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Aus: Ausgabe vom 15.01.2022, Seite 5 / Inland
Schiffbau

Perspektiven nach der Pleite

MV-Werften: Insolvenzverfahren beginnt im März, Dezembergehälter bis Montag. Alles Weitere offen
Von David Maiwald
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»Gefasst reagiert«: Werftarbeiter nach Belegschaftsversammlung am Donnerstag in Wismar

Wie es nach der Pleite der MV-Werften in Wismar, Rostock und Stralsund weitergeht, ist nach wie vor völlig offen. Das Amtsgericht Schwerin bestellte am Mittwoch Christoph Morgen von der Kanzlei Brinkmann und Partner als Insolvenzverwalter. Der informierte die Beschäftigten am Donnerstag auf Belegschaftsversammlungen über demnächst folgende Schritte. Auch Vertreter von Unternehmen, Politik und Gewerkschaft waren anwesend. In Wismar sagte Mecklenburg-Vorpommerns Ministerpräsidentin Manuela Schwesig (SPD) den Beschäftigten Unterstützung zu, betonte aber, ohne den Bund werde es nicht gehen. Eine Sondersitzung des Schweriner Landtags zur Lage der Werftengruppe am Donnerstag nachmittag blieb ergebnislos.

Die bislang vom Eigentümer der Werften einbehaltenen Gehälter für Dezember sollen bis kommenden Montag über eine Insolvenzgeldvorfinanzierung ausgezahlt werden, versicherte Morgen den Beschäftigten. Hinsichtlich des im Dock in Wismar liegenden, zum großen Teil fertiggestellten Kreuzfahrtschiffs »Global 1« zeigte sich der Verwalter vorsichtig optimistisch. Er werde sich bemühen, mit dem Mutterkonzern Genting Hongkong über den Weiterbau des 1,5 Milliarden Euro teuren Ozeanriesen zu verhandeln, versicherte Morgen gegenüber Pressevertretern.

Ob die Standorte eine Zukunft haben, ist unklar. Nach dem Schock der Pleite hätten die Arbeiter auf den Einsatz des Insolvenzverwalters »gefasst reagiert«, sagte Heiko Messerschmidt, Sekretär der IG-Metall für Schiffbau, am Donnerstag im Gespräch mit junge Welt. »Die Kolleginnen und Kollegen haben darauf gewartet, dass ein Verwalter bestellt wird und dass es jetzt weitergeht.« Nun seien bis zur Eröffnung des Insolvenzverfahrens Anfang März viele drängende Fragen zu klären. »Die Zeit arbeitet gegen uns«, so der Gewerkschafter. Nach jetzigem Stand seien nur die Gehälter für Januar und Februar noch gesichert. Und auch wenn Genting Hongkong etwa bereit sei, die »Global 1« abzunehmen, sei nicht geklärt, wo die fehlenden 600 Millionen Euro für die Fertigstellung herkämen, so Messerschmidt: »Das sind die entscheidenden Fragen.«

Die Aktie des Werfteigners ging bei der Wiederaufnahme des Handels am Donnerstag auf Talfahrt. Bei Handelsschluss an der Hongkonger Börse lag das Kursminus bei 56 Prozent. Der Handel war ausgesetzt worden, bevor der Konzern am Montag Insolvenz für acht Gesellschaften der Werftengruppe beantragt hatte. Der Bund hatte die 600 Millionen Euro für den Bau der »Global 1« an Sicherheitszahlungen gekoppelt, die Genting in geforderter Höhe nicht zugesagt hatte. Die Werftengruppe war wegen der Kündigung eines zugesagten Kredits des Landes in Höhe von 78 Millionen Euro am Dienstag vor das Schweriner Landesgericht gezogen, eine Entscheidung ist für kommenden Montag angekündigt.

Zurückzusehen und Schuldfragen zu stellen helfe in dieser Situation nicht weiter, hatte Gesamtbetriebsrätin Ines Scheel auf der Belegschaftsversammlung erklärt. Es müsse nun schnell geklärt werden, welche Perspektiven für die Werften und ihre Beschäftigten entwickelt werden könnten. Zeitungen des Redaktionsnetzwerks Deutschland zitierten in ihren Freitagausgaben aus einem Brief des Bundesfinanzministers Christian Lindner (FDP) an Scheel, in dem die »Verweigerungshaltung« des Eigentümers beklagt und Unterstützung zugesichert werde: »Die Bundesregierung lässt die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der norddeutschen Werften auch jetzt nicht allein.« Konkreter wurde der Minister nicht.

Scheel betonte am Donnerstag, die Beschäftigten hätten in den vergangenen 30 Jahren unter Beweis gestellt, dass sie Containerschiffe, Spezialschiffe, Kreuzfahrtschiffe und auch Plattformen bauen könnten. »Aber wir können nicht morgen anfangen zu bauen«, ergänzte Gewerkschaftskollege Messerschmidt gegenüber jW. Die Entwicklung von Perspektiven für Werften und Beschäftigte werde »möglicherweise noch lange Zeit dauern«.

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