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Aus: Ausgabe vom 07.01.2022, Seite 10 / Feuilleton
Klassik

Das ernste Wort von ganz oben

Dialektik aus Fuge und Welt: Pierre Hantaïs Interpretation von Johann Sebastian Bachs Wohltemperiertem Klavier
Von Stefan Siegert
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Pieter Breughel d. Ä.: »Sieben Laster: Das jüngste Gericht«, 1558

Harmonie. Ein Nichteinzelnes, Mehreres, ein Vielfaches, in dem das Einzelne nicht ungeachtet seiner Einzigartigkeit multipliziert sein will. Es handelt sich in der Musik bei der Harmonie um diverse Einzeltöne, die nach bestimmten, den Gesetzen der Physik folgenden Regeln zusammenklingen. Die Regeln sind nach Kulturkreisen unterschiedlich. Im Ergebnis dringt auf je eigene Art überall auf der Welt ein Zusammenklang ans Menschenohr, den wir als angenehm empfinden, als harmonisch oder – denselben Regeln gemäß – als unharmonisch oder dissonant.

In der Frühgeschichte, könnte man sich vorstellen, lernten, auch über die Töne, die sie in den Bewegungen und Anstrengungen der Arbeit hervorbrachten, die Menschen in ihrer Verschiedenheit miteinander zu harmonieren. Sie hörten einander in ihren Körpertönen beim Arbeiten als Ergänzung – anders hätten sie nicht überleben können.

Noch einmal ist es das Wohltemperierte Klavier, das solche Überlegungen inspiriert. Ein Jahrtausendwerk, in dem Bach, in einer Art tönender Wissenschaft, die Beziehungen der Töne zueinander erkundete. Für den einzelnen Ton gilt nur zweierlei: die Frequenz als seine bestimmte Höhe oder Tiefe und der Klang, spitz oder hohl, oboengellend oder bassdröhnend. Ein Wesen, ein, sagen wir, geistiges Substrat beginnt der Ton erst zu haben, wenn er plural auftritt, als Harmonie in der Vertikalen, als Melodie in der Horizontalen. Erst in der Vielheit entsteht Charakter, erst im Zusammenklang – harmonisch oder dissonant – entsteht etwas wie eine Mitteilung. Die Musik ist mit dem Tanz die schon im Entstehungsprozess kollektive, die soziale Kunst.

Absolute Musik

Bach – wie, um solche Zusammenhänge gleich eingangs zu umreißen – verbindet im ersten Stück des zweibändigen Zyklus des Wohltemperierten Klavier in den Ketten arpeggierter Dreiklänge des Präludium C-Dur Horizontale und Vertikale; die ziemlich pure Form tritt hervor, sie zeigt, was sie kann. Sie ist Anlass und Gegenstand des Wohltemperierten Klavier, aber nicht sein letztes Wort. Dafür, dass die Zuhörenden die Dialektik von Geist und Materie, von Fuge und Welt nachermessen und nachdurchmessen können, sind allerdings Solisten der raren Sorte nötig, einer wie der Franzose Pierre Hantaï.

In Hantaïs Art, das erste Thema der Tripelfuge cis-Moll trocken herauszudonnern, bricht ein Ausdruck autoritärer Schwere ein in die chromatisch-knappe Form im Abstand einer kleinen Terz übereinandergeschichteter, abwärts ziehender Halbtonschritte – absolute Musik schlechthin. Eine Kunst, die nur sie selbst sein und bedeuten will, wird zum ernsten Wort von ganz oben, zum Maximum an Inhalt. Hantaï kann der Musik, wenn es sein soll, in uhrwerkartigem Gleichmaß jede Regung nehmen. Er kann aber auch, wenn es sein soll, wie im ersten Thema, das pedallose Cembalo im Ton größter Moralität gefühlt fortissimo sprechen lassen. Oder das zweite Thema jeder Wichtigkeit entkleidet darstellen und das dritte fast unbemerkt eintreten lassen.

Orgie der Form

In den 67 Takten des durchführungsartigen Mittelteils erklingt in fünfstimmiger Polyphonie eine Orgie der Form. Tragendes Element der tönenden Großarchitektur bleibt das erste Thema. Aber das sich schon in der Exposition stückweis schüchtern vordrängelnde, harmlos unscheinbare zweite Thema, ein laut Klavierführer »gleichförmiges Bewegungsmotiv«, bekommt in seiner tändelnden Leichtigkeit mehr und mehr Bedeutung; der nach unten tendierenden Schwere des Fugenanfangs wächst in diesem zweiten Thema nach oben strebendes Leben zu. Das macht im Verlauf aus der lastenden Szenerie eines Jüngsten Gerichts ein Fest der Lebensfreude, Bach dreht das Spiel. Wie auf Bildern des älteren Brueghel – für Menschen des 21. Jahrhunderts natürlich zu langsam, sie hören slomo, aber die Feier steckt in der großen Bewegungsenergie, nicht im Tempo – balgen und tanzen und singen ausgelassene Menschen miteinander, mittendrin das an den lieben Gott erinnernde gravitätische erste Thema. Es klingt miteins, als habe der Herrgott sich entschlossen, für immer auf den Thron zu verzichten, aus der Kirche auszutreten und zusammen mit den komplett abgerüsteten himmlischen Heerscharen umzuziehen ins Paradies einer vom exklusiven Privateigentum an allem, was alle zum Leben brauchen, endgültig befreiten Menschheit. In der Vorstellungswelt eines Atheisten ist das eine Revolution von oben in diesem bachschen Mittelteil einer großartigen Fuge, eine Revolution, die – weil sie von Anbeginn ihren »freien Grund« (Goethe), eine Art globalisierter Allmende unter ihren Füßen weiß und allen Überfluss um sich herum – utopisch glaubhaft ist.

»Die Noten des ersten Themas«, sagt dagegen Werner Oehlmann in Reclams Klavierführer, »ergeben, durch Striche miteinander verbunden, das Bild eines schrägen, liegenden Kreuzes«. Also, von wegen Utopie. Gerade der komponierende Bach war im Sinn des Mainstream seiner Zeit, sagt noch der Mainstream der Gegenwart, ein zutiefst gläubiger Lutheraner. Aber, möchte eins fragen, was ist damit groß gesagt? Was sollte Bach hundert Jahre vor Nietzsche denn sonst wohl bitte gewesen sein? In Ermanglung von Alternativen musste er als Bürger des barocken Mitteleuropa seine Menschlichkeit zwangsläufig in der Begriffs- und Gedankenwelt des Protestantismus seiner Gegend denken und ausdrücken.

Es ist aus Sicht des 21. Jahrhunderts Bachs Menschlichkeit im Sinn einer liebend gemeinschaftsdienlichen Individualität, die im Wohltemperierten Klavier in Form kommt und zu Klang wird. Darauf kommt eins beim Hören dieser Aufnahme des ersten Bands des Wohltemperierten Klavier aus den Händen Pierre Hantaïs. Es entbehrt nicht der Ironie, dass gerade eines der Fundamente absoluter Musik so viel Diskurs gestiftet hat zur Frage ihrer inhaltlichen Deutung.

J. S. Bach: Das Wohltemperierte Klavier I BWV 846 – 869 – Pierre Hantaï (Harmonia Mundi) Youtube

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