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Aus: Ausgabe vom 08.01.2022, Seite 10 / Feuilleton
Literatur

Zettelkasten der Verbrecher

Wiederauferstanden: Dietmar Daths Debüt »Cordula killt dich!« als Neuausgabe
Von Ken Merten
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Mickey Mouse ist Matsch: Subhumans (Athen 2018)

Warum? Na, um weniger aufzufallen, die Chucks an, die ich sonst nur noch zum an den See. Und jetzt steck ich mit denen in vernieselter niedersächsischer Pampa fest, vier, fünf Grad überm Gefrierpunkt. Unter den Altpunks vor mir der Langhaarige aus der Kunstuni, die sich hier im Kaff eingenistet hat, geht mir jetzt schon auf den. Nein, ich will nicht wissen, warum dich einkaufen so stresst! Dann lass es, niemand vermisst dich!

Schockverliebt

Es ist ein Punkkonzert angekündigt, und heutzutage geht man ja wieder zu allem, solange es das Adjektiv vorcorona bekommen kann, auch wenn man bei sowas das letzte Mal Spaß hatte, da trugen manche noch Tote-Hosen-Shirts, ohne gleich CDU-Mitglied zu sein.

Naja, die erste Band vergessen wir, die war so irgendwas wie das, was sich da in dem AZ oben in den Ecken revitalisierte. Ich denk dabei an das Buch im Rucksack an der Garderobe, das könnte ich rausholen, das wäre eine Geste, aber auch eine arschige, also nein. Die zweite ist eine Naziband und richtig gut. Also, dass die Nazis sind, das sagt der Name: Frontalfront oder so. Eigentlich sind die aber linke Hausbesetzer aus Berlin und Hardcore unterwegs. Vielleicht bin ich auch einfach nur in den Sänger schockverliebt, der sieht aus wie Neal McDonough (»Hawk« in »Star Trek: Der erste Kontakt«, 1996) nur in noch schöner und leistet am Mikro was in Richtung frühe Gallows. Auch egal, zugehört hab ich eh nicht. Danach die, wo wegen alle gekommen sind: Die tausendjährigen Subhumans aus dem englischen Wiltshire, der zehntausendjährige Dick Lucas am Mikro, von Druiden in Stonehenge der erlösenden Sterblichkeit geopfert und damit zu ewigem Leben verdammt. ­»Mickey Mouse is dead / Got kicked in the head / ‘cause people got too serious / They planned out what they said / They couldn‘t take the fantasy / Tried to accept reality / Analized the laughs / ’cause pleasure comes in halves« und so weiter. Alles schön witzig und dazwischen immer die Ansagen von Lucas, so Klassenhassparolen gegen das reichste eine Prozent, die nur o. k. sind für die Veranstalter, weil Ausländerbonus, die kennen den Diskurs ja nicht. Unwitzig der Blick auf die Uhr und die hektische Flucht zur letzten Regiobahn raus aus hier und zurück da, wo einem wenigstens von urbanen Faschos aufgelauert würde, die haben meistens kein Auto zum Hinterherjagen.

Zerfaserei

Erst da fällt auf, dass da gar kein Buch im Rucksack mehr drin ist. Der stand da rum, und einer der Elendskunststudenten muss sich bedient haben. Weg ist das Rezensionsexemplar der Neuauflage von Dietmar Daths (Achtung: Luft holen vorm Lesen des Titels!) »Cordula killt dich! Oder: Wir sind doch nicht die Nemesis von jedem Pfeifenheini. Roman der Auferstehung« (und ausatmen!). Ach, du meine Nase! Ein Glück, hab ich den Roman gelesen, als der 1995 ersterschien. Damals war ich vier, fünf Jahre und wusste schon da nicht, ob das geht, einen Rainald Goetz zu schreiben, aber für Leninistinnen und Leninisten. Als der Marktwert stieg, hab ich die Ausgabe damals für einen anständigen dreistelligen Preis verkloppt, später in Bitcoins investiert, und davon lebe ich jetzt untersten Mittelstand.

Was aber passierte damals, in dem »Matsch«, wie Dath sein Debüt nannte? Eine Dathfigur macht Schreibtherapie aus Liebeskummer, und dann gerät auch noch die Mitbewohnerin/Lieblingshauptfigur, die Komponistin Cordula Späth, aus dem Fenster und fällt weg, tot. Aber so richtig auch nicht, weil sie kommt wieder. Dazwischen passiert einiges – etwa der Angriff von etwas, das einen Namen hat wie sonst untrue Black-Metal-Bands –, es wird nachgedacht über einiges – sind Frauen nicht eigentlich Wesen aus dem All und bringen die noch mehr Aliens hierher? – und alles ohne Stringenz, und Dath feiert sich selber dafür, dass er so mehr Chuzpe hat beim Schreiben als James Joyce oder Ezra Pound. Dabei roch das alles nach postmoderner Zerfaserei der Vernunft, da auf die Form einzudreschen und dann zu denken, das wär noch Avantgarde.

Bevor mir so einer dieser Beuys-Nachhampler die Neuausgabe gemaust hat, hab ich instinktiv den neuen Schlussteil mit der Überschrift »Die Staatsanwältin hat das Wort« gelesen. Darin: Das Weltgericht tagt über Dietmar Dath und seinen Erstling, den Dath als »kalkuliertes Kaputtsein, das so kaputt gar nicht ist« rechtfertigt und damit gleichzeitig zugesteht, bei Verbrecher-Verleger Jörg Sundermeier einen (zugegeben Edel-)Zettelkasten eingereicht zu haben, der den zur ersten Publikation des dafür gegründeten Hauses nötigte. Das ist die Wahrheit.

Betrunken zu Hause angekommen, die Chucks zum Trocknen in den Restmüll gegeben, guckt mich die Neuausgabe vom »Roman der Auferstehung« in mattem Violett vom Bett aus an, ungestohlen, einfach vor der Hinfahrt vergessen. Ich blättre. »Lassen wir die Wahrheit hinter uns und erzählen statt dessen, was geschah.« Gut, Dath, dann erzähl’ halt noch mal.

Dietmar Dath: Cordula killt dich! Oder: Wir sind doch nicht die Nemesis von jedem Pfeifenheini. Roman der Auferstehung. Verbrecher-Verlag, Berlin 2021, 376 Seiten, 24 Euro

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