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Aus: Ausgabe vom 13.01.2022, Seite 12 / Thema
Reaktionäre Schundliteratur

Von Orks und Helden

Vorabdruck. Ayn Rand erreichte mit ihrem ultraliberalen, antisozialen Werk ein Massenpublikum. Außerhalb der USA ist sie allerdings kaum bekannt
Von Holger Wendt
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Reaktionäre Schundliteratur in millionenfacher Auflage: Ayn Rands »Atlas Shrugged« (1957)

In diesen Tagen erscheint Heft 1/22 der Zeitschrift Marxistische Blätter. Wir veröffentlichen daraus leicht gekürzt und mit freundlicher Genehmigung von Herausgebern und Autor den Aufsatz »Von Orks und Helden« von Holger Wendt. (jW)

Parallel zum ökonomischen Aufstieg der Vereinigten Staaten stieg die US-amerikanische Kultur zur Weltkultur auf; eine Entwicklung, die Westdeutschland noch nachdrücklicher beeinflusste als andere Staaten. US-amerikanische Musik, Bücher, Filme waren und sind populärer als ihre einheimischen Äquivalente, die Politik ist transatlantisch geprägt, geistes-, natur- und gesellschaftswissenschaftliche Publikationen von jenseits des Ozeans setzen akademische Maßstäbe. Kein Wunder, dass Denkerinnen und Denker aus den USA eifrig rezipiert werden. Dies gilt unabhängig von ihrer Qualität, es trifft auf historische Größen ebenso zu wie auf intellektuelle Bodendecker.

Die Schriftstellerin und Philosophin Ayn Rand (1905–1982) bildet eine bemerkenswerte Ausnahme. In den Vereinigten Staaten zählt sie zu den mit Abstand einflussreichsten Autorinnen des letzten Jahrhunderts. Ihre Schriften, insbesondere ihre literarischen Hauptwerke »The Fountainhead« und »Atlas Shrugged«, wurden millionenfach verkauft, sind längst in den Kanon der Schullektüre eingegangen. Wichtige Thinktanks berufen sich auf Rand, zu ihren zahllosen Fans zählen und zählten Personen wie Alan Greenspan, Steve Jobs, Jeffrey Bezos, Donald Trump oder Wikipedia-Gründer Jimmy Wales. In Umfragen nach den bedeutendsten Menschen des 20. Jahrhunderts landet sie immer wieder auf vorderen Plätzen, so in einer Befragung der Library of Congress aus dem Jahr 1991, in der Leserinnen und Leser »Atlas Shrugged« auf Platz zwei der ihr Leben am meisten beeinflussenden Bücher wählten – nach der Bibel.¹ Trotz alledem sind in Deutschland sowohl die Person Ayn Rand, ihr Werk als auch ihr immenser Einfluss auf Denken, Fühlen und Menschenbild ihrer Anhängerinnen und Anhänger weitgehend unbekannt.

Biographisches

»Ich habe, soweit ich mich zurückerinnere, stets dieselbe Philosophie vertreten, die ich heute vertrete. (…) Meine Philosophie beinhaltet im wesentlichen den Begriff des Menschen als heroischen Wesens, mit seinem eigenen Glück als moralischem Sinn seines Lebens, produktiven Errungenschaften als seinen nobelsten Aktivitäten und der Vernunft als seinem einzigen
Absoluten.«
²

Ayn Rand wurde 1905 unter dem Namen Alissa Sinowjewna Rosenbaum in Russland geboren; der Name verweist auf den jüdischen Ursprung ihrer Familie. Trotz der damals heftig antisemitisch geprägten Atmosphäre nahmen die Rosenbaums einen herausgehobenen Platz in der Gesellschaft ein. Der Vater erwarb eine gutgehende Apotheke im Zentrum der Hauptstadt St. Petersburg, beschäftigte eine Vielzahl von Angestellten. Die Mutter, ursprünglich Zahnärztin, pflegte die Kontakte in die Oberschicht. Weder der Weltkrieg noch die antijüdischen Pogrome der späten Zarenzeit konnten dem Wohlstand der Rosenbaums etwas anhaben, erst die Oktoberrevolution zerstörte die gutbürgerliche Idylle. Die Apotheke wurde enteignet, die Familie ging der Dienstboten verlustig, in ihrem Wohnraum wurden Obdachlose einquartiert. Die Rosenbaums flohen vorübergehend auf die Krim, erlebten weiße und rote Besatzung, teilten den Hunger der arbeitenden Menschen.

Die junge Alissa sah in Aufstand und Bürgerkrieg nicht den Widerstand gegen eine jahrhundertealte Unterdrückung, kein verzweifeltes Aufbegehren gegen Millionen Kriegstote und endloses Elend. Sie betrachtete die Bolschewisten als Mob, als Plünderer, die sich den ehrlich erworbenen Reichtum ihrer Familie unter den Nagel rissen. Der Schicksalskampf verfeindeter Klassen erschien ihr als Griff einer geistig minderbemittelten, moralisch verkommenen Unterschicht nach dem Besitz der rechtmäßigen Herrschaft. Ohne in Klassenkategorien zu denken, spiegelten sich die welthistorischen Ereignisse in Alissas Kopf als Ausdruck der Interessen ihrer Klasse wider. Die angemaßten Ansprüche des Geburtsadels lehnte sie ab, weit entschiedener jedoch die Forderungen der unterprivilegierten Bevölkerungsmehrheit. In ihrer Welt hatten allein die schöpferischen Individuen ein Anrecht auf den Genuss unverminderten Wohlstands – unter schöpferischen Individuen verstand sie Angehörige der Bourgeoisie. Dieses zentrale Motiv ihres Denkens, in jungen Jahren erworben, sollte sie niemals aufgeben.

Die Siege der Roten Armee veranlassten die Familie zur Rückkehr in ihre Heimatstadt. Alissa studierte ab 1921 Geschichte an der Staatlichen Universität Petrograd. Das Studium war kostenlos und erstmals ohne Beschränkung für Frauen und Juden zugänglich; dankbar zeigte sie sich nicht. Nach ihrem Abschluss ergriff sie die erste Gelegenheit, das Land zu verlassen; von einen Familienbesuch in den Vereinigten Staaten 1926 kehrte sie niemals zurück. Im Exil änderte sie ihren Namen, begann ihre schon in der UdSSR vorbereitete Karriere als Drehbuchautorin und Schriftstellerin. Ayn Rands erste Texte, strikt antikommunistisch angelegt, waren nur mäßig erfolgreich; Bücher wie »We the Living« oder »Anthem« verschafften ihr nicht das zum Überleben notwendige Geld. Sie und ihr Mann, ein wenig erfolgreicher Schauspieler, hielten sich mit verschiedenen Jobs über Wasser, arbeiteten vorzugsweise für Hollywoods Filmgesellschaften.

Der Durchbruch erfolgte 1943 mit der Veröffentlichung des Romans »The Fountainhead« (deutsch: »Der Ursprung«). Die Geschichte um den unbeugsamen Architekten Howard Roark und seine Geliebte Dominique Francon entwickelte sich, wiewohl von der Kritik verrissen, zum Verkaufsschlager. Die Zutaten des Romans sind dieselben, die sich auch in den anderen literarischen Texten Rands finden lassen: Eindimensionale Figuren stehen einander unverrückbar als gut und böse gegenüber. Eine sexuell aktive Heldin mit masochistischen Neigungen gibt sich dem dominanten männlichen Helden hin. Mangelnde Glaubwürdigkeit der Handlung wird von der Autorin damit gerechtfertigt, dass sie die Menschen nicht abbilde, wie sie sind, sondern wie sie sein sollten. Wie sollten sie sein? Rational, individualistisch, rücksichtslos auf die eigenen Interessen fixiert.

»The Fountainhead« machte Ayn Rand berühmt und finanziell unabhängig. Innerhalb der konservativen Oberschicht der USA nahm sie eine Sonderstellung ein. Dem Anspruch nach konsequent vernunftgemäß argumentierend, stand sie gegen verbreitete religiöse, irrationale und mystische Tendenzen. Mit ihrer Rechtfertigung eines absoluten Egoismus grenzte sie sich von Versuchen ab, den Kapitalismus unter Verweis auf seine vermeintlich positiven Folgen für die Unterschichten zu rechtfertigen. Das Wohl der kleinen Leute mochte ein Nebenprodukt sein, Ziel und Zweck der Ordnung des Laissez-faire sei jedoch das Glück der wenigen Übermenschen.

Um Rand herum sammelte sich ein stetig wachsendes Umfeld von Bewunderern, das – in deutlichem Widerspruch zu ihrem vorgeblichen Individualismus – schnell sektenhafte Züge herausbildete. Von ihren Anhängerinnen und Anhängern forderte sie absolute Hingabe an ihre Ideologie. Wer leise Zweifel äußerte, in irgendeinem untergeordneten Detail auch nur vermeintlich von der gültigen Linie abwich, wurde als irrational abqualifiziert, pseudopsychologisch analysiert, vor ein willkürliches Tribunal zitiert und bei Verweigerung vollständiger Unterwerfung zur Unperson gestempelt. Der Verbannung aus dem Kreis der »freien« und »individuellen« Denker folgte die öffentliche Erklärung zum Feind, zu moralischem Abschaum, nach Möglichkeit die Zerstörung aller sozialen und geschäftlichen Kontakte. Dieses ausgeprägt autoritäre Muster blieb bis zu Rands Tod im Jahr 1982 bestehen. Es wirkte selbst im innersten Zirkel ihrer Gefolgsleute, traf unter anderem ihren 25 Jahre jüngeren Liebhaber, den Psychologen und Sektenmitbegründer Nathaniel Branden.

Atlas Shrugged

»Es gibt zwei Romane, die das Leben eines bücherverliebten Vierzehnjährigen verändern können: ›Der Herr der Ringe‹ und ›Atlas Shrugged‹. Der eine ist eine kindische Phantasie, die eine oft lebenslange Obsession mit ihren unglaubwürdigen Helden verursacht, was in einem emotional und sozial verkrüppelten Erwachsensein und der Unfähigkeit endet, mit der realen Welt umzugehen. Der andere natürlich beinhaltet Orks.«³

Im Jahr 1957 veröffentliche Rand ihr zweites Hauptwerk. »Atlas Shrugged« (deutsch: »Atlas wirft die Welt ab«) erzählt die Geschichte von Dagny Taggart, der jungen Erbin einer alteingesessenen Eisenbahngesellschaft. In einer fiktiven Version der Vereinigten Staaten, in der Kollektivisten die Macht übernehmen, versucht sie das Erbe ihrer Familie zu verteidigen. Dabei muss sie erleben, wie ein fähiger Unternehmer nach dem anderen das Handtuch wirft. Geschäftspartner, auf die sie sich verlassen konnte, verschwinden spurlos. Im Laufe der Handlung lernt Dagny die Wahrheit: Die Kapitalisten, die Denker, die Macher und Genies sind nicht einfach weg, sie treten in den Streik. Unter Führung des Obergenies John Galt ziehen sie sich in ein verstecktes Dorf zurück, überlassen die Welt den Plünderern und Bettlern, den Humanisten und ­Altruisten, den reichen Betrügern und der inkompetenten Unterschicht, kurz: all jenen, die in Rands Universum nur verbrauchen, nicht produzieren. Dagny benötigt lange, um die Alternativlosigkeit des Kapitalistenstreiks einzusehen, doch am Ende des Buches fliegt sie mit John Galt und anderen Helden im Flugzeug über eine USA dahin, deren Bevölkerung in Bürgerkrieg, Blut und Hunger untergeht. Erst der totale Kollaps des Kollektivismus macht den Weg frei für die Rückkehr der nunmehr verzweifelt erwarteten Übermenschen.

Wie schon »The Fountainhead« wurde auch dieser Roman von der Kritik verrissen. Völlig zu recht: Das Buch ist schlecht. Es ist bei weitem zu langatmig, schon ein Drittel der knapp 1.200 engbedruckten Seiten⁴ wäre mehr als ausreichend. Lange Passagen beinhalten redundante Monologe, in denen die handelnden Großdenker ihr Wertesystem referieren, allein das Hauptreferat von John Galt erstreckt sich über 60 Seiten. Die Figuren, ob gut oder böse, sind Rand-typisch eindimensional gezeichnet. Ausnahmslos alle Helden sind schön, stark, selbstsicher, erfolgreich, genial, überzeugend, rational, ehrlich, zielgerichtet und haben guten Sex. In ihrem geheimen Dorf verwirklichen sie die perfekte kapitalistische Utopie mit Goldgeld, Steuerfreiheit, Niedrigstpreisen und hochmoderner Technik. Die Schurken sind hässlich, hinterhältig, weinerlich, hysterisch, verlogen und in jeder Hinsicht unfähig. Beruflich wie privat verursachen sie endlose Folgen von ­Katastrophen, sie können keine Firmen leiten, keinen Staat organisieren, keine glücklichen Beziehungen führen, keine Maschine am Laufen halten und keine Obstkiste aus der Sonne in den Schatten räumen. Altruisten sind nicht einmal in der Lage, normal zu kommunizieren; sie reden nicht, sie jammern, schmeicheln, schreien, drohen, klagen, weinen oder betteln. Wieder und wieder formulieren sie dieselben Nichtgedanken in exakt demselben Wortlaut. Hinter ihren vorgeblichen Idealen stecken, kaum verhüllt, Vernichtungswunsch und Todessehnsucht. Kein Wunder, das sie die Welt zugrunde richten.

Im Gegensatz zu Ayn Rands proklamiertem Anspruch ist »Atlas Shrugged« von tiefer Menschenfeindlichkeit gezeichnet. Dagny Taggart bewundert ihren Ahnherren für den Mord an einem Bürokraten, später erschießt sie selbst in von der Autorin betonter Gefühllosigkeit einen zur Gegenwehr unfähigen Wachmann. In einem vollbesetzten Zug, der in einer Katastrophe vernichtet wird, sitzen ausdrücklich kein einziger Passagier und keine einzige Passagierin, die oder der das Überleben verdient hätte. Überhaupt wird die Existenz der Masse der fiktiven US-Bevölkerung allenfalls geduldet; am Ende geht sie unter, ohne dass ihr einer der triumphierenden Übermenschen eine Träne nachweinte.

Philosophie

»Those who are anti-business are anti-live.«5

All dies ist weder Zufall noch Folge schriftstellerischer Inkompetenz. Es ist die Konsequenz eines absolut gesetzten Individualismus, von Rand selbst als »Objektivismus« bezeichnet. Bei ihrer Philosophie handelt es sich um eine eigentümliche Mischung, bei der die Feststellung einer als menschenunabhängig existierend gedachten, durch die Wissenschaften erkennbaren natürlichen Grundlage des menschlichen Seins mit einer strikt idealistischen Sicht auf die Gesellschaft vermengt wird.

Einerseits bemüht sich Rand um eine streng vernunftgemäße Argumentation, sieht sich in unversöhnlicher Feindschaft zu allen Formen mystischer, subjektivistischer oder irrationaler Weltanschauungen stehen. Sie ist, für eine US-amerikanische Philosophin durchaus bemerkenswert, eine lautstarke und aggressive Atheistin. Ihr Eintreten für die menschliche Erkenntnisfähigkeit erfolgt, so scheint es wenigstens, völlig unzweideutig. Andererseits, in unvermitteltem Gegensatz zu ihrem (nach marxistischem Verständnis: vulgär-) materialistischen Unterbau, bleibt ihre Gesellschaftsphilosophie rein idealistisch. Der Mensch als zum Denken befähigtes Wesen könne die Welt zwar richtig erkennen, müsse dies aber nicht tun. Es bleibe seine freie Entscheidung, ob er von seinem Potential Gebrauch mache, sich eine rational-egoistische Weltsicht zulege, die ihm die Möglichkeit eines Lebens in Wohlstand und Freiheit eröffne, oder ob er sich durch die Übernahme irrational-kollektivistischer Positionen zu einer jammervollen Existenz in Unwissenheit, Elend und Knechtschaft verdamme. Dieses Entweder-Oder von gut und schlecht ist absoluter Gegensatz, es gibt keine Halbheiten. Jeder Versuch des Kompromisses zwischen individualistischer und kollektivistischer Weltsicht befinde sich bereits auf einer schiefen Ebene, die resultierende Rutschpartie könne nur im Dunkel eines kommunistisch-faschistischen Morastes enden.

Wie Menschen sich entscheiden, sei nicht kulturell, national, sozial, rassisch oder familiär bestimmt. Es handele sich um einen rein moralischen Entschluss. Wer die Randschen Vorstellungen zurückweise, habe keine alternativen Interessen, sei nicht andersdenkend und befinde sich auch nicht im Irrtum. Er bzw. sie sei absolut schlecht, wird mit Ausdrücken wie »Parasit«, »Schmarotzer«, »Ratte« oder »Kakerlake« bedacht. Auf diese Weise schlägt Rands vorgeblicher Individualismus in sein Gegenteil um.

Auf die Frage, wie sie auf eine solche Weltsicht gekommen sei, fiel die Antwort stets eindeutig aus: »Aus meinem eigenen Verstand heraus, mit der einzigen Anerkennung einer Schuld gegenüber Aristoteles, der der einzige Philosoph ist, der mich beeinflusst hat. Den Rest habe ich selbst erdacht.«⁶

Diese Aussage ist, wenig verwunderlich, falsch. Ihre Weltanschauung ist stark von einem Geniekult geprägt, wie er in konservativen Zirkeln des 19. Jahrhunderts vorherrschte. Die wenigen Auserwählten stehen hoch über der Masse, beherrschen deren Schicksal. Unter den verschiedenen von Rand rezipierten reaktionären Denkern hatte es ihr Friedrich Nietzsche besonders angetan. Sie las nicht nur seine Werke, sie übernahm sein massenfeindlich-aristokratisches Menschenbild bis hinein in einzelne Formulierungen. Ihre Heldenfiguren sind zeitgenössische Interpretationen seines Übermenschen, werden auch gerne als »Supermen« bezeichnet.

Es war weniger das Menschenbild, das Rand von Nietzsche unterschied, es war seine Begründung. Ihre elitäre, massenfeindliche Haltung sollte nicht irrational hergeleitet werden, sie basiere, so sagte sie, auf der Anwendung konsequentester Logik. Ein Versuch, der ihr gründlich misslang. Denken und Sein, Individuum und Gesellschaft bleiben in ihrem Werk unvermittelt. Rands freies Individuum springt spontan in eine absolut selbständige Existenz, hat weder gesellschaftliche noch intellektuelle Voraussetzungen. Reale geschichtliche oder geistesgeschichtliche Prozesse sind – erst recht für das Werk einer Historikerin – äußerst dünn gesät, bestehen zumeist in Form von Geschichtsmythen. Naturwissenschaftliche Erkenntnisse werden von Rand verbal anerkannt, dann aber nicht weiter berücksichtigt. Selbst in diesem von ihr akzeptierten, ja hochgelobten Bereich blieb ihre persönliche Haltung merkwürdig ambivalent. Das galt auch für ihr Privatleben; sie glaubte stur daran, ein Ufo gesichtet zu haben, bezweifelte jedoch, dass ihr Lungenkrebs von ihrer Kettenraucherei verursacht sein könnte.

Die Ökonomie der Gier

»Das Prinzip des Handels ist das einzige rationale ethische Prinzip aller menschlichen Beziehungen, persönlich und sozial, privat und öffentlich, geistig und materiell. Es ist das Prinzip der Gerechtigkeit.«7

Aus Rands antisozialer Philosophie resultiert die konsequente Verteidigung des Laissez-faire-Kapitalismus. Diese Wirtschaftsform, historisch zuerst von den US-amerikanischen Gründervätern in eine staatliche Ordnung übersetzt, sei die einzige, die die Menschenrechte garantiere. Zu den Menschenrechten zählt sie das Recht auf Erhaltung des eigenen Lebens und das Recht auf freie Verfügung über Privateigentum. Andere Rechte seien nur durch Beschränkung dieser beiden zu erlangen und somit nichtig. Es gebe kein Recht auf Unterstützung in existentiellen Notlagen, kein Recht auf medizinische Versorgung, kein Recht auf kostenlose Schulbildung, kein Recht auf Chancengleichheit, kein Recht auf Mindestlöhne, kein Recht auf Umweltschutz, kein Recht auf den Schutz vor Übergriffen ökonomischer Macht.⁸

Rand teilt die Bevölkerung in zwei Gruppen ein: die treibenden Kräfte (»Prime mover«) und die Schmarotzer (»Second hander«). Es sind die ersteren, denen alles zu verdanken sei: Geist, Kultur, Wohlstand, Fortschritt. Die zweite, bei weitem größere Gruppe profitiere von den Errungenschaften der ersten. Sie erschaffe nichts, sei aber keineswegs dankbar dafür, von den Werken anderer zu leben. Die »Second hander« verachten, denunzieren, unterdrücken, expropriieren die Schöpfer allen Reichtums. Kommunismus und Faschismus seien zwei nur vordergründig verschiedene Ausdrucksformen desselben Prinzips der Unterwerfung des erfindungsreichen Individuums unter das Kollektiv. Beide führten mit Zwangsläufigkeit zum selben Ergebnis, dem Untergang im Elend. Rands Sichtweise teilt die Gesellschaft nicht nach Klassen auf, sondern nach einer moralischen Entscheidung. Sie erklärt die Superreichen zu verachteten Opfern neiderfüllter, todessehnsüchtiger Untermenschen. Die Erfolgreichen werden gehasst für das Beste in ihnen, für ihre auf ihren rationalen Egozentrismus zurückzuführende Schöpferkraft.

Nach empirischer Bestätigung von Rands Thesen braucht man nicht zu fragen, sie existiert nicht. Dass die Armen Egel seien, die das Blut der innovativen Genies an der Spitze der Industrien aussaugten, wird durch jeden Streik widerlegt, in dem die Armen zu saugen aufhören. Die Behauptung, allein private Forschung sei erfolgversprechend, staatliche hingegen undenkbar, spricht gegen alle Erfahrung der letzten 100 Jahre, von der Weltraumfahrt bis zur Erfindung des Internets. Der Mythos, Privatunternehmen prosperierten, staatliche hingegen verfielen, wird schon anhand ihres eigenen Eisenbahnbeispiels brutal falsifiziert. Ayn Rands Theorien funktionieren vortrefflich auf den Seiten ihrer Romane, außerhalb derselben gilt das Gegenteil.

Missgunst und Triumph

»Robin Hood … Er war der Mann, der die Reichen beraubte und den Armen gab. Ich bin der Mann, der die Armen beraubt und den Reichen gibt – oder, um exakt zu sein, der die diebischen Armen beraubt und den produktiven Reichen gibt.«9

Ihre vergleichsweise mäßige schriftstellerische Leistung trug zu Rands Erfolg bei. Die grobe Schwarzweißzeichnung ihrer Figuren macht, darin sind sie Hollywoods klassisch nach Hutfarbe sortierten Cowboys ähnlich, ihr Agieren vorhersehbar. Denken ist unnötig, alles liegt offen zutage, niemand braucht Hirnschmalz auf den Ausgang des Plots zu verschwenden. Redundanzen und Wiederholungen der ethischen Motive der Personen bläuen noch dem dümmsten Leser ein, was aus der Geschichte zu lernen sei. Das Ganze gewürzt mit einer kräftigen Dosis US-Patriotismus sowie einem guten Schuss Sex, fertig ist das Erfolgsrezept. Es ist kein Zufall, dass Ayn Rand ihre Bücher millionenfach verkaufte, während sie bei der Kritik durchfielen. Dies gilt über ihren Tod hinaus; in einer 1998 von Modern Library veröffentlichten Leserumfrage nach den 100 besten Romanen belegten »Atlas Shrugged« und »The Fountainhead« die beiden Spitzenplätze, »Anthem« und »We the Living« (deutsch: »Die Hymne des Menschen« und »Vom Leben unbesiegt«) folgten auf den Rängen 7 und 8. Eine entsprechende von Literaturkritikern erstellte Liste enthielt keines von Rands Büchern.¹⁰

Ihre in der zeitgenössischen Filmindustrie geschärfte Feder ist notwendiger Baustein der Erklärung ihres Erfolgs, hinreichend ist er nicht. Schließlich ging Rand nicht als Trivialschriftstellerin in die Geschichte ein, sondern als zentrale Figur der US-amerikanischen Rechten. Entsprechend ist nicht so sehr nach Talent oder Charisma der Autorin zu fragen, sondern nach Herkunft, Verarbeitung und historischem Stellenwert ihrer Ideen. Ayn Rand schrieb in einer Zeit gesellschaftlicher Umbrüche. Ihren ersten großen literarischen Erfolg erzielte sie nach 1943, also in einer Zeit vor dem Ende des Zweiten Weltkriegs, in der sich die US-Wirtschaft spektakulär erholt hatte. Die staatlichen Unterstützungsmaßnahmen des »New Deal« schienen fortan unnötig, der erbitterte Widerstand, den Rand und andere Libertäre bzw. Konservative gegen Roosevelts Politik geleistet hatten, erhielt ein reales Fundament. Zugleich entstand mit dem am Horizont heraufziehenden Kalten Krieg ein steigender Bedarf an antikommunistischer Propaganda. Getragen von ihrer wachsenden Popularität, gelang Rand die Verbindung zu finanzstarken Förderern, stieg sie in antikommunistischen Organisationen auf. Sie agitierte lautstark gegen die »rote Gefahr«, trat als Belastungszeugin in einem Prozess des »Hauses gegen antiamerikanische Umtriebe« auf, wirkte mit an der Einkerkerung von zehn Schauspielern.

Zugleich gelang ihr die Erneuerung der Ideologie der US-amerikanischen Rechten, wenigstens des von ihr erreichbaren Teils. Aufbauend auf einer vergleichsweise breiten – wenn auch nicht systematischen und stets verleugneten – Rezeption führender reaktionärer Denker, gelang ihr die Verbindung des elitären, antidemokratischen Kerns dieser Weltanschauungen mit der Ansprache eines Massenpublikums. Insbesondere für jüngere Leserinnen und Leser wurden Figuren wie Dagny Taggart und Howard Roark zu Identifikationspunkten. Die hochgradig stilisierte, ebenso kalte wie egoistische Rationalität von Rands Heldinnen und Helden mag unrealistisch sein, sie diente jedoch als Projektionsfläche für eigene Ambitionen. Zudem passte sie vorzüglich zum Homo oeconomicus der neoklassischen Wirtschaftswissenschaft, die ihren Siegeszug zeitlich parallel begann. Die zwar nicht eingelöste, wohl aber nachdrücklich behauptete radikale Vernunftorientierung ihrer Philosophie war gleichfalls attraktiv.

Als Teil einer breiten reaktionären Strömung verschafften solche Aspekte Ayn Rand publizistische Aufmerksamkeit und den finanziellen Rückhalt reicher Gönner. Ihr eigenes dogmatisches, emotionales und zunehmend irrationales Verhalten konnte ihren Aufstieg zur rechten Ikone zwar zwischenzeitlich bremsen, nicht aber aufhalten. Nicht einmal der Finanzkollaps des Jahres 2008, mitverschuldet von ihrem langjährigen Anhänger Alan Greenspan, tat der Attraktivität einer ultraliberalen Ideologie Abbruch, gegen die das Parteiprogramm der deutschen FDP als harmlose Kinderei erscheint. Gegenwärtig erleben die USA eine erneute Welle des Interesses an Ayn Rand. Ihre Romane und Sachbücher erleben eine Auflage nach der anderen, die Verkaufszahlen liegen stabil im jährlich sechsstelligen Bereich. Ihre politische Haltung inspiriert Menschenmassen, vom intellektuell eher simpel gestrickten Fußvolk Donald Trumps bis hinauf zu den Gurus aus dem Silicon Valley. Selbst im akademischen Bereich findet sie, zu ihren Lebzeiten noch undenkbar, mittlerweile Anerkennung. Wenn die These richtig ist, die Geschichte bürgerlicher Philosophie im Zeitalter des Imperialismus sei eine Geschichte des Verfalls, dann ist Ayn Rand hierfür ein Musterbeispiel.

Anmerkungen

1 Anne C. Heller: Ayn Rand and the World She Made, Anchor Books, New York 2009, S. 287

2 Ayn Rand: Atlas Shrugged, Penguin Books, London 2007 (1957), S. 1.170

3 John Rogers, http://kfmonkey.blogspot.com/2009/03/ephemera-2009-7.html

4 Taschenbuchausgabe der Penguin Group von 2007

5 Heller, S. 270

6 Dies., S. 308

7 Ayn Rand: The Virtue of Selfishness, Signet, New York 1964, S. 34

8 Vgl. Rand et al.: Kapitalismus: Das unbekannte Ideal, Jena 2007, S. 395–402

9 Rand: Atlas Shrugged, S. 576

10 Heller, S. 287; vgl. https://lettersrepublic.wordpress.com/mlr/ (eingesehen am 20.10.2021)

Holger Wendt ist Wirtschaftswissenschaftler und lebt im Ruhrgebiet. Zuletzt schrieb er an dieser Stelle am 5. Juli 2021 über christlichen Nationalismus in den Vereinigten Staaten.

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  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Josie M. aus 38448 Wolfsburg (13. Januar 2022 um 14:59 Uhr)
    Vielen Dank an Holger Wendt! – Ja, es stimmt: Ayn Rand ist bisher als eine der in den USA wohl maßgeblichen ideologischen Unterstützerinnen für die Rechtfertigung des Kapitalismus hierzulande weitgehend unbekannt. Mir selbst kam sie erst im Coronawinter 2020 unter in dem Buch von Wolfram Eilenberger »Das Feuer der Freiheit«, in dem er vier Philosophinnen »in finsteren Zeiten«, Simone de Beauvoir, Hannah Arendt, Simone Weil und Ayn Rand, würdigen will. Die Berücksichtigung ihrer jeweiligen Erfahrungen in jungen Jahren machen auch darin ihre jeweilige Weltsicht und späteren Werke verständlich. Allerdings tat er nach meinem Empfinden insbesondere Vertreterinnen wie Hannah Ahrendt und Simone Weil Unrecht, wenn er sie quasi in einem Atemzug mit einer mir bis dahin unbekannten Ayn Rand nannte. Immerhin erwähnte auch er, dass sich Donald Trump als einer ihrer Fans geoutet hatte. Aber bis dahin war mir nicht klar, worauf sich bspw. selbst bei Psychologen, die mir in den 80ern begegneten, der Slogan u. a. stützte: »Wenn jeder nur an sich selbst denkt, ist an jeden gedacht.« Immerhin gaben sie lachend zu, ihn von US-Psychologen übernommen zu haben. Konsequenterweise galt ihnen damals jede Form von Altruismus als mehr oder weniger »krank«, wie eben auch der »Thatcherismus« passte, der sich in der BRD anfing durchzusetzen. Na ja, mittlerweile scheint diese Psychologenfraktion verstummt zu sein. Dieser Artikel beweist noch einmal, wie hilfreich es für ein besseres Verständnis jeweiliger Verhaltensmuster und deren zugrundeliegender, von Vorerfahrungen geprägter Wahrnehmungen ist, die sich zur dazu passenden Ideologie verdichten. Offensichtlich kommen wir Menschen nicht ohne Ideen von möglichen Folgen unseres Handelns aus. Immerhin hat sich wohl sichtbarer denn je herauskristallisiert, dass wir nur im Verbund Voraussetzungen für unser aller Überleben auf diesem Planeten schaffen können, dass nur darin auch die Chance jedes einzelnen von uns besteht.

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