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Aus: Ausgabe vom 15.01.2022, Seite 10 / Feuilleton
Corona

Blauer Falter schwärmt aus. Notizen aus der Quarantäne

Von Bernhard Spring
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Nach zwei Wochen der Isolation kehrte der blaue Falter zurück, allmählich zog die gewohnte matriarchale Ordnung ein

In den letzten Tagen der Quarantäne klingelte das Telefon meiner Frau immer wieder. Kollegen und Vorgesetzte fragten mehr oder weniger offen, ob sie sich denn schon wieder fit genug für die Arbeit fühlte. Zwei Wochen Ausfall führten die Personalplanung der Klinik offenbar an ihre Belastungsgrenze. Meine Frau wurde dringend zurückerwartet – direkt auf der Intensivstation, die randvoll mit Covid-Patienten war.

Bei uns zu Hause übte sich eine langsam zu Kräften kommende Patientin in Mobilität. Es gab kleinere Spaziergänge durch den Garten und erste Kontrollgänge durch Räume, die sie in den vergangenen Wochen gemieden hatte. War das Kinderzimmer aufgeräumt? Hatten die Pflanzen im Arbeitszimmer genügend Wasser bekommen? Unsere Tochter warnte mich mit einem phantasievollen Codenamen vor meiner nahenden Frau: »Blauer Falter schwärmt aus!« bedeutete, dass sie das Sofa verlassen hatte, aber noch nicht ganz klar war, wohin sie unterwegs war. Damit nahm das Unheil seinen Lauf, denn erst unter ihrem kritischen Blick bemerkten wir, was alles in der Küche rumstand und wo überall nicht gefegt, abgestaubt oder gewischt worden war. Ganz klar: Der Alltag ohne meine Frau war dem Haushalt nicht gut bekommen.

Nach zwei Wochen der Isolation kehrte der blaue Falter zurück, und allmählich zog wieder die gewohnte matriarchale Ordnung ein. Unter dem Kommando meiner Frau bekam alles sein gewohntes Bild zurück, wenn auch nicht immer ganz freiwillig. Mal rollerten hier die Augen, mal wurde da ein leiser Protest gegrummelt, wenn wir wegräumen und putzen sollten. Schon freuten wir uns insgeheim, dass sie bald wieder arbeiten und damit mindestens neun Stunden außer Haus sein würde.

Dieser Tag wurde zu einer wahren Zäsur: Die Masken fielen weg, wir konnten endlich wieder als Familie gemeinsam essen, und ich zog aus dem Gästezimmer in das Schlafzimmer um. Wir hatten scheinbar unser altes Leben zurück.

Aber die Krankheit kümmerte sich nicht um das Ende der Quarantäne. Zwar war meine Frau nicht mehr ansteckend, aber die Kurzatmigkeit und auch die Abgeschlagenheit waren geblieben. Noch immer konnte sie nicht riechen oder schmecken. Als sie von der Arbeit kam, fiel sie wie tot aufs Sofa. So blieb es auch an den nächsten Tagen. Nur langsam gewann sie die gewohnte Energie zurück.

Noch heute ist sie schnell erschöpft, wenn wir mit dem Rad unterwegs sind oder einen kleinen Spaziergang machen. Es ist schwer zu sagen, ob die Krankheit noch nachklingt oder schon in Long Covid übergeht. Wir warten ab und hoffen. Wir freuen uns über jeden Moment, den wir miteinander verbringen können – und sei es nur bei einem abendlichen Brettspiel. Manchmal fragt unsere Tochter nach, wie es ihr denn nun ginge. Oft aber schweigen wir uns zu diesem Thema aus, weil wir ja wissen, dass die Fortschritte klein sind. Weil wir Angst haben, dass irgend etwas zurückbleibt. Dann ist Corona richtig beschissen.

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