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Aus: Ausgabe vom 06.01.2022, Seite 12 / Thema
Philosophie

Der Preis der Ökologie

Umweltschutz und Marxismus: Wolfgang Harichs »Kommunismus ohne Wachstum?«
Von Andreas Heyer
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»Die Grünen plädieren immer für eine weit vorausblickende Politik.« Ob er auch nur die leiseste Ahnung davon hatte, welchen Weg diese Partei binnen der folgenden 40 Jahre nehmen würde? Wolfgang Harich als Redner auf dem Gründungsparteitag der Grünen in Karlsruhe, 13. Januar 1980

Die Probleme der Ökologie, über die heute allerorten gesprochen wird, sind schon lange Gegenstand gesellschaftlicher Auseinandersetzung. Und damit ist nicht das Bewusstsein für den Wert der Natur an sich gemeint, das von William Morris bis Ebenezer Howard eine ganze Generation noch vor den Weltkriegen prägte, sondern vielmehr jene Entwicklung, die in den späten 1960er Jahren in Amerika einsetzte, als einzelne Vordenker den Menschen als Schuldigen für Artenausrottung, Umweltzerstörung und vieles mehr ausmachten.

Die Grünen

Diese Erkenntnisse setzten sich auch in Europa schnell durch, wobei vor allem Oppositionelle des Ostblocks sie aufgriffen und weiterentwickelten. In Westeuropa kam es dann, zeitlich verzögert, zu Basisbewegungen und lokalen Initiativen, die schließlich in der Partei Die Grünen ein gemeinsames politisches Dach fanden; verbunden mit Überlegungen zur Friedenssicherung, für Solidarität und Teilhabe aller an Wohlstand und Politik. Das ist wichtig zu erwähnen, da in den vergangenen Monaten führende Grüne immer wieder vehement behauptet haben, dass das Bekenntnis zur NATO und den »transatlantischen Partnern« eine bzw. »die« Voraussetzung sei, um sich im »demokratischen Lager« überhaupt für Umweltschutz engagieren zu dürfen. Stärker freilich kann man die eigene Vergangenheit nicht konterkarieren. War doch in den 1980er Jahren jeder Antiatommarsch auch einer gegen den NATO-Doppelbeschluss und war doch im Jahr 1990 für die Gruppierungen von »Bündnis 90« klar, dass ein vereintes Deutschland die NATO verlassen und sich in militärische Neutralität begeben müsste.

Die Entpolitisierung der Grünen ist fatal, denn sie macht sie nicht nur zu einer Wohlstandspartei reicher Vorstädter. Vielmehr sind gerade die Grünen dafür verantwortlich, dass die ökologischen Problemlagen zur Verhandlungsmasse im politischen Prozess geworden sind – unter Entkoppelung von der sozialen Frage ebenso wie von der grundlegenden Idee der Emanzipation jedes einzelnen. Hier anzusetzen wäre nun zwingend die Herausforderung für eine linke Partei. Die gibt es jedoch in Deutschland, wo sich zwei Sozialdemokratien gegenseitig verschleißen, nicht. Dabei hat gerade der Marxismus Lösungsangebote für die ökologische Frage vorgelegt, die bis heute ihresgleichen suchen.

Vor fünfzig Jahren wandte sich in Ostberlin der Philosoph Wolfgang Harich den fundamentalen Umbrüchen seiner Zeit zu. Harich, seit 1948 tätig an der Humboldt-Universität und seit 1953 Chefredakteur der Deutschen Zeitschrift für Philosophie, hatte sich nach dem 17. Juni offen gegen die Kulturpolitik der SED gestellt und später die »Plattform für den besonderen deutschen Weg zum Sozialismus« erarbeitet, woraufhin er 1957 in einem Schauprozess wegen der »Bildung einer konspirativen staatsfeindlichen Gruppe« zu zehn Jahren Haft verurteilt wurde. Ende 1964 aus der Haft entlassen, widmete sich Harich fortan vor allem literaturwissenschaftlichen Arbeiten und konnte in der DDR nur eingeschränkt publizieren. Zu Beginn der 1970er Jahre richtete Harich schließlich sein Interesse immer stärker auf Fragen der Ökologie und versuchte, Ökologie und Marxismus miteinander zu versöhnen. Dabei vermied er den bis heute so oft eingeschlagenen naiv-dogmatischen Weg, irgendwelche halbökologischen Stellen in den Werken der marxistischen Klassiker zu suchen und diese dann als Kardinalsweg zur Lösung der modernen Probleme auszugeben. Ganz im Gegenteil entwickelte er ein umfassendes ökologisches Konzept, das den Marxismus ergänzen und vor allem zukunftsfähig machen sollte – Abweichungen von den Dogmen, wie bei Harich üblich, inbegriffen.

Beschränken und zuteilen

1975 erschien nach einigen kleineren Vorarbeiten in der Bundesrepublik Harichs Buch »Kommunismus ohne Wachstum? Babeuf und der ›Club of Rome‹«.¹ Mit dem Rowohlt-Verlag arbeitete Harich in diesen Jahren eng zusammen. So war bereits die Westausgabe seiner Monographie »Jean Pauls Revolutionsdichtung« dort erschienen, ebenso sein kulturpolitischer Aufsatz »Der entlaufene Dingo, das vergessene Floß« in einer überarbeiteten und ergänzten Version. »Kommunismus ohne Wachstum?« war die erste umfassende schriftliche Äußerung eines deutschen Marxisten zur Thematik. Es besteht aus Gesprächen Harichs mit dem Sozialdemokraten Freimut Duve, gegliedert in sechs Kapitel. Ein siebtes Kapitel (»Kritik der Bedürfnisse und der Kommunismus Babeufs«) versammelt mehrere Briefe Harichs. Dem Werk war einiger Erfolg beschieden: Es gab zwei Auflagen, notwendig durch eine breite und intensive Diskussion, zudem eine Übersetzung ins Spanische.

Im Mittelpunkt der Gespräche zwischen Harich und Duve steht die ökologische Frage als gewichtigstes Problem der Moderne. Sie sei, so Harich, nur im Rahmen eines kommunistischen Weltstaates lösbar, da nur dieser Rationierung, Beschränkung und Zuteilung auf gerechter Basis verwirklichen könne – bei gleichzeitiger Angleichung der Lebensverhältnisse von Arm und Reich nach unten. Der zentralistische Apparat, der entstehen muss, wenn ein weltweit agierender kommunistischer Leviathan alle Bedürfnisse der Menschen festlegt, regelt und kontrolliert, wurde dabei von Harich bewusst in Kauf genommen. Ihm kommen zahlreiche Kompetenzen zu: Er plant die Wirtschaft (sowie den Rückbau der Industrie), kontrolliert die Bedürfnisse der Menschen und die Geburtenrate, organisiert die Rationierungen, ja nimmt die Umsiedlung ganzer Fabriken oder Ortschaften vor. Das Individuum wird vollständig in das Kollektiv integriert. Notwendig sei dieser mit allen Machtmitteln auf der Basis des Kommunismus ausgestattete Staat, um die Rückführung der Zivilisation auf ein vorindustrielles und ressourcenunabhängiges System durchzuführen. Eine Zukunft der Menschheit sei angesichts der drohenden ökologischen Katastrophe sowie der grundsätzlich falschen Eigentumsverteilung nur im Rahmen kommunistischer Bedürfnis- und Konsumbeschränkungen denkbar. Auf die Frage Duves, welche Punkte seine Auffassungen vom Kommunismus prägen, antwortete Harich:

1) »Der Kommunismus darf (…) nicht in einer so nebelhaft fernen Zukunft angesiedelt werden, dass das Bekenntnis zu ihm als der besten denkbaren Gesellschaftsordnung rein platonisch wird, dass Aussagen über die Möglichkeit, ihn zu realisieren, sich in eine erbauliche Sonntagspredigt verwandeln und die Vorhut des Proletariats praktisch auf unabsehbare Zeit (…) den Sozialismus als das Non plus ultra des geschichtlich-gesellschaftlichen Fortschritts hinnimmt.«²

2) Der Kommunismus werde keine Überflussgesellschaft sein, er habe vielmehr den Mangel zu verwalten. Daher werde er auch nie »ohne staatliche Autorität und kodifiziertes Recht auskommen«.³ Der Kommunismus könne laut Harich den Übergang zur Reglementierung und Reduzierung der Bedürfnisse auf die sogenannten notwendigen Bedürfnisse (die von den überflüssigen zu scheiden seien) bewerkstelligen. Der Staat wird als kommunistischer Weltstaat verewigt.

3) »Ich bin zutiefst überzeugt davon, dass alle kapitalistischen Industrieländer für die übergangslose Verwirklichung des Kommunismus reif sind und dass sie sie dringend brauchen.«⁴ Auch die sozialistischen Staaten könnten diesen Übergang meistern, indem sie stärker auf das Element der Planung setzten. Allerdings sei es nicht notwendig, dass sie als erste zum Kommunismus übergehen.

4) In letzter Instanz sichert der kommunistische Leviathan auch den zukünftigen Frieden, sorgt für den Ausgleich zwischen unterschiedlich entwickelten Regionen und Gesellschaften. Durch seine alles zwingende Macht kann er Bürgerkriege im Weltstaat verhindern. Harichs Weltstaat bezieht seine Legitimation aus einer Perspektive: Er sichert das Überleben aller. Verzicht und Askese seien die einzigen Möglichkeiten, dies zu realisieren.

Staatliche Autorität

Damit hatte Harich aus seiner Perspektive bereits das Damoklesschwert benannt, das über der Zukunft hing. Es werde ein starker Staat sein, der die vorhandenen und sich noch potenzierenden Probleme lösen müsse. »Die Frage ist, ob das ein demokratischer oder ein despotischer Staat sein wird. Das hängt davon ab, wie schnell und gründlich man den neuen Weg geht. Je schneller, desto mehr Freiheiten werden übrigbleiben. Je länger Verschwendung und Umweltzerstörung weitergehen, um so härtere Maßnahmen wird es brauchen. Zu welchen Gunsten werden diese Maßnahmen sein? Werden sie menschenwürdiges Leben der breiten Massen garantieren – dann zu Ungunsten der Reichen. Damit aber wird die Gefahr eines Ökofaschismus deutlich. Das ist die Wahl, vor der wir stehen: Ökofaschismus oder ein homöostatischer wachstumsloser Kommunismus mit staatlicher Autorität. Angesichts dieser Wahl muss ein Liberaler zum Pessimismus neigen. Ich bin kein Liberaler.«⁵

Es ist kaum überraschend, dass »Kommunismus ohne Wachstum?« eine breite Debatte auslöste. Es erschienen zahlreiche Rezensionen, in denen die kritischen Einwände überwogen. »Ökostalinismus« lautete das Schlagwort von rechts bis links. In der DDR war die Situation noch verfahrener. Der Druck des Buches oder auch nur eines Aufsatzes zum Thema gelang Harich nie. Gleichzeitig nahmen die Angriffe auf ihn wieder zu, ohne dass freilich sein Name genannt worden wäre. Parallel dazu mahnte er in vielen Eingaben an staatliche Stellen ein ökologisches Umdenken an. 1979 wurde ihm dann angeboten, an einer Kommission mitzuwirken, die sich mit Umweltfragen beschäftigen sollte: Aber, so die Bedingung, er dürfe weder vor noch nach den Sitzungen mit den anderen Mitgliedern sprechen, da diese ihm wegen seiner Vergangenheit tief misstrauen würden. Auch werde es keinerlei offizielle Wortmeldungen oder ähnliches von ihm geben. Für Harich war das nicht tragbar. Am 8. März 1979 bat er Erich Honecker um die Entlassung aus der Staatsbürgerschaft der DDR. Diesen Skandal wollte die SED nun wiederum vermeiden, so dass Harich für 750 Tage ein Reisevisum für Österreich erhielt, das später auf andere Länder ausgedehnt und um ein Jahr verlängert wurde. Ende 1981 kehrte er wieder in die DDR zurück und widmete sich seinem Engagement für Georg Lukács und Nicolai Hartmann sowie gegen Friedrich Nietzsche.

Im Westen war Harich äußerst aktiv. Zuerst im österreichischen Forum Alternativ, ab 1980 dann auch in der sich formierenden bundesdeutschen »grün-alternativen« Bewegung. Viele Bekanntschaften, Gespräche und Diskussionen sorgten dafür, dass er seine Konzeption ergänzte, d. h. vor allem dem Menschen mehr Einzelverantwortung zuschrieb. Drei Punkte sind dabei hervorzuheben, die den Zentralismus des Leviathan modifizierten, ohne dem Extrem eines naiven Anarcho-Utopismus zu verfallen.

Friedenspolitik

Erstens die Friedenspolitik. Ein Aufsatz Harichs aus dieser Zeit trägt den bezeichnenden Titel »Arbeiter und Aussteiger, einig gegen Atomraketen«. Schon Mitte der 1970er Jahre gehörten Friedenspolitik, Abrüstung und ökologische Umorientierung für Harich zusammen – die entsprechenden Stellen in »Kommunismus ohne Wachstum?« verbürgen dies. In dem Brief an Honecker schrieb er:

»Die Grünen plädieren immer für eine weit vorausblickende Politik. Sie treten dafür ein, dass heute, jetzt, sofort die Weichen für das Leben noch ungeborener Generationen richtig gestellt werden. Und sie vergessen dabei mitunter nächstliegende, akute Gefahren, die aus Wettrüsten und Kriegsvorbereitung erwachsen und, wenn es nicht gelänge, sie zu bändigen, binnen kurzem solch unvorstellbare Zerstörungen herbeiführen würden, dass es gar keine Weichen mehr gäbe, die noch in irgendeine Richtung gestellt werden könnten. Die Grünen bringen aber andererseits auch (…) überaus günstige Voraussetzungen mit, vor solchem Vergessen bewahrt, ihm, wenn nötig, blitzschnell entrissen zu werden. Bedenken Sie bitte, Herr Vorsitzender, dass selbst ein erzbürgerlicher Vertreter des rechten Flügels der Grünen, (…) Herbert Gruhl, seinen Anfang Juli 1978 erfolgten Austritt aus der CDU in erster Linie damit begründet hat, dass diese Partei zur Neutronenbombe ja und amen gesagt hatte. Marxistisch geschulter Bündnispolitik dürfte es somit unschwer gelingen, den Kampf für den Frieden mit dem Schutz der natürlichen Umwelt, für die Schonung der Ressourcen zur Einheit zusammenzuschließen. Und meinen Einfluss dahingehend geltend zu machen, das wäre überhaupt die vornehmste Aufgabe, der ich mich im Westen zu widmen gedächte.«⁶

Die Pointe dieser Konzeption lag für Harich in einer These, die er bereits 1971 in »Zur Kritik der revolutionären Ungeduld« aufgestellt hatte, nämlich dass ein Sozialismus, der von der Last des Wettrüstens und der Blockkonfrontation befreit wäre, natürlich ein anderer Sozialismus sein würde als der »real existierende«. Viele Probleme und Verfehlungen des sozialistischen Staates resultieren, so Harich programmatisch, aus Konstellationen, für die dessen politisches Führungspersonal gar nicht verantwortlich sei. Würden sie fallen, könnte sich der eigentliche Sozialismus überhaupt erst entfalten.

Räteidee

Zweitens die Frage des Zentralismus. In den bisherigen Ausführungen wurde die in »Kommunismus ohne Wachstum?« entworfene Alternative als Leviathan charakterisiert. Dennoch wäre es falsch, Harich gleichsam als einen Apostel des Etatismus, ja als »Stalinisten« oder Hardliner abzustempeln. Zentralistische und genossenschaftliche Momente können sich, so Harich, wirkungsvoll ergänzen. In dem Interview »Der Stern von Zwentendorf zog mich her« äußerte er 1979: »Was den Zentralismus betrifft, da freilich habe ich inzwischen – vor allem dank der ja erst nach meinem Buch erschienenen Werke Carl Amerys und Yona Friedmans – manches hinzugelernt und meinen Standpunkt modifiziert. Auch ich bin heute Anhänger einer möglichst weitgehenden lokalen Autarkie, die zweifellos basisdemokratische Lösungen im politischen Raum sowohl voraussetzt als auch nach sich ziehen wird. Aber die globalen, weltweiten Rahmenbedingungen dafür werden von einem mit diktatorischen Vollmachten ausgestatteten Machtzentrum, zu dem sich bei fortschreitender Weltrevolution die UNO umbilden dürfte, geschaffen werden müssen. (…) Der Weltsicherheitsrat der UNO ist doch wohl keine entbehrliche Einrichtung, und selbst in seiner heterogenen, ja antagonistischen Zusammensetzung ist er nicht immer völlig erfolglos gewesen. Nun stellen Sie sich einmal vor, seine Mitglieder wären sich stets einig, kraft einer Harmonie der Interessen, die in einer homogenen gesellschaftlichen Basis gründet. Wäre das schlecht? Ist das eine Horrorvision? Ich denke, nein. Mit einem Wort: Es käme darauf an, zwischen den extrem autarkistischen Lösungen, wie sie Amery bzw. Yona Friedman anstreben, und meinem – zugegeben ebenfalls einseitigen – Zentralismus den goldenen Mittelweg zu finden.«⁷

Feminismus

Drittens: Das einschlägige Dokument für Harichs Hinwendung zum Feminismus ist der Text »Das Weib in der Apokalypse« von 1979. Harich ging darin von der These aus, dass die ökologische Neuorientierung nicht von jenen Protagonisten durchgeführt werden könne, die durch die »Wesensmerkmale der Maskulinität« die Krise erst herbeigeführt hätten. »Der Homo gleich Mann ist der (…) erheischten Umkehr von sich aus vermutlich nicht fähig.«⁸ Geprägt wurde Harichs Ansatz vor allem durch Françoise d’Eaubonnes »Le Féminisme ou la mort« von 1974. Darin findet sich der Begriff des Ökofeminismus, den Harich als »Synthetisierung von totaler Frauenemanzipation und konsequentem Ökologismus« interpretierte.⁹ 1989 (gedruckt 1994) schrieb er in »Nietzsche und seine Brüder«: »Schon 1974 hat Françoise d’Eaubonne (…) dies in der These zusammengefasst: ›Zur raschen Lösung des ökologischen Problems ist am meisten das Weib berufen – als die Lebensspenderin, in der die Kräfte der Zukunft sich vorbereiten und verwirklichen!‹« Harich zog daraus die Konsequenz: »Dass die feministische und die Ökologiebewegung gerade politisch eins sind, stellt, so gesehen, eine Gesetzmäßigkeit dar.«¹⁰

In einem Interview, das Harich 1979 gab, nahm er zu Fragen des Feminismus Stellung: »Der Urkommunismus ist matriarchalisch verfasst gewesen, die Zukunft könnte diese Art von Herrschaft auf höherer Stufe wiederherstellen. Warum? Weil den Müttern am meisten daran gelegen sein muss, dass ihre Kinder von heute nicht die letzten Menschen von morgen sind. Aus der biologisch verankerten Bedingungslosigkeit der Mutterliebe lässt sich das unschwer ableiten, und die zunehmende Konvergenz von Feminismus und Ökologismus deutet empirisch darauf hin.«¹¹ Die Rückkehr zum Matriarchat bedinge keine neuen Ungleichheiten. Es handle sich vielmehr um die Wiederherstellung der urkommunistischen Organisationsformen auf qualitativ neuer Ebene, deren positive Aspekte schon Friedrich Engels dem Marxismus anempfohlen habe. Dieses Verfahren berge die Chance zur grundlegenden Wandlung der notwendigen Institutionen: Bei »konsequenter Verwirklichung ihrer ökonomischen Gleichheit wird unter dem Schutz und Schirm des neuen Matriarchats eine allgemeine Feminisierung der Beziehungen zwischen den Menschen stattfinden. Verschwinden wird der ›progressiv-dynamische‹ Erfolgsmensch, und ohne ihn sieht die staatliche Autorität dann auch nicht mehr so hart und böse aus.«¹²

Und nun?

Die Bereitschaft, mit der Harich seinen wachstumslosen Kommunismus um direktdemokratische Elemente ergänzte, zeigt an, dass »Kommunismus ohne Wachstum?« nicht den Staat seiner Wunschphantasie beschrieb, sondern zuvorderst den Preis der ökologischen Wende benannte. Seine Mahnungen blieben ebenso ungehört wie so ziemlich alle anderen Stimmen der damaligen ökologischen Vernunft. Die Linke, das sei ihr ins Stammbuch geschrieben, sollte sich dringend mit diesem Erbe auseinandersetzen. Einen besseren Marxismus würde man bekommen, ein tieferes Handlungsbild sowieso. Und es würde der Druck entfallen, den Grünen kraftlos und hechelnd hinterherzulaufen. Einen Marathon könnte man auch mit den 25 Kilo der Harich-Ausgabe im Gepäck gewinnen. Allein: Weg und Ziel müssen eben vorher markiert werden.

Anmerkungen

1 Neu in Wolfgang Harich: Das grüne Jahrzehnt, hg. v. Andreas Heyer, Baden-Baden 2021, S. 131–316

2 Ebd., S. 273 f.

3 Ebd., S. 276

4 Ebd., S. 276

5 So Harich im August 1979 in einer Diskussion, zit. n. ders.: Ökologie, Frieden, Wachstumskritik, hg. v. Andreas Heyer, Marburg 2015, S. 181

6 Harich, S. 142 f.

7 Ebd., S. 158

8 Ebd., S. 164

9 Ebd., S. 165

10 Ders.: Friedrich Nietzsche. Der Wegbereiter des Faschismus, hg. v. Heyer, Baden-Baden 2019, S. 178

11 Harich: Ökologie, S. 146

12 Ebd., S. 146

Andreas Heyer ist der Herausgeber von Wolfgang Harichs Schriften aus dem Nachlass, die im Tectum-Verlag erscheinen.

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  • Leserbrief von hto aus Gemeinschaftseigentum ( 7. Januar 2022 um 22:39 Uhr)
    Dieser Artikel ist vor allem eins: herkömmlich gewohnte Überproduktion von systemrational-konfusionierendem Kommunikationsmüll. Ich glaube, wenn Marx die kommunikativ-globalisierenden Möglichkeiten des Internets erleben könnte, dann würde er jegliche Kompromissbereitschaft zum »demokratischen« Wahlsystem durch Kreuzchen auf dem Blankoscheck ablehnen, denn es war sicher schon zu seiner Zeit ziemlich offensichtlich, dass der Parlamentarismus hauptsächlich ein Marionettentheater für die Verkommenheit im geistigen Stillstand ist und deshalb der Weg über die Macht der Straße ... »Es war seit jeher den Epigonen vorbehalten, befruchtende Hypothesen des Meisters in starres Dogma zu verwandeln und satte Beruhigung zu finden, wo ein bahnbrechender Geist schöpferische Zweifel empfand.« (Rosa Luxemburg)
  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Marian Rose aus 14774 PLAUE ( 7. Januar 2022 um 22:31 Uhr)
    Auf der Erde ist die Anzahl aller Atome in Tieren, Menschen, Pflanzen und der Erdkruste usw. klar begrenzt – auch Stoffneuentstehung durch Kernspaltung oder -fusion ist somit begrenzt; Zuflüsse durch Kometen usw. sind vernachlässigbar klein. Dieser Fakt beweist, dass der Glaube an fortwährendes materielles (Massen-)Wachstum physikalisch Unsinn ist. Ja, wir müssen verzichten: auf Konsum, auf Fleisch, auf Mobilität, auf (meist) sinnfreie Kommunikation – auch im Sozialismus. Und möglichst viel wiederverwenden. Die Angst vor einer – dosierten! – Rückwärtsentwicklung auch bei vielen »Linken« wird durch das naturverbundene, nicht immer weltfremde Leben der letzten Urvölker konterkariert, leben diese doch schlicht das »einfache gute Leben«. Es geht nicht darum, aller modernen Entwicklung zu entsagen, sondern Dinge, die einfach und umweltfreundlich funktionieren, als bewährt zu belassen – denn das Fahrrad ist bereits erfunden!
  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Franz Schoierer ( 6. Januar 2022 um 10:06 Uhr)
    Was empfiehlt dieser großartige Philosoph Wolfgang Harich? »Rückbau der Industrie«, »Rückführung der Zivilisation auf ein vorindustrielles System«. Und während für Marx und Engels der Staat irgendwann seinen Zweck erfüllt hat und abstirbt, wird bei Harich »der Staat als kommunistischer Weltstaat verewigt«. Dieser reaktionäre Schrott wird dem Leser als »Marxismus« präsentiert.
  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Hagen Radtke aus Rostock ( 6. Januar 2022 um 10:01 Uhr)
    Die Mär, dass Sozialismus gleich leere Regale bedeutet, wird hier offenbar umgedeutet zur Tugend, dass Kommunismus gleich leere Regale bedeuten soll. Wenn man möchte, dass alle den Kapitalismus behalten wollen, muss man genau diese Idee verbreiten. Inhaltlich ist es aber genau falsch. Richtig ist: Die derzeit vorhandene, auf fossiler Energie fußende Industrie muss verschwinden. Richtig ist aber auch, dass der Aufbau einer neuen klimaneutralen Industrie technisch möglich ist. Das heißt nicht, dass wir auf allen Rohstoffabbau verzichten können, aber während der Bau einer Mine lokal ein Ökosystem zerstört, bedroht der Klimawandel weltweit alle, das ist ein Unterschied. Wir brauchen also keine Deindustrialisierung, sondern eine neue Industrialisierung. Der Verzicht entsteht, wenn diese marktwirtschaftlich organisiert wird. Denn dann müssen den Investoren so hohe Gewinne in Aussicht gestellt werden, dass sie sogar mehr Rendite erwarten als bei alternativen Investitionen. Das geht nur, wenn die Rendite später vom Verbraucher abgeschöpft wird, der dann auf andere Dinge verzichten muss. Das politisch zu gewährleisten, ist der »grüne Kapitalismus«. Eine staatliche Lenkung der Investitionstätigkeit (gleich sozialistisches Element) würde den Umbau der Industrie viel einfacher machen und mehr Wohlstand und weniger Verzicht bedeuten.
    • Leserbrief von Onlineabonnent/in Josie Michel-Brüning aus 38448 Wolfsburg ( 7. Januar 2022 um 14:55 Uhr)
      Z. B. Hagen R., Rostock: »Das heißt nicht, dass wir auf allen Rohstoffabbau verzichten können, aber während der Bau einer Mine lokal ein Ökosystem zerstört, bedroht der Klimawandel weltweit alle, das ist ein Unterschied. Wir brauchen also keine Deindustrialisierung, sondern eine neue Industrialisierung ...« – Wer sind »wir«, die nicht auf »lokalen Rohstoffabbau« verzichten müssen? – »Der Verzicht entsteht, wenn diese marktwirtschaftlich organisiert wird. Denn dann müssen den Investoren so hohe Gewinne in Aussicht gestellt werden, dass sie sogar mehr Rendite erwarten als bei alternativen Investitionen. Das geht nur, wenn die Rendite später vom Verbraucher abgeschöpft wird, der dann auf andere Dinge verzichten muss. Das politisch zu gewährleisten, ist der ›grüne Kapitalismus‹. Eine staatliche Lenkung der Investitionstätigkeit (gleich sozialistisches Element) würde den Umbau der Industrie viel einfacher machen und mehr Wohlstand und weniger Verzicht bedeuten.« – Ich möchte meinen beiden männlichen Vorrednern empfehlen, die sich in ernster Auseinandersetzung mit der Zeit entwickelnden Gedankengänge über mögliche Überlebensstrategien für unseren Planeten noch einmal gründlich nachzulesen und zu überdenken. Denn aus meiner »feministischen« Sicht als Mutter und Großmutter fürchte ich, dass meine Kinder und Kindeskinder ohne Konsumverzicht keine Chance haben werden zu überleben. Josie Michel-Brüning, Wolfsburg

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