilie im Hallenviertel von Paris. Bei Bulgakow klingt es wie folgt: »Also, um den 13. Januar 1622 ward in Paris dem Herrn Jean-Baptiste Poquelin und seiner Ehefrau Marie Poquelin-Cressé ein schwächlicher Erstling geboren. Am 15. Januar wurde dieser in der St.-Eustache-Kirche zu Ehren seines Vaters auf den Namen Jean-Baptiste getauft. Die Nachbarn beglückwünschten Poquelin, und in der Tapeziererinnung sprach sich herum, dass ein weiterer Tapezierer und Möbelhändler zur Welt gekommen sei.«

Knapp zehn Jahre nach der Geburt des Kindes, aus dem später »­Molière« werden wird, bekommt der Vater den an den Sohn übertragbaren Titel eines »tapissier et valet de chambre ordinaire du roi« (Tapezierer und Kammerdiener des Königs) verliehen. Der Sohn nimmt zunächst (seit 1637) den vorgefassten Karriereweg in Handwerk und Amt des Vaters, ergänzt noch durch eine juristische Ausbildung. Seine klassische Schulbildung hat er zuvor auf einer sehr exklusiven Jesuitenschule, dem Collège de Clermont erhalten. Dann trifft er die 1643 die Schauspielerin Madeleine Béjart. Er gründet mit ihr eine Theatertruppe. Der Name »Molière« wird geboren. Die Geschäfte in Paris gehen schlecht. Man zieht als Wandertruppe für Jahre durch die Provinz. Molière landet zwischenzeitlich im Schuldturm. Erst 1658 kehrt er nach Paris zurück. Mit dem Einakter »Les Précieues ridicules«, eine polemisch-parodistische Farce über bestimmte literarische Moden des Augenblicks hatte er 1659 seinen Durchbruch. Die »Pamphletkomödie« »L’Impromptu de Versailles« war dann 1663 bereits die Antwort auf die literarischen Fehden, in die sich der nun am Hof neu arrivierte Erfolgsautor begeben hatte. Und auch ein Beweis, dass er im Zentrum der Macht, am Hof von Ludwig XIV. als dessen herausragender Faxenmacher angekommen war. Die größeren Werke und noch größeren Kontroversen sollten folgen.

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