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Aus: Ausgabe vom 31.12.2021, Seite 3 (Beilage) / Wochenendbeilage

Weltkriegerische Verwicklungen

Karl Liebknecht charakterisierte 1907 die Gefahren des Militarismus im Zeitalter imperialistischer »Weltpolitik«
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Novemberrevolution 1918 in Berlin

Das Proletariat der gesamten Welt hat von jener Politik, die den Militarismus nach außen notwendig macht, keinen Nutzen zu erwarten, seine Interessen widersprechen ihr sogar auf das allerschärfste. Jene Politik dient mittelbar oder unmittelbar den Ausbeutungsinteressen der herrschenden Klassen des Kapitalismus. Sie sucht der regellos-wilden Produktion und der sinnlos-mörderischen Konkurrenz des Kapitalismus mit mehr oder weniger Geschick über die Welt hinaus den Weg zu bereiten, indem sie alle kulturellen Pflichten gegen die minder entwickelten Völkerschaften niedertrampelt; und sie erreicht doch im Grunde genommen nichts als eine wahnsinnige Gefährdung des ganzen Bestandes unserer Kultur durch die Heraufbeschwörung weltkriegerischer Verwicklungen.

Auch das Proletariat begrüßt den gewaltigen wirtschaftlichen Aufschwung unserer Tage. Es weiß aber, dass sich dieser wirtschaftliche Aufschwung auch ohne den gewappneten Arm, ohne Militarismus und Marinismus, ohne den Dreizack in unserer Faust und ohne die Bestialitäten unserer Kolonialwirtschaft friedlich entfalten könnte, sofern ihm vernünftig geleitete Gemeinwesen unter internationaler Verständigung und in Übereinstimmung mit den Kulturpflichten und Kulturinteressen dienen würden. Es weiß, dass unsere Weltpolitik zu einem großen Teil eine Politik der gewaltsamen und plumpen Bekämpfung und Verwirrung der inneren sozialen und politischen Schwierigkeiten ist, vor denen sich die herrschenden Klassen sehen, kurzum eine Politik bonapartistischer Täuschungs- und Irreführungsversuche. Es weiß, dass die Arbeiterfeinde ihre Suppe mit Vorliebe am Feuer des beschränkten Chauvinismus kochen, dass schon die von Bismarck skrupellos erzeugte Kriegsangst des Jahres 1887 der gemeingefährlichsten Reaktion gar trefflich Vorspann leistete und dass ein jüngst enthülltes sauberes Plänchen hochgestellter Persönlichkeiten dahin ging, im trüben kriegerischer Hurrastimmung dem deutschen Volk »nach Heimkehr eines siegreichen Heeres« das Reichstagswahlrecht wegzufischen. Es weiß, dass der Vorteil des wirtschaftlichen Aufschwunges, um dessen Ausnützung sich jene Politik bemüht, und dass im besonderen aller Vorteil unserer Kolonialpolitik nur der Unternehmerklasse, dem Kapitalismus, dem Erbfeind des Proletariats, in die weiten Taschen rinnt. Es weiß, dass die Kriege, die die herrschenden Klassen für sich führen, gerade ihm die unerhörtesten Opfer an Gut und Blut (Anmerkung im Original: Die Opfer der Kriege von 1799 bis 1904 – außer dem Russisch-Japanischen – an Menschenleben werden auf etwa 15 Millionen veranschlagt) auferlegen, für die es nach vollbrachter Arbeit mit jämmerlichen Invalidenpensionen, Veteranenbeihilfen, Leierkästen und Fußtritten aller Art regaliert wird. Es weiß, dass sich bei jedem Krieg ein Schlammvulkan hunnischer Roheit und Gemeinheit über die beteiligten Völker ergießt und die Kultur auf Jahre hinaus rebarbarisiert. Es weiß, dass das Vaterland, für das es sich schlagen soll, nicht sein Vaterland ist, dass es für das Proletariat jedes Landes nur einen wirklichen Feind gibt: die Kapitalistenklasse, die das Proletariat unterdrückt und ausbeutet; dass das Proletariat jedes Landes durch sein eigenstes Interesse eng verknüpft ist mit dem Proletariat jedes anderen Landes; dass gegenüber den gemeinsamen Interessen des internationalen Proletariats alle nationalen Interessen zurücktreten und der internationalen Koalition des Ausbeutertums und der Knechtschaft die internationale Koalition der Ausgebeuteten, der Geknechteten gegenübergestellt werden muss. Es weiß, dass das Proletariat, sofern es in einem Kriege verwendet werden sollte, zum Kampfe gegen seine eigenen Brüder und Klassengenossen geführt würde und damit zum Kampfe gegen seine eigenen Interessen.

Das klassenbewusste Proletariat steht daher jener internationalen Aufgabe der Armee wie der gesamten kapitalistischen Ausdehnungspolitik nicht nur kühl bis ans Herz hinan, sondern in ernster und zielbewusster Feindschaft gegenüber. Es hat die vornehmste Aufgabe, den Militarismus auch in dieser Funktion bis aufs Messer zu bekämpfen, und es wird sich dieser seiner Aufgabe in immer stärkerem Maße bewusst – das zeigen die internationalen Kongresse, das zeigt der Austausch von Solidaritätskundgebungen zwischen deutschen und französischen Sozialisten beim Ausbruch des Deutsch-Französischen Krieges (1870/1871, jW), der spanischen und amerikanischen Sozialisten beim Ausbruch des kubanischen Krieges (1898, jW), der russischen und japanischen Sozialisten beim Ausbruch des ostasiatischen Krieges von 1904 und der 1905 für den Fall eines schwedisch-norwegischen Krieges von den schwedischen Sozialdemokraten gefasste Generalstreiksbeschluss.

Karl Liebknecht: Militarismus und Antimilitarismus unter besonderer Berücksichtigung der internationalen Jugendbewegung. Leipzig 1907. Hier zitiert nach: Karl Liebknecht: Gesammelte Reden und Schriften. Band I. Dietz-Verlag, Berlin 1958, Seiten 274–276

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  • Leserbrief von Roland Winkler aus Aue ( 3. Januar 2022 um 13:48 Uhr)
    Krieg oder Frieden, welche Frage ist zwingender zu Beginn des Jahres? Welchen Rang und welche Bedeutung erhält sie im politischen Spektrum der Parteien? Ist es nicht längst politisches Verständnis der gesamten Bandbreite, dass Frieden militärisch nicht nur zu sichern, sondern mit Krieg und Bomben herzustellen sei? Sind nicht längst in linker Politik dazu die Linien aufgebrochen? Was Karl Liebknecht 1907 charakterisierte, was er am Bewusstsein damaligen Proletariats hervorhob in seiner Aufzählung: »Es weiß ...«, was ist davon heute noch bewusst? Was ist davon bewusst, dass Kriege nicht passieren, sondern gemacht werden? Die praktisch gesicherten Tatsachen sind erdrückend, das Bewusstsein darüber geht verloren, in dem Maße, wie Klassenstandpunkt über Bord geworfen wurde. Wer anders als eine sich bewusste Linke kann Friedensbewegung auf die Straße bringen, die niemand zu ignorieren vermag, die auf Massen bewusstseinsbildend wirkt? Von neuer politischer Motivation, von klarem politischen Kurs hören wir aus der Linken. Ist davon mehr zu halten, als es aus den neuen Regierungsparteien um den neuen Kanzler vernehmbar ist? Kriege passieren nicht, sie werden gemacht; keine neue Erkenntnis, von zahllosen Millionen Opfern bis in unsere Tage bewiesen. Kriegstreiber waren und sind heute am Werke, malen Feindbilder, führen ideologisch wie ökonomisch längst ihre Kriege, treiben auf den Krieg der Waffen, Bomben und Schlachtfelder zu. Wo steht der »Erbfeind« der arbeitenden Menschen aller Völker? In Russland, China? Haben wir es dort mit »Erbfeinden« zu tun, die den Krieg wollen, anstreben und Weltherrschaft erstreben? Sagt uns auch dazu Geschichte heute nichts mehr? Wessen »kapitalistische Ausdehnungspolitik«, wie sie Liebknecht nennt, bedroht heute den Weltfríeden vor allen anderen Nationen und Kapitalismen? Der Zusammenhang von Kapital, Krise, Krieg, wie Rosa Luxemburg es am 1. Mai 1913 beschrieb, dieses Szenario läuft gerade ganz real vor unser aller Augen und Verstand ab. Mit Vernunft oder Verstand der Kriegstreiber zu rechnen ist Selbstmord. Auf Kapitalfraktionen hoffen, die ihre Weltherrschaftsinteressen noch nicht im Krieg sehen, das können wir. Ohne eine friedenspolitische Macht aller Linken und Friedensbewegten wird sich nichts aufhalten lassen.

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