75 Ausgaben junge Welt für 75 €
Gegründet 1947 Donnerstag, 20. Januar 2022, Nr. 16
Die junge Welt wird von 2602 GenossInnen herausgegeben
75 Ausgaben junge Welt für 75 € 75 Ausgaben junge Welt für 75 €
75 Ausgaben junge Welt für 75 €
Aus: Ausgabe vom 15.01.2022, Seite 10 / Feuilleton
Rock

Feierabends ein Träumchen

Dunkle Essenz der Easyness: Das neue Album von Robert Plant und Alison Krauss
Von Frank Schwarzberg
10.jpg
Höflicher Umgang: Allison Krauss und Robert Plant, 2008 auf dem Jazz and Heritage Festival in New Orleans

Am 10.12.2007 hält es Robert Plant nur wenige Minuten auf der Aftershow-Party im Londoner O2 aus. 20 Millionen Tickets hätten wohl Led Zeppelin für ihr Reunion-Konzert verkaufen können, 20.000 wurden schließlich verlost für ihren triumphalen Gig in Greenwich. Doch während McCartney, Jagger und Co. backstage auf den Sänger, den »Golden god« warten, um mit ihm anzustoßen, sitzt der schon im Taxi – nur weg aus Londons Südosten, in das vertraute, nördlicher gelegene Viertel Chalk Farm, in die Marathon-Bar, eine Kebab-Stube, die es mittlerweile nicht mehr gibt. Eine halbe Flasche Wodka und einen Hummus-Teller lässt Plant sich ins Hinterzimmer bringen und genießt, in Ruhe gelassen von den üblichen Nachtgestalten, in Stille das tatsächlich gelungene Reunion-Konzert (»Kashmir«!) und seinen zwei Monate zuvor veröffentlichten Folk-Blues-Blue­grass-Coup mit Alison Krauss: »Raising Sand«, der später fünf Grammys bringen sollte.

Zum Zeitpunkt dieses Stairway-To-Heaven-And-Taxi-To-Camden-Abends ist das neueste Projekt ja noch ganz frisch: »Raising Sand«, die unwahrscheinliche Verbindung von Rockgott Plant mit der filigranen Eleganz in ­Alison Krauss’ Stimme, von der Plant abguckt. An jenem Abend in Greenwich ging er noch einmal ran wie in alten Tagen, röhrte und poste wie damals. Das Konzert lief gut und irgendwann von selbst. Doch Plants Herz hängt längst an »Raising Sand«.

Bald tourt er mit dem Album und versprüht live – ich sehe ihn im Mai 2008 in Düsseldorf – tonnenweise Freude aus dem Halbfeld. Krauss ist der eigentliche Star dieser Abende. Die Band ist auf Platte wie live hochkarätig: T Bone Burnett als Produzent und Bandleader, Buddy Miller als Leadgitarrist, auch Stuart Duncan an allerlei Klampfen, der wunderbare Jay Bellerose an den Drums, Dennis Crouch am Kontrabass. Plant scheint mehr als dreißig Jahre nur darauf gewartet zu haben, diesen neuen Sound, die Verschmelzung von Folk und Rock (1971 schon angelegt in »The Battle of Evermore« im Duett mit ­Sandy Denny), probieren zu dürfen. Wir probierten mit – vor und auf der Bühne und im Rang fand sich nur noch Pipi in den Augen.

Und nun sind schon wieder 14 Jahre seit »Raising Sand« vergangen. Plant hat die Frucht nicht restlos ausgequetscht, hat statt dessen Allzumenschliches gemacht, ist gereist und umgezogen, hat mit anderen und immer wieder anders kollaboriert und Fußball gespielt, wenn er zu Hause in Wales war (fester Wochentermin: Five-a-Side, der Hallenhobbykick – na ja, womöglich macht er das jetzt nicht mehr).

Und dann haben Krauss und Plant so ab 2019 wieder Bock und Zeit, den Faden von »Raising Sand« aufzunehmen und weiterzuspinnen. »Raise the Roof« kam dabei rum, eine nahezu nahtlose Fortsetzung des Vorgängeralbums. Wiederum produziert von T Bone Burnett; wieder hat er Bellerose und Crouch und Miller dabei, dazu noch Bill Frisell, Marc Ribot und David Hidalgo an den Gitarren – Russ Pahl streichelt die Pedal Steel. Der Sound ist manchmal fast zu makellos, wirkt nicht in jeder Stimmung, morgens z. B. beim Wachwerden ist er zu gediegen und glatt. Aber feierabends, wenn man reif ist für Feinheiten aus guten Kopfhörern – ein Träumchen.

Krauss und Plant wechseln sich wie auf dem Vorgänger im Leadgesang ab. Höflich schleicht sich die jeweils zweite Singstimme in den Song. Nur den Eröffnungs- und den Schlussong singen Plant und Krauss durchgängig gemeinsam, und die beiden so unterschiedlichen Stimmen reiben sich und heben gemeinsam ab. »Quattro (World Drifts In)« ist der Eröffnungstrack, im Original von Calexico. Dazu gibt es Versionen von Songs der Everly Brothers, von Lucinda Williams, Merle Haggard oder Allen Toussaint, aber auch Abgelegeneres wie eine 1930er-Country-Blues-Nummer von Geeshie Wiley (»Last Kind Word Blues«) oder britischen Folk: Anne Briggs (»Go Your Way«, Lead­gesang Plant) und Bert Jansch (»It Don’t Bother Me«, Leadgesang Krauss). Sowohl Plant als auch Krauss gelingt es, die dunkle Essenz der im Original so easy daherkommenden Nummern freizulegen. Nur das eine oder andere überlange Outro stört. Und der einzige neu geschriebene Song, »High And Lonesome« ist zwar feiner Folk, in dem es brodelt und köchelt, der Funke aber schlägt nicht über.

Das Dach, wie der Titel »Raise The Roof« suggerieren mag, hebt nicht ab. Die düster-lockere Art von Erhabenheit, die Plant und Krauss ausstrahlen, muss nicht durch die Decke krachen, um sich zu enfalten. Ein Hinterzimmer reicht.

Robert Plant & Alison Krauss: Raise The Roof (Warner Music)

Zeitung für Internationale Solidarität

Die junge Welt ist die einzige parteiunabhängige Tageszeitung, die zeit ihres Bestehens gegen Krieg und Faschismus angeschrieben hat. Wenn wir nun unseren 75. Geburtstag feiern, dann möchten wir das zusammen mit unseren Leserinnen und Lesern tun.

Um dieses Jubiläum entsprechend zu würdigen, hat die junge Welt die 75er-Aktion gestartet. Schenken Sie sich, Ihren Lieben und der jW 75 Ausgaben für 75 Euro. Danach endet das Abo automatisch und muss nicht abbestellt werden.

Ähnliche:

  • Boom Boom: »Sie hatten in Europa nichts vergleichbares« (Hooker)
    22.08.2017

    Von der Wurzel

    Heute vor 100 Jahren wurde der große Bluesmusiker John Lee Hooker geboren
  • Blues im unreglementierten Stil: Stefan Diestelmann (1949–2007)
    04.08.2016

    Von den Fast-Woodstocks

    Noch einmal die Kutte anziehen: Von Stefan Diestelmann, dem vergessenen »Blueskönig der DDR« gibt es eine günstige CD-Box

Mehr aus: Feuilleton