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Aus: Ausgabe vom 12.01.2022, Seite 1 / Titel
Schiffbau

Demütigung am Werkstor

MV-Werften insolvent: Gehälter für Dezember noch nicht ausgezahlt, aber nach Schichtende werden Taschen der Arbeiter kontrolliert
Von David Maiwald
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Sicherheitsdienst inspiziert Rucksäcke von Arbeitern nach Feierabend bei den MV-Werften Wismar (10.1.2022)

Nach der Pleite herrscht die Ungewissheit. Wie ein Sprecher des Schweriner Amtsgerichts am Dienstag bestätigte, hat der Konzern MV-Werften am Montag Insolvenz für acht Einzelgesellschaften beantragt. Am Dienstag morgen standen sich die Konzernmutter Genting Hongkong und das Land Mecklenburg-Vorpommern (MV) vor dem Schweriner Landgericht gegenüber. Das Land hatte einen Kredit über 78 Millionen Euro am Montag gekündigt, Genting besteht auf der bereits zugesicherten Zahlung. Der Eigner ist nach Ausbleiben von Unterstützung des Bundes in Höhe von 600 Millionen Euro in Zahlungsschwierigkeiten. Die vom Bund geforderten Sicherheiten trägt der Konzern nicht. Das Land will dem insolventen Werftenbetreiber offenbar keine weiteren Gelder zuleiten. Während der Handel mit Aktien des Konzerns an der Hongkonger Börse ausgesetzt wurde, sollen Taschenkontrollen bei Beschäftigten am Werkstor – wie am Montag in Wismar – derweil anscheinend jede einzelne Schraube im Betrieb halten.

Der Schiffbau gehöre »zur DNA in MV«, erklärte Stefan Schad, Geschäftsführer der IG-Metall (IGM) für Rostock und Schwerin, am Dienstag gegenüber jW. Heiko Messerschmidt, IGM-Sekretär für Schiffbau und maritime Wirtschaft, betonte gegenüber dieser Zeitung, die Werften in Rostock, Stralsund und Wismar seien »industrielle Kerne der Region«, an denen »mit Forschung und Zulieferindustrie Tausende Arbeitsplätze hängen«. Zu DDR-Zeiten im Kombinat Schiffbau zusammengeschlossen, waren in den Werften in den 80er Jahren noch Zehntausende Arbeiter beschäftigt. Anfang der 90er wurde das Kombinat von der Treuhandanstalt abgewickelt und zerschlagen. Verschiedene Betreiberwechsel und -pleiten brachten die Werften ab 2002 beim norwegischen Konzern Aker wieder »unter einem Dach« zusammen. Von Nordic Yards habe Genting die Werften 2016 »mit viel Geld, Personal und Geduld« übernommen, so Gewerkschafter Schad.

»Nordic Yards hatte sich auf Offshoreplattformen ausgerichtet«, erklärte Ines Scheel, Gesamtbetriebsrätin der MV-Werften, am Dienstag im jW-Gespräch. Nachdem die Bundesregierung die Klimaziele heruntergestuft hatte, habe es weniger Aufträge gegeben. Die Landesregierung von Mecklenburg-Vorpommern möchte aber offenbar wieder zu dieser Orientierung zurück. Schiffbauer könnten alles bauen, was schwimmt, also auch Plattformen für Offshorewindenergie, wurde Wirtschaftsminister Reinhard Meyer (SPD) am Montag abend im Nachrichtenmagazin NDR Info zitiert. Der Bau von Windkraftanlagen in den Werften wird es Bund und Land wahrscheinlich eher möglich machen, die versprochene Energiewende zu vollziehen. Der Bau von Kasinokreuzfahrtschiffen dürfte beim Erreichen von Klimazielen dagegen weniger förderlich sein.

Zukunftsmusik. Den rund 1.900 Beschäftigten der MV-Werften drängen sich derzeit andere Fragen auf. »Bei uns in Wismar liegt ein 340 Meter langes Schiff im Dock, das zu über 70 Prozent fertig ist. Das würden wir erst mal gerne zu Ende bauen«, so Betriebsrätin Scheel. Sie erhoffe sich zunächst möglichst schnell einen Insolvenzverwalter, »damit die Kolleginnen und Kollegen ihre Dezembergehälter bekommen«. Das würde Beschäftigten und Gewerkschaft »Zeit geben, um Lösungen für die Zukunft zu entwickeln, sei es offshore oder Schiffbau mit alternativen Antriebsenergien«.

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  • Leserbrief von hto aus Gemeinschaftseigentum (13. Januar 2022 um 13:08 Uhr)
    Was ihr hier so schreibt, das ist alles so altbacken-revisionistisch, armselig-jämmerlich im Sinne des imperialistisch-faschistischen Erbensystems. Tatsächlich ist diese Krise auch eine große Chance für den Kommunismus und die globale Befriedung durch ein Gemeinschaftseigentum ohne wettbewerbsbedingte Symptomatik, es muss nur revolutionär-kommunikativ konstruktiv-fusionierend dargestellt werden.
  • Leserbrief von Peter Müller aus Dresden (12. Januar 2022 um 15:28 Uhr)
    Ich bin froh, dass mein Vater das Theater um die Werft nicht mehr mitgekriegt hat. Er starb im November 1989 an einem Herzinfarkt. Wir sind 1951 nach Wismar gezogen, da mein Vater Arbeit als Schiffselektriker und eine Wohnung im Werftarbeitervorort Wendorf bekam. Große Teile der Belegschaft verließen die DDR in Richtung Westen. Da er mit vielen Kollegen noch in Kontakt war, wusste er, dass sie oft lange Zeit arbeitslos waren. Das und die Sorge um meine Zukunft ließen ihn in Wismar bleiben. Ich habe während meiner EOS-Zeit von 1962 bis 66 auch den Beruf eines Schiffselektrikers auf der Werft gelernt. Nach der Wende versteckte man den Namen des Antifaschisten Matthias-Thesen-Werft (MTW) hinter Meerestechnische Werke mit derselben Abkürzung. Mit der Übernahme durch die Nordic Yards wurde statt der Kabelkrananlage eine riesige Schiffbauhalle gebaut. Da schöpften viele Hoffnung, dass es mit dem Schiffbau in Wismar weitergehen würde. Aber außer der Meyer-Werft haben auch andere Werften in der Alt-BRD nur durch Kriegsschiffbau überlebt. Das trifft auch auf die einzige Werft in MV, die ehemalige Peene-Werft in Wolgast zu, die z. B. Schnellboote für den Krieg gegen Jemen liefern durfte.

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