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Aus: Ausgabe vom 06.01.2022, Seite 8 / Ansichten

Nervensäge des Tages: Emmanuel Macron

Von Raphaël Schmeller
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»Ich habe große Lust, die Ungeimpften zu nerven« (Macron am Mittwoch im Interview mit Le Parisien)

Frankreichs Möchtegernmonarch Emmanuel Macron ist eine echte Nervensäge. Das gab er nun ganz offiziell in einem am Mittwoch veröffentlichten Interview mit der Tageszeitung Le Parisien zu: »Ich habe große Lust, die Ungeimpften zu nerven« (»les non-vaccinés, j’ai très envie de les emmerder«), lautete seine Botschaft an einen Teil der Bevölkerung, den er kurzerhand auch noch als »Nichtstaatsbürger« bezeichnete.

Das von Macron benutzte Verb »emmerder« mit »nerven« zu übersetzen, ist zugegeben ein wenig euphemistisch. Im Wörterbuch der Académie française wird es mit »couvrir d’excréments«, also »mit Exkrementen bedecken«, beschrieben. Der Ausdruck ist demnach »vulgär« und verächtlich.

Teile der Bevölkerung zu nerven und vor allem zu verachten, damit hat Macron schon vor seiner Präsidentschaft angefangen. Im Wahlkampf 2016 riet er beispielsweise Gewerkschaftern, die T-Shirts trugen, die beste Art sich einen Anzug zu leisten – und damit weniger schäbig auszusehen –, sei zu arbeiten. Kurz nach seinem Amtsantritt 2017 wandte er sich dann an gerade entlassene Beschäftigte eines Autozulieferers, die mit Plakaten gegen seinen Besuch protestierten, mit der Bemerkung: »Gewisse Leute sollten sich lieber nach einem anderen Job umsehen, als Chaos zu verbreiten.« Ein Jahr später waren die Armen und Erwerbslosen an der Reihe: »Wir stecken einen Haufen Kohle in Sozialleistungen, aber die Leute bleiben arm. Da kommen wir nicht mehr raus.«

Nach nun fast fünf Jahren im Élysée-Palast hat Macron wahrscheinlich so ziemlich jeden Lohnabhängigen beleidigt, der nicht 6.000 Euro oder mehr im Monat verdient. Nach den Präsidentschaftswahlen in 94 Tagen ist damit dann hoffentlich Schluss – es ist höchste Zeit für den »Emmerdeur« zu gehen!

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  • Leserbrief von Istvan Hidy aus Stuttgart ( 6. Januar 2022 um 10:33 Uhr)
    Frankreichs unaufgeklärter Sonnenpräsident möchte den Impfverweigerern »auf den Wecker gehen«. Er habe Lust, sie zu nerven, erklärte er in einem Interview. Er verkündete: »Ich habe große Lust, die Ungeimpften zu nerven« – und gab einen detaillierten Einblick nicht nur in seine Gemütslage. Macron sagte weiter: »Wenn meine Freiheit die Freiheit anderer bedroht, werde ich verantwortungslos. Ein verantwortungsloser Mensch ist kein Bürger mehr.« Abgesehen davon, dass solche Wortwahl eines Staatschefs nicht würdig ist – es ist beschämend, wenn im 21. Jahrhundert im Geburtsland der Aufklärung ein amtierender Präsident mehr als fünf Million Bürger seines Landes so verachtet. Das hat mit Demokratie nichts mehr zu tun. Und weil er gerade auch noch amtierender EU-Ratspräsident ist, heißt es dann: willkommen in der Postdemokratie des Wertewestens!
  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Matthias M. ( 5. Januar 2022 um 21:54 Uhr)
    Bei der Wahl kommen – jede Wette – Macron und einer der ultrarechten Kandidaten in die Stichwahl, die Kandidaten links von Macron haben nicht die leiseste Chance. Am wahrscheinlichsten Marine Le Pen, wenn's ganz blöd läuft Zemmour, und nach der Stichwahl haben wir wieder entweder weiterhin Macron oder den Rechtsrutsch ganz knallhart in persona manifestiert. Pest und Cholera sind da noch sehr höfliche Vergleiche.

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