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Aus: Ausgabe vom 12.01.2022, Seite 3 / Schwerpunkt
Beijing im Fokus

Washington will Prioritäten setzen

Gefahr eines Zweifrontenkriegs gegen Russland und China: USA wollen Machtkampf mit Moskau vertagen
Von Jörg Kronauer
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Mag gut aussehen, für einen Krieg an zwei Fronten reichen die US-Ressourcen jedoch nicht (Eilson Air Force Base/Alaska, 7.4.2021)

Was hat die Regierung von US-Präsident Joseph Biden eigentlich motiviert, sich so plötzlich auf Gespräche mit Moskau über die Forderung nach einem Ende der NATO-Ostausdehnung einzulassen? Nun, im Washingtoner Außenpolitik-Establishment wird seit einiger Zeit über ein Szenario diskutiert, das Aaron Wess Mitchell im vergangenen Sommer als »die größte Gefahr für die Vereinigten Staaten im 21. Jahrhundert« unterhalb eines direkten Atomangriffs eingestuft hat: die Gefahr eines Zweifrontenkriegs gegen China und Russland. Ein solcher Krieg würde die USA »gegen die Ressourcen fast der Hälfte der eurasischen Landmasse kämpfen lassen«, warnte Mitchell, von Oktober 2017 bis Februar 2019 Abteilungsleiter für Europa und Eurasien im US-Außenministerium. Er würde »die aktuellen Fähigkeiten der US-Streitkräfte strapazieren und wahrscheinlich übersteigen«, zudem »gewaltige Opfer von der US-Bevölkerung fordern« – »mit weitreichenden Konsequenzen für den Einfluss, die Bündnisse und den Wohlstand der USA«. Eskaliere der Krieg zu einem Atomkrieg, könne er gar »die Existenz des Landes bedrohen«.

Was tun? Die einfachste Lösung bestünde darin, gewaltig aufzurüsten und sich eben auf zwei große Kriege vorzubereiten, erklärte Mitchell. Nur: Das gebe das US-Budget nicht mehr her. Das Pentagon habe daher 2018 beschlossen, nicht mehr auf zwei parallel geführte Kriege zu orientieren, sondern klar auf einen möglichen Waffengang gegen China. Das habe längst praktische Folgen. Es fließe nun vergleichsweise weniger Geld in Waffen für Landkriege oder für Aufstandsbekämpfung und mehr in die Luftwaffe und in die Marine. Bevorzugt bedient würden nicht mehr die US-Streitkräfte in Europa oder im Mittleren Osten, sondern das US Indo-Pacific Command. Man müsse Prioritäten setzen.

Was tun, wenn man zwei Kriege nicht mehr gleichzeitig mit angemessener Aussicht auf Erfolg führen kann? »Anstatt zu versuchen, Russland und China gleichzeitig einzudämmen, müssen die Vereinigten Staaten einen Weg finden, ihre Kämpfe mit diesen beiden Mächten zu staffeln«, schlug Mitchell vor. Man könne etwa einen der beiden Gegner einzubinden versuchen, den Machtkampf gegen ihn auf die Zukunft verschieben – erst einen, dann den anderen niederwerfen. Mitchell ging verschiedene Optionen durch, war zunächst mit keiner so recht zufrieden. Aber er ist ohnehin 2019 aus der Regierung ausgeschieden. Die Biden-Regierung, so scheint es, setzt darauf, all ihre Kräfte in den Machtkampf gegen Beijing zu werfen und den Machtkampf gegen Moskau zu vertagen; die Option täte sich jedenfalls auf, käme es in den aktuellen Verhandlungen mit Russland zu einer Lösung.

Ähnliche Überlegungen werden in Washington auch bezüglich der umfassenden Sanktionen angestellt, mit denen Washington Moskau droht. Man müsse davon ausgehen, heißt es in einem Onlinebeitrag für die Zeitschrift Foreign Affairs, dass wegen der immer engeren russisch-chinesischen Wirtschaftsbeziehungen indirekt auch China von solchen Sanktionen betroffen wäre. Die Wahrscheinlichkeit, dass Beijing sich gegen sie gemeinsam mit Moskau zur Wehr setze, sei groß – zumal aus chinesischer Sicht die Chance bestehe, die US-Dominanz über das globale Finanzsystem zu brechen. Auch ökonomisch droht demnach ein Zweifrontenkrieg – und der Sieg ist für Washington nicht garantiert.

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