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Aus: Ausgabe vom 07.01.2022, Seite 11 / Feuilleton
Coronatagebuch (Staffel 3, Welle 4)

Wer sitzt und wer nicht

Von Pierre Deason-Tomory
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Seit er ein Kind hat, das in fünf Jahren älter ausschauen wird als der Papa, will er nicht mehr Kanzler sein: Sebastian Kurz (Slowenien, Kranj, 5.10.2021)

Donnerstag, 30. Dezember

Zur Absicherung der »kritischen Infrastruktur« bei einer Omikron-Explosion schlagen Gesundheitspolitiker eine Verkürzung der Isolationsfristen vor. Für asymptomatische Infizierte, nicht für antifaschistische Inhaftierte wie Lina aus Leipzig – die feiert morgen wegen einer verdächtigen Perücke ihr zweites Silvester im Knast.

Sebastian Kurz ist noch auf freiem Fuß. Seit er ein Kind hat, das in fünf Jahren älter ausschauen wird als der Papa, will er nicht mehr Kanzler sein, sondern einem ehrbaren Verbrechen nachgehen: als Investmentfondsmanager. Er heuert in den USA beim Paypal-Gründer Peter Thiel als »Chefstratege globale Bestechung« an. Das ist kein Versorgungsposten wie sonst, der Kurz kann das. Er weiß, wie man als 30jähriger mit ein paar Millionen, die einem gar nicht gehören, ein ganzes Land übernimmt.

Omikron überfällt inzwischen Großbritannien. Der wahnsinnige Premier würde sogar etwas dagegen unternehmen wollen, darf aber nicht, weil seine Partei noch wahnsinniger ist als er und die anderen spinnerten Briten. Bei der Darts-WM auf der Insel verlieren die Favoriten reihenweise beim Coronatest, ab Halbfinale wird wohl mit Impfspritzen geworfen.

Und: unblutiges Ende eines Militärputsches in der BRD! Der MDR meldet, dass am Abend ein Oberfeldwebel aus Bad Reichenhall festgenommen worden ist, nachdem er der Bundesregierung in einem Video ein Ultimatum gestellt hatte: Sie solle unverzüglich die Corona­maßnahmen zurücknehmen. »Die Soldaten geben sich bis morgen 16 Uhr dialogbereit«, sagte er, danach wird zurückgeschossen. Verhaftet wurde er auf dem Odeonsplatz. Er hatte die Feldherrnhalle nicht gefunden.

Freitag, 31. Dezember

Silvester bei Sonne und 14 Grad. Ich habe gerade die Silvesterkabarettsendung im Österreichischen Rundfunk ausgemacht. Was für eine Enttäuschung. Eineinhalb Stunden »Kabarett« praktisch ohne Politik, Sebastian Kurz wurde nicht einmal erwähnt. Traut sich der Staatssender nicht, oder will das Publikum wirklich nur Dieter Nuhr, Menstruationstassenwitze von Martina Schwarzmann oder aufgewärmte Pointen von Lisa Eckhart hören? Immerhin haben die Humorbeauftragten von Ö1 Stücke der Letztgenannten herausgesucht, bei denen sie nicht von sexuell besessenen Nachkommen abrahamitischer Völker herumgrunzt. Die Eckhart könnte sich doch mal SPÖ-Chefin Joy Pamela Rendi-Wagner vornehmen. Die verzieht beim Reden auch immer das Gesicht wie gepeinigt vom Schmerz, den ihr die eigenen Einlassungen bereiten. Ich gehe wohl besser ins Bett.

Sonnabend, 1. Januar

Irgendjemand hat in der Nacht die Küche aufgeräumt und das restliche Bier getrunken. Ich verdächtige meine Heinzelmännchen, deren Existenz ich in der Öffentlichkeit neuerdings leugne, um nicht für irre gehalten zu werden. Diesen Rat hat mir Napoleon gegeben, als er mit Alexander I. zum Kaffee hier war.

Montag, 3. Januar

Unser Putschistenführer ist aus der Haft entlassen worden. Begründung der Staatsanwaltschaft Traunstein: Der Mann sei akut ungefährlich. Überraschung. Das denkt die deutsche Justiz über Nazis seit über hundert Jahren.

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