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Bremseffekt Inflation

Zu Lust und Risiken des Kapitalverkehrs
Von Lucas Zeise
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Volker Wieland gilt als der Geldpolitikexperte im Sachverständigenrat der Bundesregierung. So bezeichnet ihn jedenfalls die FAZ, die ihn in einem Interview zur gegenwärtigen und mittelfristigen Inflation befragt. Der Tenor der Fragen sowie Wielands Antworten lassen sich in dem kurzen Einleitungssatz zusammenfassen: »Die grüne Transformation treibt die Inflation.« Wieland geißelt zwar die Europäische Zentralbank (EZB) für ihre Fehlprognosen. (Sie habe mit ihren Inflationsvorhersagen für 2021 weit daneben gelegen und ihre Prognose für die Inflation im Jahr 2022 von 1,7 Prozent im September auf 3,2 Prozent angehoben. »Eine Revision dieser Größenordnung gab es meines Wissens noch nie beim EZB-Stab.«) Aber er hütet sich, der EZB eine andere Geldpolitik – etwa eine Anhebung der Leitzinsen – zu empfehlen. Vielmehr plädiert er implizit dafür, die höhere Inflation einfach zu tolerieren. Immerhin findet er, dass der ärmere Teil der Bevölkerung unter den steigenden Strompreisen besonders leide, weshalb der Staat (hört, hört!) die Belastungen auf Strom in Form der EEG-Umlage und der Stromsteuer reduzieren solle, und zwar mit Hilfe der Einnahmen aus dem erhobenen CO2-Preis.

Steigende Preise für Güter des täglichen Bedarfs sind nicht nur eine Qual für die Armen. Weil sie und die ökonomische Mitte der Gesellschaft damit automatisch weniger Geld für anderes zur Verfügung haben, senken sie auch die gesamtwirtschaftliche Nachfrage. Das begreifen auch die schlicht denkenden Volkswirte. In den USA beispielsweise lässt der überschäumende Konjunkturoptimismus bereits nach. Die Inflation ist im Hauptland des Kapitalismus im vergangenen Jahr um sieben Prozent gestiegen, also mehr als doppelt so stark wie hierzulande. Die US-Notenbank hat deshalb verkündet, dass sie im Laufe dieses Jahres die Leitzinsen in wahrscheinlich drei Schritten von jeweils einem viertel Punkt erhöhen wird. Die Ankündigung reichte aus, um die Zinsen für Kreditnehmer auf breiter Front zu erhöhen. Zehnjährige US-Staatsanleihen sind bereits auf 1,7 Prozent gestiegen, und sogar im fernen Europa sind die zehnjährigen Bundesanleihen – von unten kommend – schon fast wieder bei null Prozent angelangt.

Was lernt der gemeine Spekulant daraus? Er nimmt zur Kenntnis, dass selbst unter den Bedingungen der satten Geldvermehrung die Krisen einzelner Kapitalisten (und ganzer Länder) sich häufen können und dass das in modische Anlagen investierte Geld nicht unbedingt sicher ist. Die liebevoll als »Hochtechnologie« gekennzeichneten Werte an den US-Börsen sackten in der vergangenen Woche deshalb bereits ab. Bevor der Aufschwung sich überhaupt durchgesetzt hat, treten neue Bremseffekte auf. In Deutschland teilte uns am Freitag der Präsident des Statistikamtes, Georg Thiel, mit, dass auch 2021 die wirtschaftliche Gesamtleistung (BIP) noch unter dem Vorkrisenniveau lag. Zu den Bremseffekten der Coronaeinschränkungen kamen und kommen, wie der Weise Wieland nebenbei feststellt, verstärkt die Bremseffekte der Inflation hinzu. Es kann gut sein, dass etwa die Notenbank der USA die zusätzliche Bremsung durch die »Normalisierung« der Geldpolitik schnell wieder zurück- oder auch gar nicht erst vornimmt.

Unser Autor ist Finanzjournalist und Publizist. Er lebt in Frankfurt am Main

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  • Leserbrief von Istvan Hidy aus Stuttgart (15. Januar 2022 um 13:57 Uhr)
    Kein objektives Maß für die Teuerung sind statistisch bemessene Preissteigerungen bei Konsumgütern! Für mich war noch immer die größte, weitgehend außer Betracht gelassene Inflation bzw. Geldentwertung die Euro-Einführung, bei der Deutschland mit einem für seine Bürger unakzeptablen Wechselkurs in die Währungsunion eingetreten ist. Da waren unsere Sparguthaben und Verdienste in Kürze halbiert. Nicht umsonst wurde der Euro als »Teuro« wahrgenommen. Wer sich aber in einer immer teurer werdenden kapitalistischen Welt wähnt, wird seine Konsumausgaben und sein Sparverhalten entsprechend anpassen müssen, mit gesamtwirtschaftlichen Schäden als Folge. Denn Individuen werden nicht von amtlichen Statistiken geleitet, sondern von ihrer Wahrnehmung. Das Auseinanderklaffen von gefühlter und ausgewiesener Inflation dürfte auch damit zu tun haben, dass die offizielle Teuerung die Konsumentenpreise nur eingeschränkt berücksichtigt. Unverständlicherweise werden ausgeklammert die Preise von Vermögenswerten wie Aktien und Immobilien, weil angeblich, warum auch immer, diese Güter nicht dem Konsum dienen. Gerade in jüngerer Vergangenheit dürfte aber der steile Preisanstieg bei Aktien und Wohneigentum den Eindruck einer hohen Inflation mehr als je verstärkt haben.

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