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Aus: Ausgabe vom 14.01.2022, Seite 9 / Kapital & Arbeit
Bitcoin und Co.

Schürfen bis zum Stromausfall

Wegen anhaltender Energiekrise verbietet Kosovo die Erzeugung von Kryptowährungen. Rechenzentren von Polizei geschlossen
Von Roland Zschächner
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Notstand und Alltag: Kaffeetrinker in Bar in Pristina (27.12.2021)

Wenn der Frost kommt, wird im Kosovo der Strom knapp. In diesem Jahr sorgt der Energiemangel für eine besonders schwere Krise. Nun schlug die Polizei zu: Am vergangenen Wochenende wurden Hunderte Computer und andere Hardware zum sogenannten Schürfen von Kryptowährungen konfisziert. Kurz zuvor hatte die Regierung in Pristina ein entsprechendes Verbot erlassen. Dass dieses auch umgesetzt wurde, hat viele überrascht.

Strom ist im Kosovo vergleichsweise billig. Nur rund sieben Eurocent bezahlten die Verbraucher für eine Kilowattstunde in der serbischen Provinz, die 2008 völkerrechtswidrig ihre Eigenstaatlichkeit ausrief. Im Vergleich: In der Bundesrepublik liegt der Durchschnittspreis bei rund 31 Cent. Der niedrige Preis lockt diejenigen auf den Balkan, die viel Strom für ihre Computer benötigen: die Schürfer von Bitcoin, Ethereum und Co.

Die rein digitalen Kryptowährungen werden nicht wie US-Dollar oder Euro von einer Zentralbank herausgegeben, sondern basieren auf der sogenannten Blockchain. Das sind lange Ketten von Transaktionen, die immer wieder neu berechnet werden. Dafür braucht es jede Menge Rechenleistung, die – weil es an einer zentralen Instanz fehlt – von privaten, mit dem Internet verbundenen Computern zur Verfügung gestellt wird. Dieses sogenannte Mining oder Schürfen ist lukrativ für diejenigen, die sich mit großen Kapazitäten daran beteiligen, weil sie Anteile an der jeweiligen Währung erhalten.

Vor allem der Bitcoin erfreut sich in Zeiten der Niedrigzinspolitik großer Beliebtheit als Spekulationsobjekt, sein Kurs stieg seit Mitte 2020 mit erheblichen Schwankungen um mehr als das Vierfache. Kehrseite der digitalen Medaille ist ein hoher Stromverbrauch. China hat deswegen das Schürfen im vergangenen Jahr verboten. Nun zog Pristina nach, denn die Region leidet unter Energieknappheit. Im Dezember wurde deswegen bereits der Notstand ausgerufen, es kam zu Stromsperrungen und Einschränkungen beim Heizen. Regierungschef Albin Kurti ließ gegenüber Journalisten sogar wissen, er wärme sich nach einem langen Arbeitstag zu Hause lediglich mit einer Decke.

Die kosovarische Infrastruktur zur Energieversorgung ist marode. Das stellte die Weltbank schon 2018 fest und verkündete bei der Gelegenheit, sie werde nicht mehr in die alten Anlangen investieren. Mehr als 90 Prozent des Stroms wird von zwei Kraftwerken erzeugt. Energiequelle für die Anlagen Kosovo A und B ist die einheimische Braunkohle, die in erheblichen Mengen im Boden lagert und, einmal dort herausgeholt, für schlechte Luft sorgt.

Im Dezember musste nun auch noch Kosovo B wegen einer Havarie abgeschaltet werden. Das vergrößerte den bestehenden Bedarf nach Strom aus dem Ausland. Pristina muss regelmäßig Energie hinzukaufen, zur Zeit sind es 40 Prozent des Verbrauchs. Die Kosten für diese Importe sind im Vergleich zum vergangenen Jahr um bis das Siebenfache gestiegen, mehr als 500 Euro fallen inzwischen für eine Megawattstunde an. Mittel, die der Energieversorger nicht aufbringen kann, weshalb die Regierung 20 Millionen Euro bereitstellte.

Zugleich regt sich Unmut in der Bevölkerung. Im Dezember gab es erste Demonstrationen für eine ganztägige Stromversorgung. Hatte die Regierung anfangs noch Elektrogeräte auf Stand-by als Ursache des Mangels ausgemacht, zog Kurti nun die nationalistische Karte. Die Schuldigen für die Misere fänden sich im hauptsächlich von Serben bewohnten Norden, so der Chef der regierenden albanisch-chauvinistischen Partei Vetëvendosje. In den dortigen Gemeinden würde niemand die Stromrechnung bezahlen, statt dessen liefen die Rechner auf Hochtouren, um Kryptovaluta zu schürfen.

Als Beweis für diese These wurde ein am Wochenende von der Polizei ausgehobenes provisorisches Rechenzentrum in Leposavic präsentiert. Wirtschaftsministerin Artane Rizvanolli erklärte anschließend, durch die Beschlagnahmung von 272 Geräten zum Schürfen von Kryptowährungen würden »mehr als 50.000 Euro pro Monat an Steuergeldern eingespart«. Abseits des zur Schau gestellten Aktionismus sind viele Fragen offen, etwa, ob die Beschuldigten überhaupt verurteilt werden. Unklar ist, welche Strafen auf den erst jüngst erstmals erhobenen Vorwurf des digitalen Schürfens stehen. Es fehlt auch noch an den schon lange angekündigten rechtlichen Regularien für das digitale Geld.

Nicht nur auf dem Balkan hat das Schürfen Folgen. So unterstützten etwa Iran oder Kasachstan das Mining, indem sie entsprechende Rechenzentren ins Land holten. Allerdings drehte das von US-Sanktionen gebeutelte Teheran während einer Hitzewelle im Sommer den digitalen Goldgräbern den Strom vorübergehend ab. Und in Kasachstan, dem weltweit zweitwichtigsten Miningstandort, kappte die Regierung im Zuge der gewaltsamen Proteste das Internet. Mit der Rechenleistung ging der Kurs des Bitcoins zwischenzeitlich in den Keller. Auch die kosovarischen Razzien schickten das Kryptogeld zu Wochenbeginn auf Talfahrt.

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