75 Ausgaben junge Welt für 75 €
Gegründet 1947 Freitag, 28. Januar 2022, Nr. 23
Die junge Welt wird von 2569 GenossInnen herausgegeben
75 Ausgaben junge Welt für 75 € 75 Ausgaben junge Welt für 75 €
75 Ausgaben junge Welt für 75 €
Aus: Ausgabe vom 10.01.2022, Seite 7 / Ausland
Schwarzes Gold

Ausbeutung und Grenzstreit

Energiekonzern entdeckt weitere Ölfelder vor Guyana. Konflikt mit Venezuela angeheizt
Von Volker Hermsdorf
2021-1_RTRMADP_3_GUYANA-OIL-LOCALCONTENT.JPG
Frachter mit Lieferungen für Ölplattformen auf dem Demerara in der Nähe von Georgetown, Guyana (23.1.2020)

Reiche Ölvorkommen könnten die Kooperative Republik Guyana von einem der ärmsten Länder Südamerikas zu einem der wohlhabendsten der Welt machen. Vergangenen Mittwoch gab der US-Energiekonzern Exxon Mobil bekannt, dass vor der Küste – in einem Gebiet, wo bereits rund zehn Milliarden Barrel Öl lagern – weitere Felder mit dem Rohstoff entdeckt wurden. Während die Regierung des knapp 800.000 Einwohner zählenden Landes, in dem mehr als 36 Prozent der Bevölkerung in Armut leben, Geld für den Ausbau des Bildungs- und Gesundheitssystems benötigt, soll der größte Teil der künftigen Öleinnahmen jedoch dem US-Konzern zugute kommen. Zudem wird ein über 100 Jahre alter Grenzkonflikt mit Venezuela erneut angeheizt.

Wie das Unternehmen mitteilte, soll das Produktions-, Lager- und Entladungsschiff »Liza Unity«, das im Oktober vorigen Jahres in Guyana eingetroffen war, in den nächsten Monaten die Produktion aufnehmen und bis zu 220.000 Barrel Öl pro Tag fördern. Ein weiteres Schiff soll 2024 in der Region eintreffen. Exxon Mobil, eines der größten internationalen Energieunternehmen, hatte seit 2008 in der Nähe des Landes nach Öl und Gas gebohrt. Als vor der Küste riesige Offshorevorkommen entdeckt wurden, ließ sich Guyanas damaliger Präsident David Granger auf einen unvorteilhaften »Deal« mit Exxon ein. Danach stehen dem Multi 75 Prozent der Öleinnahmen »zur Kostendeckung« zu, der Rest soll hälftig mit Guyana geteilt werden. Gleichzeitig wurde Exxon von allen Steuern befreit.

Laut Vertrag kann die Regierung ohne Zustimmung des US-Konzerns das Abkommen »nicht ergänzen, modifizieren, aufheben, kündigen, für ungültig oder nicht durchsetzbar erklären, Neuverhandlungen verlangen, Ersatz oder Substitution erzwingen oder anderweitig versuchen, es zu umgehen, zu ändern oder zu beschränken«. Die internationale Nichtregierungsorganisation »Global Witness« bezeichnete den Vorgang damals als Paradebeispiel dafür, wie aggressive Unternehmen einen »ausbeuterischen Deal« mit unerfahrenen Regierungen aushandeln.

Zwar hatte der 2020 gewählte neue Präsident Mohamed Irfaan Ali von der sozialdemokratischen People’s Progressive Party im Wahlkampf damit geworben, die im Land kritisierten Verträge im Falle seines Sieges »zu überarbeiten und neu zu verhandeln«, doch ruderte er bereits kurz nach der Wahl wieder zurück. Er wies darauf hin, dass das zwischen Exxon und seinem Vorgänger vereinbarte Abkommen alle künftigen Regierungen Guyanas an das Geschäft binde, das über sämtliche Ölreserven in den zudem umstrittenen Gewässern abgeschlossen wurde.

Seit über 100 Jahren gibt es zwischen Venezuela und Guyana einen Konflikt um das knapp 160.000 Quadratkilometer große Gebiet westlich des Flusses Essequibo. So stellen in Venezuela veröffentlichte Landkarten das Territorium als Teil des eigenen Landes dar. Georgetown betrachtet »Guayana Esequiba« dagegen als Bestandteil des eigenen Staatsgebietes. Während Caracas sich zur Begründung auf eine Genfer Vereinbarung aus dem Jahr 1966 beruft, verweist Guyana auf einen Pariser Schiedsspruch von 1899, in dem das Gebiet der britischen Kolonialmacht zugesprochen worden war. Ende 2020 erklärte sich der Internationale Gerichtshof der Vereinten Nationen in Den Haag im Streit um die Esequibo-Region für zuständig. Er will den Fall prüfen und Anhörungen durchführen. Caracas erklärte, dass Venezuela »weiter auf seinen berechtigten Forderungen« bestehe und bot Guyana zugleich Verhandlungen an, »um eine zufriedenstellende Lösung in diesem Territorialstreit zu ermöglichen«.

Washington und Exxon Mobil kommt der Konflikt gelegen. »Die USA unterstützen Guyana im Grenzstreit mit Venezuela und sehen darin eine weitere Flanke für die Versuche, Präsident Nicolás Maduro aus dem Amt zu drängen«, kommentierte die uruguayische Agentur Mercopress am 12. Januar 2021 einen dreitägigen Besuch von Craig Faller, den Kommandanten des Südkommandos der US-Streitkräfte (Southcom), in Georgetown.

Zeitung für Gleichberechtigung

Die junge Welt ist die einzige parteiunabhängige Tageszeitung, die zeit ihres Bestehens gegen Krieg und Faschismus angeschrieben hat. Wenn wir nun unseren 75. Geburtstag feiern, dann möchten wir das zusammen mit unseren Leserinnen und Lesern tun.

Um dieses Jubiläum entsprechend zu würdigen, hat die junge Welt die 75er-Aktion gestartet. Schenken Sie sich, Ihren Lieben und der jW 75 Ausgaben für 75 Euro. Danach endet das Abo automatisch und muss nicht abbestellt werden.

Ähnliche:

  • Will sich die Vermögenswerte der venezolanischen Regierung aneig...
    06.07.2020

    »Gegenregierung« im Visier

    Venezuela: Anklagen gegen Guaidó-Gefolgsleute. Vorwurf des Hochverrats und Amtsanmaßung
  • Offshore-Anlage von Exxon Mobil vor dem Fluss Demerara (23.1.202...
    03.03.2020

    Einnahmenverwalter gesucht

    Parlaments- und Präsidentenwahl in Guyana von Streit über Erdöldeal bestimmt. Kritik aus Caracas
  • Caracas, 8. Juli: Präsident Nicolas Maduro zeigt das zwischen Ve...
    03.08.2015

    Exxon zündelt

    Erdölfunde heizen 100 Jahre alten Grenzkonflikt zwischen Venezuela und Guyana an. UNO soll vermitteln

Mehr aus: Ausland