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Aus: Ausgabe vom 06.01.2022, Seite 6 / Ausland
Aufstandsbekämpfung

Gewalt eskaliert

Kolumbien: Mehrere Tote in Departamento Arauca. ELN-Guerilla und FARC-Dissidenten machen sich gegenseitig Vorwürfe. Bogotá schickt Truppen
Von Julieta Daza, Caracas
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Am Montag verkündete Kolumbiens Präsident Iván Duque in Cartagena die weitere Militarisierung des Departamento de Arauca

In Kolumbien hat das Jahr 2022 mit der Gewalt begonnen, mit der das vergangene endete. Besonders dramatisch ist die Lage seit Jahresbeginn im nordöstlichen, an das Nachbarland Venezuela grenzende Departamento Arauca – vor allem in den Gemeinden Saravena, Fortul, Tame und Arauquita. Laut Berichten kolumbianischer Medien sind dort zwischen Sonnabend und Montag mehrere Menschen getötet worden. In einem Interview mit dem Sender W Radio vom Montag bestätigte der Bürgerbeauftragte von Tame, Juan Carlos Villate, offiziell den Tod von 24 Menschen. Zudem könnten sich etwa 3.000 weitere Einwohner bald dazu gezwungen sehen, wegen anhaltender Gewalt aus dem Gebiet zu fliehen.

Grund für die verheerende Situation sind laut Medienberichten Gefechte zwischen der Guerillaorganisation ELN (Nationale Befreiungsarmee) und der »10. Front Martín Villa«, einer Dissidentengruppe der früheren linken Guerilla FARC-EP. Die Mitglieder der »10. Front« haben ihre Waffen nicht, wie der Großteil der FARC-EP, im Rahmen des Ende 2016 mit der kolumbianischen Regierung geschlossenen Friedensabkommens niedergelegt.

Bürgerliche Medien Kolumbiens bezeichneten die Auseinandersetzungen als eine um die Kontrolle über die an natürlichen Ressourcen sehr reiche und vom Drogenhandel geprägte Region. In sozialen Medien kursierende, mutmaßlich von den involvierten Guerillastrukturen stammende Kommuniqués erklären die Vorkommnisse anders. So wirft die »10. Front« den Kämpfern der ELN in einer Mitteilung vor, in deren Reihen eingeschleuste Angehörige der kolumbianischen Armee hätten die Gefechte begonnen. Auf der anderen Seite beschuldigt die in Arauca aktive östliche ELN-Kriegsfront »Manuel Vásquez Castaño« die FARC-Dissidenten, mit der Regierung in Bogotá sowie den US-Diensten DEA und CIA zusammenzuarbeiten.

Beide bewaffneten Gruppen erwähnen in ihren Kommuniqués außerdem die Existenz eines für die Grenze zu Venezuela bestimmten Militärplans der kolumbianischen Regierung. Die ELN beschreibt diesen als einen Plan zur »Aufstandsbekämpfung«. Tatsächlich befinden sich laut dem Bürgerbeauftragten von Tame unter den 24 Getöteten einige bekannte Anführer der »10. Front« sowie der ELN, aber auch Zivilisten, »Sympathisanten oder Milizangehörige, oder Personen, denen vorgeworfen wurde, politische Aktivisten dieser Organisationen zu sein«.

Kolumbiens rechter Präsident Iván Duque teilte am Montag mit, dass sich sein Verteidigungsminister Diego Molano sowie die Führung der Streitkräfte nach Arauca begeben würden, um die Lage zu analysieren und unter Kontrolle zu bekommen. Dort würden sie den Gouverneur des Departamento, Alejandro Navas, unterstützen. Navas, ein ehemaliger General der Armee, wird von mehreren Menschenrechtsorganisationen beschuldigt, an der Ermordung unschuldiger Zivilisten – in Kolumbien als »Falsos positivos« bekannt – beteiligt gewesen zu sein. Seiner Ernennung zum Gouverneur im November des vergangenen Jahres schadete das nicht.

Zudem teilte Staatschef Duque mit, dass er zwei weitere Bataillone nach Arauca schicken werde. Das »diktatorische Regime Nicolás Maduros«, Präsident des Nachbarlandes Venezuela, gewähre den »kriminellen Strukturen Schutz«. In Venezuela könnten diese »problemlos agieren«. Der venezolanische Verteidigungsminister Vladimir Padrino López wies den Vorwurf am Dienstag über den Kurznachrichtendienst Twitter zurück. Auch die ständige Wiederholung solcher Behauptungen könne nicht von der Verantwortung Bogotás für die Situation in Kolumbien ablenken. Zudem erklärte Padrino López, die venezolanischen Streitkräfte befänden sich bereits im Einsatz an der Grenze, mit dem Ziel, die Bevölkerung und die Souveränität des Landes vor einer möglichen Aggression zu schützen.

Auch in Kolumbien kritisierten Linke und Sozialaktivisten die Regierung in Bogotá für ihren Umgang mit dem eskalierenden Konflikt. Die afrokolumbianische Umweltaktivistin und aktuelle Präsidentschaftskandidatin Francia Márquez erklärte beispielsweise auf Twitter, ihre Solidarität gelte der Bevölkerung von Arauca. »Wir verurteilen die Barbarei, die von bewaffneten Gruppen und der tödlichen Politik der Regierung Duques angefacht wurde.« Duque sei ein Experte darin, den Frieden zu zerstören.

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