75 Ausgaben junge Welt für 75 €
Gegründet 1947 Montag, 24. Januar 2022, Nr. 19
Die junge Welt wird von 2569 GenossInnen herausgegeben
75 Ausgaben junge Welt für 75 € 75 Ausgaben junge Welt für 75 €
75 Ausgaben junge Welt für 75 €
Aus: Ausgabe vom 28.12.2021, Seite 12 / Thema
Literatur

Freund aller Klassen

Den Menschen begegnete er unbesehen ihrer Herkunft mit Zuneigung. Die Gesellschaftskritik in seinen Stücken blieb dabei weitgehend auf der Strecke. Vor 125 Jahren wurde Carl Zuckmayer geboren
Von Kai Köhler
12_13.jpg
Schuf mit seinem Fliegergeneral Harras aus »Des Teufels General« eine Identifikationsfigur für das Nachkriegspublikum der BRD und leistete so einen Beitrag zum Mythos von der sauber gebliebenen Wehrmacht. Man dankte es ihm. Carl Zuckmayer bei der Verleihung des Bundesverdienstkreuzes durch Bundespräsident Theodor Heuss, 3. November 1955

Zwei oder drei Stücke, die noch ein knappes Halbjahrhundert nach dem Tod weithin bekannt sind – das ist für einen Theaterautor, sogar einen zu Lebzeiten erfolgsverwöhnten, keine schlechte Bilanz. Wie aber liest sich das heute? »Des Teufels General«, 1942/45 im US-Exil geschrieben, 1946 in Zürich uraufgeführt und nach zeitweiligem Verbot durch die US-Besatzung in Deutschland ab 1947 oftmals nachgespielt, irritiert.

Hauptfigur ist der Luftwaffengeneral Harras. Für den erfolgreichen Kampfflieger aus dem Ersten Weltkrieg bedeutete die Aufrüstung der Nazis eine Chance, wieder seiner Leidenschaft nachzugehen. Er half, die Geschwader aufzubauen, die von Guernica bis London bombten und die Offensiven der Wehrmacht von oben absicherten. Die Handlung des Stücks setzt am Wendepunkt des Zweiten Weltkriegs ein. Im November 1941 verteidigt die Rote Armee erfolgreich Moskau, und der Kriegseintritt der USA steht unmittelbar bevor. Harras ist für die Materialbeschaffung der Luftwaffe verantwortlich und steht vor dem Problem, dass die neuen Flugzeuge aus ungeklärten Gründen abstürzen. Nun rächt es sich, dass er aus seiner Verachtung für die Nazis nie ein Geheimnis gemacht hat und im Vertrauen auf seine professionellen Fähigkeiten die Machthaber mit immer neuen Witzen provoziert hat. Wer Maschinen liefert, die vom Himmel fallen, ist keineswegs mehr unentbehrlich.

Harras wird inhaftiert und verhört. Dann bekommt er zehn Tage Zeit, die Ursache der Abstürze herauszufinden. Im Verlauf dieser Vorgänge begreift er, dass keineswegs er es ist, der virtuos mit dem Regime spielt und es für seinen Zweck nutzt, als berühmter Held eine neue Luftwaffe zum Spielzeug zu haben. Man ließ ihm umgekehrt seine kleinen Freiheiten, weil er nützlich war, den Krieg vorzubereiten und zu führen. Wenige Stunden vor Ablauf der Frist gesteht Oderbruch, Harras’ Ingenieur, dass er mit einigen Vertrauten die Produktion sabotiert, damit Deutschland den Krieg verliert. Harras verrät ihn nicht, sondern startet mit einem der unzuverlässigen Flieger und stürzt ab. Das Schlusswort hat ein als besonders widerwärtig gezeichneter Vertreter des Propagandaministeriums: Die Angelegenheit sei »reibungslos abgewickelt«, ein Staatsbegräbnis sei vorzubereiten.

Zur politischen Irritation später, zuerst zur ästhetischen. Ist das ein gutes Stück? Genaueste Anweisungen gibt Carl Zuckmayer nicht nur fürs Bühnenbild, sondern sogar fürs Aussehen der Figuren. Dr. Schmitz-Lausitz, der Propagandawiderling, kommt trivialliterarisch daher, »schmalstirnig, mit blitzenden Brillengläsern und unsichtbaren, eng zusammenstehenden Augen dahinter, schütteren blonden Haaren in ›vorschriftsmäßigem‹ Schnitt, verkniffenen Lippen, krampfhaft straffer Haltung«. Der Autor scheint der eigenen Fabel und den eigenen Sätzen nicht zu vertrauen, wenn er beschreibt, statt handelnde Menschen zu zeigen. Aber gibt es in »Des Teufels General« überhaupt Handlung in diesem Sinne? Was sich im Apparat des Regimes tut, um Harras zu vernichten, kommt ebensowenig auf die Bühne wie Harras’ Versuche, sich dem zu entziehen. Statt dessen – wird geredet.

Gute Stücke?

Allein der erste der drei Akte, der die Grundlagen des Konflikts entwickeln müsste, füllt etwa 65 Druckseiten und bringt zwar einige Informationen, doch vor allem ein Gewimmel von Nebenfiguren, eine folgenlose Abhöraktion der Gestapo und den Beginn der letzten großen Liebe von Harras, die freilich in den Folgeakten fast schon wieder vergessen ist. Im zweiten Akt fällt einer fanatischen jungen Faschistin der Beweis dafür in die Hände, dass Harras heimlich Juden geholfen hat. Das allein stört sie nicht. Sie verehrt den selbstbewusst auftretenden Helden und will ihn dazu erpressen, gemeinsam mit ihr zum führenden Pärchen im Dritten Reich aufzusteigen. Als er ablehnt, kündigt sie an, ihn zu vernichten. Auch das bleibt folgenlos, denn andere und größere Mächte haben ohnehin bereits den Tod von Harras beschlossen. All das ist angereichert mit umfänglichen Gesprächen über das Leben insgesamt, über Moral und Gott und übers Gebet, als würden Wehrmachtsgenerale in Todesgefahr ihr christliches Ethos entdecken.

Es wird sehr ausführlich geredet und desto weniger getan – das gilt auch für andere Stücke Zuckmayers. Ein dramatischer Anfänger, müsste man nach dem Voranstehenden denken, bekäme sein Manuskript von der Theaterleitung zurück mit bedauernd-ermutigenden Worten, es gäbe doch auch andere schöne Berufe als ausgerechnet den des Dichters. Warum also dennoch der Erfolg?

Wenn zwar das Drama – im Sinne eines in sich geschlossenen, zielgerichteten Verlaufs – so ziemlich misslingt, so gelingen Zuckmayer doch einzelne Szenen. Im einzelnen gibt es gut gebaute Konfrontationen der Figuren und ihrer Haltungen. Die Sätze sind gut sprechbar. Zuckmayer kann erprobte Tricks zielgerichtet einsetzen: etwa dass das Publikum etwas weiß, was wichtige Figuren nicht wissen, woraus Spannung und emotionale Beteiligung entstehen; oder jähe Umschläge von Heiterkeit zum Schrecken, von schnoddrigem Ton zum Pathos.

Vor allem schreibt Zuckmayer in den besseren seiner Stücke attraktive Rollen. Die des Generals Harras gehört dazu. Ein Gespräch zwischen Kellnern bereitet seinen ersten Auftritt vor: ein Kriegsheld, der zu feiern versteht. Harras enttäuscht die Erwartungen nicht. Es geht hoch her, ein Bonmot folgt aufs andere, und besonders gerne blamiert der General die Gefolgsleute des Regimes. Zwischendurch singt und säuft er, trifft und erobert die neue Liebe seines Lebens, erneuert Freundschaften, bereitet nebenbei die Rettung eines Juden ins Ausland vor und redet einem jungen Fliegerleutnant ins Gewissen, der sich fanatisch an der Naziideologie festklammert, weil er in seinem noch kurzen Leben nichts anderes kennengelernt hat.

Zuckmayer exponiert eine Heldenfigur, und es lassen sich Gründe dafür anführen, dass er sie nach und nach demontiert. Harras sieht die Gefahr, in der er sich befindet – doch angesichts einer diffusen Bedrohung fehlt dem Weltkriegshelden der Impuls zum Kampf. Im Gespräch mit seiner neuen Geliebten, einer Schauspielerin, kommen die beiden nicht zufällig auf Georg Büchners »Dantons Tod«: Auch der französische Revolutionär redet sich ein, politisch unentbehrlich zu sein. »Sie werde es nicht wagen«, meint er noch, als die Guillotine schon für ihn bereitsteht.

Wie bei Büchner fällt bei Zuckmayer das eigentliche Drama aus. Statt Aktion und Gegenaktion sieht man auf der Bühne einen allmählichen Erkenntnisprozess der Hauptfigur. Harras’ Selbstanalyse führt ihn darauf, dass er seine fachliche Kompetenz den falschen Leuten zur Verfügung gestellt hat. Seine Ausreden, was er an Gutem bewirkt hat, begreift er allmählich als Ausreden. Er hat Menschen in Gefahr gerettet? »Jeder hat seinen Gewissensjuden, oder mehrere, damit er nachts schlafen kann. Aber damit kauft man sich nicht frei. Das ist Selbstbetrug. An dem, was den tausend anderen geschieht, die wir nicht kennen und denen wir nicht helfen, sind wir deshalb doch schuldig.«

Als es darauf ankommt, unternimmt Harras, der selbstbewusste General: nichts. Sein moralisch untadliger Todesflug hat nur zum Ergebnis, dass die Nazis noch seine Leiche per Staatsbegräbnis in ihrem Interesse benutzen können. Die Widerlegung des Helden scheint gründlich – aber kann sie wirken? Das Problem besteht darin, dass nicht nur alles Geschehen, sondern auch alle Gedanken aller anderen Figuren auf den berühmten Flieger fixiert sind. Und die Szenen geben dem recht: In Fröhlichkeit wie im Zweifel, im Saufen und im Gespräch, stets dominiert Harras. Allzu leicht wird er zur Identifikationsfigur für das Nachkriegspublikum. Man hat ja mitgemacht, etwas unüberlegt möglicherweise, aber aus verständlichen Gründen; und man hat dafür bezahlt, wenn zwar nicht wie Harras mit dem Tod, so doch dadurch, dass man nun inmitten der Trümmer sitzt. War man nicht irgendwie doch, wie zuletzt der verhinderte Kriegsheld, auf der richtigen Seite?

Es gibt politisch kluge Sätze in dem Stück. Der Industrielle v. Mohrungen, der die Lieferung der schadhaften Flugzeuge verantwortet, gesteht ein, dass es ein Fehler war, Hitler als Agenten des Kapitals zu finanzieren, denn das Instrument hat sich selbstständig gemacht. Zum Widerstand gehören neben dem Ingenieur Oderbruch nicht nur zwei Arbeiter, einer Sozialdemokrat und einer Kommunist. Auch Harras’ Chauffeur neigt zu den Kommunisten, und die skeptische Ablehnung seines Chefs hat Zuckmayer erst in einer Überarbeitung des Stücks 1963 eingefügt. Doch all das wird szenisch wenig wirksam. Alles wird von dem bitteren Schicksal des zu spät klugen Mitläufers dominiert, der doch nur dem Hitler seine Luftwaffe organisiert hat. Und wo er seine Fehler überdenkt, geht es durchgehend um Moral, die ja stets ein Mittel ist, um über Politik nicht reden zu müssen.

Vitalität

Das Stück ebnete dem Emigranten Zuckmayer den Weg zurück auf die deutschsprachigen Bühnen. Das war keine Selbstverständlichkeit. Dass die noch reichlich vorhandenen Nazis jede Sabotage an der Kriegführung als Verrat am Volk werteten, war selbstverständlich. Doch auch aus anderen Gründen wurde »Des Teufels General« kritisiert. Zuckmayer schreibt in seiner Autobiographie »Als wär’s ein Stück von mir« über die Gründe des zeitweiligen Verbots, die US-Kontrollbehörden hätten das Aufkommen einer »Generals- und Offizierslegende« befürchtet. Bei der deutschen Erstaufführung in Frankfurt a. M. seien etliche misstrauische Besatzungsoffiziere anwesend gewesen. Doch die deutschen Zuschauer hätten »sich selbst im Spiegel ihrer Zeit« erkannt. Das »Herz der Jugend schien aufgerissen«, und ein junger Wehrmachtsoffizier habe ihm zugerufen, dass die meisten von ihnen schon lange keine Nazis mehr gewesen seien. Nur habe ihnen eben ein Harras gefehlt, den rechten Weg zu weisen.

Da beginnt schon der Mythos von der sauber gebliebenen Wehrmacht, der die bundesrepublikanische Geschichtsschreibung über Jahrzehnte bestimmen sollte. Gerade von einem Emigranten hörte man das gern. Dabei allerdings ist hervorzuheben, dass Zuckmayer überhaupt erst ins Exil gehen musste. 1933 flüchtete er nach Österreich, 1938 entkam er knapp zunächst in die Schweiz, dann über Umwege ins US-Exil. Wodurch aber hatte sich Zuckmayer, weder Jude noch Kommunist, überhaupt die Feindschaft der Faschisten zugezogen? Er war ordensdekorierter Soldat aus dem Ersten Weltkrieg, seine frühen, expressionistischen Theaterstücke fanden nur begrenzt Beachtung, noch weniger 1919 ein Gedicht zum Spartakus-Aufstand. Zu Konflikten führte vielmehr sein erster großer Theatererfolg, das 1925 uraufgeführte Lustspiel »Der fröhliche Weinberg«. Und die jeden politischen Gedanken beiseite schiebende Vitalität Harras’ ist nicht so sehr weit entfernt von dem Vitalismus, der den Erfolg und die Provokation des »Weinbergs« ausmacht.

Jean Baptiste Gunderloch, verwitweter Besitzer des titelgebenden Weinbergs, will sich aufs Altenteil zurückziehen, seinen Boden verkaufen und seine Tochter Klärchen verheiraten. Der Bräutigam muss allerdings eine in moralisierenden Zeiten, in der ein uneheliches Kind als Schande galt, irritierende Bedingung erfüllen, um die Einwilligung des Vaters und das Erbe zu erhalten: Er muss zuvor mit Klärchen ein Kind zeugen. Der Corpsstudent Knuzius gilt als der Auserwählte, jedenfalls des Vaters. Genreüblich will die Tochter anders, in diesem Fall einen armen Schiffer. Nach einigen Verwirrungen siegt die wahre Liebe, Klärchen und Jochen werden ein Paar. Gunderloch aber, der sich als kräftiger denn die meisten jüngeren Männer erwiesen hat, findet auch noch eine Partnerin, verkauft nicht und arbeitet weiter.

Zuckmayer erfüllt die Grundbedingungen des Genres Volksstück: ein Liebeskonflikt, wenige und durchschaubare Intrigen, ein paar Lieder zwischendurch und der glückliche Ausgang, also die vorhersehbare Heirat. Der Verlauf ist auf einen Ort und weniger als einen Tag konzentriert, doch dramatisch nicht allzu streng gefasst: Allerlei Abschweifungen, Witze und lustige Nebenfiguren unterhalten auch ein von einem Arbeitstag ermüdetes Publikum. Die Sprache ist ein unbestimmter Dialekt: Zuckmayer bildet nicht die Klänge seiner rheinischen Heimat nach, sondern verwendet über weite Strecken etablierte Signale. Wenn es »nit« statt »nicht« heißt, weiß das Publikum: Hier spricht ländliches Volk. Und doch bleibt das Stück im ganzen deutschen Sprachraum verständlich.

Doch differenziert Zuckmayer sozial: Die jüdischen Kaufinteressenten für den Weinberg mischen jiddische Wendungen in ihren Dialekt, der deutschnationale Studienassessor Bruchmüller wie auch der falsche Heiratskandidat Knuzius reden Hochsprache. Das Volk ist zerspalten, und das zeigt sich in vielen Nebenkonflikten. So karikiert Zuckmayer den Antisemitismus der Deutschnationalen. Knuzius erscheint zudem als wenig potenter Unsympath, der seinen Rausch auf dem Misthaufen ausschläft, auf den er gehört. Gründe genug also für die nationale Rechte, das Stück zu hassen, zumal außerdem noch drei Kriegsveteranen (Chinajockel, Stopski, Ulaneschorsch) auftreten, die von ihrem entsetzlichen Gesang nur ablassen, wenn man ihnen ausreichend Alkohol vorsetzt.

Und gesoffen wird viel in diesem Stück (in den meisten Dramen Zuckmayers überhaupt, nicht nur Harras ist ein ausdauernder Trinker). Das Volk in diesem Volksstück will das Leben genießen. Dazu gehört der Wein; dazu gehört die Forderung Gunderlochs an den künftigen Schwiegersohn, dass der nicht auf den qua Heirat legalisierten Geschlechtsverkehr wartet, sondern sich vorab holt, was er will. Also protestierten neben den studentischen Korporationen und der nationalen Rechten allgemein auch die Kirche und die pfälzischen Winzer, die sich so nicht auf die Bühne gebracht wissen wollten. Das alles war beste Reklame für das Stück, das Bedürfnisse des Publikums erfüllte, bereits 1927 zum ersten Mal verfilmt wurde und seinen Autor zum wohlhabenden Mann machte.

Wahrscheinlich waren die Zuschauer klüger als die Protestler, die immer wieder versuchten, den Abbruch von Vorstellungen zu erzwingen. Wenn Zuckmayer die Sinnesfreude des Volkes auf die Bühne brachte, im abendlichen Saufen und den folgenden nächtlichen erotischen Stelldicheins, so nicht, um dieses Volk zu denunzieren, sondern um es zu loben. Wenn Gunderloch sich einen potenten Kerl als Nachfolger wünscht, wie er zuletzt selber noch einer ist, dann ist der Autor ganz auf seiner Seite. Und lässt man den erbgierigen Knuzius als Eindringling von außen beiseite, so bevölkert den fröhlichen Weinberg durchaus eine Volksgemeinschaft. In ganz anderem Sinne freilich als nach 1933 erzwungen – auch die jüdischen Händler haben darin ihren durchaus prekären Platz, ökonomisch sogar über den nach Alkohol gierenden Veteranen, die indessen gewohnheitsmäßig beim Saufen freigehalten werden. Die Gewalttaten der Nazizeit zeichnen sich in diesem Stück aus der kurzen Stabilitätsphase der Weimarer Republik wohl nur aus heutiger Sicht ab, wenn man den weiteren Verlauf kennt.

Heimat und Freundschaft

Als »fröhlich« war dieser Weinberg gekennzeichnet – ein trotz aller Konflikte glückhaftes Bild von der Welt zeichnet auch die bereits genannte Autobiographie »Als wär’s ein Stück von mir« aus. Das 1966 erschienene Buch ist der einzige große Erfolg Zuckmayers aus den drei Jahrzehnten, die er nach der Premiere von »Des Teufels General« noch lebte. Die Millionenauflage im Westen ist erklärungsbedürftig und kann erklärt werden.

Der sehr umfangreiche Text beleuchtet in raffinierter zeitlicher Verschachtelung Lebensstationen von der Mainzer Jugend über den Ersten Weltkrieg, die Überlebensversuche und die großen Erfolge in der Zwischenkriegszeit, die verschiedenen Stationen des Exils bis hin zu der Rückkehr nach Europa. Die fast zwanzig Jahre, die seit 1948 verstrichen waren, skizziert Zuckmayer nur sehr knapp.

Dass er nicht der Chronologie folgt, hat durchaus eine Funktion. Es geht Zuckmayer darum, Leitmotive seines Lebens herauszustellen. Wichtig sind vor allem deren zwei. Das eine ist die Heimat: bei aller Liebe zur rheinischen Gegend nicht im Sinne einer Volkstümelei, sondern im fröhlichen Bemühen darum, sich behaglich einzurichten. Der erste Hauptteil ist auf das Bauernhaus im österreichischen Henndorf konzentriert, das sich Zuckmayer nach dem Erfolg des »Fröhlichen Weinberg« kaufte, das 1933 zum Hauptwohnsitz wurde und das er 1938 verlassen musste. Lange Passagen sind der Farm in Vermont gewidmet, die er im US-Exil aus einem verfallenen Gemäuer hochwirtschaftete. Der Epilog ist nach so vielen verlorenen Heimstätten dem Ankommen gewidmet, dem letzten Wohnort in der Schweiz.

Die Passagen, die all diesen Heimaten gewidmet sind, zeigen eine Stärke des Erzählers Zuckmayer, der gegenüber dem Theaterautor Zuckmayer im Hintergrund blieb: die anschauliche Schilderung von Einzelheiten. Die Städte sind dabei Schauplätze von Handlungen, im ländlichen Raum sind es vor allem die Dinge, die in sinnlicher Plastizität hervortreten. Erkennbar hat dieser Schriftsteller eine Vorliebe fürs Konkrete. Das mag auch die Schwäche und die Stärke seiner Theaterstücke erklären: dass die bühnenwirksamen Figuren eine weniger überzeugende Handlung tragen müssen und in den besten Fällen auch können.

Wahrscheinlich liebte Zuckmayer seine Figuren so wie die Menschen. Der Titel der Autobiographie spielt auf ein Kriegslied an, das mit den Versen beginnt: »Ich hatt’ einen Kameraden / Einen bessern findst du nit«. Der Kamerad fällt, und der Sänger fühlt den Verlust, »als wär’s ein Stück von mir«. Zuckmayer beschreibt die Menschen, die er traf. Mit sehr wenigen Ausnahmen beschreibt er sie mit viel Sympathie und so, dass sogar noch ihre Schwächen zu ihrem Vorteil ausschlagen: Es sind dann widerborstige Charaktere, die man zu nehmen lernen muss, und die das Ich der Autobiographie tatsächlich zu nehmen lernt. Das gilt für Berühmtheiten des kulturellen Lebens. Es gilt aber auch für unbekannte Personen wie einen Soldaten im Ersten Weltkrieg, der den intellektuellen Kriegsfreiwilligen zuerst schikaniert. Erst als der körperlich hoffnungslos unterlegene Zuckmayer auf den Koloss in blinder Wut einschlägt, ändert der sein Verhalten und wird zum fürsorglichen Kameraden.

Persönliche Bindungen immer und allerorten. Zuckmayer findet – in allen Klassen – derart viele engste Freunde fürs Leben, dass man böse fragen könnte, wieviel Zeit und Mühe er denn für den einzelnen aufwenden konnte. Was aber im einzelnen verklärt sein dürfte, ist im Grundgestus wahr: Dieser Dichter tritt grundsätzlich allem, was ist, mit Zuneigung entgegen. Das macht sicherlich seinen Erfolg aus – vor allem bei jenen, die den Reiz des Besonderen schätzen, solange sie nur nicht mit Zusammenhängen behelligt werden.

Besonderes statt Allgemeines

Zwei Texte lassen sich gegen diese Behauptung anführen. Der eine ist im engeren Sinne kein Werk und war nie für die Öffentlichkeit bestimmt. Der US-Geheimdienst OSS beauftragte Zuckmayer 1943, Einschätzungen von Personen des deutschen Kulturlebens hinsichtlich ihrer politischen Brauchbarkeit nach der Befreiung anzufertigen. Damals machte man sich noch, während man bombte, Gedanken über die Nachkriegszeit. Zuckmayer gruppierte die Personen in vier Gruppen: positiv, negativ, Sonderfälle – nicht ohne weiteres einzuordnen, Indifferente. Die 2002 unter dem Titel »Geheimreport« publizierten Berichte zeigen bissigere Charakterisierungen als die Autobiographie. Im Einklang sowohl mit den eigenen Absichten als auch mit denen seiner Auftraggeber suchte Zuckmayer auch im konservativen Spektrum nach Verbündeten. Das ist aber keine Versöhnung. Der »Geheimreport« ist nicht nur besser geschrieben als die offiziellen Erinnerungen, sondern zeigt ein schärferes politisches Denken.

Berühmt wurde das 1931 uraufgeführte Stück »Der Hauptmann von Köpenick«, im Untertitel als »deutsches Märchen in drei Akten« bezeichnet. Im Gegensatz zum auftrumpfenden Harras tritt die Titelfigur meist zurückhaltend auf. Der Schuster Wilhelm Voigt muss im wilhelminischen Kaiserreich nach einer Gefängnisstrafe eine Arbeit vorweisen, um eine Aufenthaltsgenehmigung zu bekommen, erhält aber ohne Aufenthaltsgenehmigung auch keine Arbeit. Ein Pass, um im Ausland Geld verdienen zu können, kommt für ein solches Subjekt natürlich auch nicht infrage. Preußentum und Militarismus sind Trumpf. Also besorgt sich Voigt eine Hauptmannsuniform und dringt mit einer zusammenkommandierten Mannschaft ins Rathaus von Köpenick ein. Von den erschrockenen Zivilisten erbeutet er zwar Geld, aber nicht das ersehnte Passformular. Am Ende stellt er sich der Polizei, mit Aussicht auf eine erneute Haftstrafe.

Der Verlauf ist viel breiter ausgemalt als diese Zusammenfassung auch nur andeuten kann. Anhand des realen Vorfalls von 1906 gibt Zuckmayer in 21 Szenen ein breites Panorama der militarisierten preußischen Gesellschaft kurz vor dem Ersten Weltkrieg. Dramatische Zuspitzung fehlt also auch hier, doch sieht man den Versuch einer epischen Totalität. Wirkte das ein Vierteljahrhundert später noch aktuell? Dafür spricht, dass der Nazi Joseph Goebbels meinte, in seiner Uraufführungskritik das Preußentum gegen den »Asphaltschreiber« Zuckmayer verteidigen zu müssen. Doch wirkten nach der Zuspitzung im Ersten Weltkrieg Uniformprotz und Offiziersehre beinahe schon ein wenig nostalgisch. Auch wirkt der Schuster durchgehend als freundlicher Mensch, der stets das Beste will und sich schließlich, nach begangener Tat, brav der Polizei stellt.

Die Gesellschaftskritik des Erfolgsstücks wird verträglich dadurch, dass die Hauptfigur nur an wenigen Stellen gesellschaftliche Zusammenhänge erahnt und das Drama nirgends über diese Perspektive hinausgeht. »Der Hauptmann von Köpenick« ist menschenzugewandt wie das Werk Zuckmayers überhaupt und sympathisch dadurch, dass das vital Dröhnende eines Harras oder Gunderloch hier fehlt. Das Stück zielt auf eine Humanisierung des Miteinanders, bleibt aber bei Oberflächenerscheinungen, wo es um die Gründe des Inhumanen geht.

Das ist Stärke wie Schwäche zugleich. Wenn man nicht gerade Goebbels heißt oder dessen Anhänger ist, geht die Botschaft leicht ein. Wer abends im Theater über die Köpenickiade gelacht hat, mag am nächsten Vormittag im Büro wenigstens auf die überflüssigen Grausamkeiten verzichten. Aber gerade Zuckmayers Liebe für alles Besondere verhindert die nötige Erkenntnis des Allgemeinen: den Erfolg, den der Coup des unschuldigen falschen Hauptmanns in einer militaristischen Gesellschaft hatte, als Vorstufe zur Schuld des echten Generals drei Jahrzehnte später zu begreifen und auf gründliche Abhilfe zu zielen.

Kai Köhler schrieb an dieser Stelle zuletzt am 16. Dezember über Stefan Heym.

Zeitung gegen Profitlogik

Die junge Welt ist die einzige parteiunabhängige Tageszeitung, die zeit ihres Bestehens gegen Krieg und Faschismus angeschrieben hat. Wenn wir nun unseren 75. Geburtstag feiern, dann möchten wir das zusammen mit unseren Leserinnen und Lesern tun.

Um dieses Jubiläum entsprechend zu würdigen, hat die junge Welt die 75er-Aktion gestartet. Schenken Sie sich, Ihren Lieben und der jW 75 Ausgaben für 75 Euro. Danach endet das Abo automatisch und muss nicht abbestellt werden.

  • Leserbrief von Bernhard May aus Solingen (14. Januar 2022 um 17:41 Uhr)
    Ein interessanter Artikel über Carl Zuckmayer! »Klänge seiner rheinischen Heimat« sind allerdings in solche aus seiner rheinhessischen Heimat zu korrigierne. »Rheinisch« bezeichnet topographisch, historisch, kulturell und weinbautechnisch die etwas rheinabwärts gelegene, vormals preußische Rheinprovinz, deren Südteil zwar ebenfalls zum heutigen Rheinland-Pfalz, deren Nordteil hingegen zu den nordrhein-westfälischen Regierungsbezirken Düsseldorf und Köln zählt (wobei der Weinbau ziemlich genau mit der heutigen Ländergrenze, die der britisch-französischen Demarkationslinie entspricht, aufhört). Ähnliches gilt für »Zuckmayers Liebe zur rheinischen Gegend«, die sich freilich auf den gesamten Mittelrhein mit bezogen haben mag: Hat er doch den Begriff der »Völkermühle« geprägt, die sich gerade durch »ethnische« Vermischungen gleichsam genetisch verbessert habe. Just »Des Teufels General« Harras versucht damit seinen jüngeren »Kameraden« Eilers aus einem moralischen Durchhänger aufzurichten, indem er dessen rheinische Herkunft zum Aufhänger nimmt, aus der hohlen Hand eine fiktive Ahnenreihe zu entwerfen, in der ein hängengebliebener altrömischer Legionär nicht fehlt: alles in Zuckmayers wie stets farbenkräftiger Sprache und mit der Pointe: »Das sind 2.000 Jahre Volk und Heimat – und ganz ohne Propaganda.« Mag Zuckmayer »weder Jude noch Kommunist« gewesen sein, so erwähnt er in »Als wär's ein Stück von mir« den entsprechenden Stempel in seinem Pass, der ihn nach Naziklassifikation wohl als einen »Vierteljuden« oder so auswies – was weder in der »Völkermühle« noch in Rheinhessen überrascht: Im Mainz der 1920er Jahre bildeten jüdische Menschen die zweitgrößte Religionsgemeinschaft nach den Katholiken und vor der evangelischen Diaspora; und das zwischen zwei Bahnstationen südlich von Nackenheim gelegene Oppenheim wurde namensgebend für nicht wenige jüdische Familien, als diese vor und nach 1800 mit den Bürgerrechten auch die Pflicht zur Führung von Familiennamen erhielten. Packend fand ich Zuckmayers persönliche Köpenickiade auf seiner Ausreise: Bei einer Kontrolle in Innsbruck gibt er an, er könne nicht Mitglied der »Reichsschrifttumskammer« oder »Parteigenosse« der NSDAP sein, weil er ein verbotener Schriftsteller sei – und erhält ein Lob für »deutsche Ehrlichkeit«. Für seine Dekorationen aus dem Ersten Weltkrieg wird er dort noch von ad hoc zusammengetrommelter SA und SS »geehrt«. Er kann seine Reise via Vorarlberg und Liechtenstein – nebenbei gleichfalls nicht »rheinisch« zu nennende Rhein-Anrainer wie etwa auch Baden, das Elsass und diverse Schweizer Kantone – fortsetzen, bis er in Buchs im Kanton St. Gallen den neutralen Boden der freien Welt erreicht, wo »freundliche« Gutturallaute« seinen Waggon erfüllen.

Ähnliche:

  • Vormarsch deutscher Soldaten im Sommer 1941 (links). Kolchosbaue...
    22.06.2021

    Der Überfall

    »Barbarossa«, 22. Juni 1941: Das unlösbare Problem der deutschen Weltherrschaftskrieger
  • Wladimir Putin: »Gerade das Münchner Abkommen diente als Auslöse...
    25.06.2020

    Der blinde Fleck

    Westliche Medien und Politiker schreiben der Sowjetunion eine Schuld an der Entfesselung des Zweiten Weltkriegs zu. Über das verheerende Signal des Münchner Abkommens schweigen sie
  • Die Wehrmacht im Juni 1940 in Compiègne: Wo 1918 Frankreich dem ...
    22.06.2015

    Waffenstillstand im Waggon

    Nach dem Blitzkrieg gegen Frankreich inszenierte Hitler am 22. Juni 1940 die Kapitulation des Nachbarlandes