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Aus: Ausgabe vom 27.12.2021, Seite 15 / Politisches Buch
Geschichte der Arbeiterbewegung

Ausgetretener Pfad

Überarbeitete Ausgabe von Hartfrid Krauses Geschichte der USPD bietet neue Perspektiven, überzeugt aber nicht vollends
Von Leo Schwarz
USPD-Vorstand Kopie.jpg
Führende Mitglieder der USPD am Rande des Leipziger Parteitages im Herbst 1919

Historische Forschung unterliegt sachfremden Konjunkturen, die darüber entscheiden, ob Forschung überhaupt stattfindet bzw. ob ihre Ergebnisse mit Wohlwollen zur Kenntnis genommen oder mit Nichtachtung gestraft werden. Ein Gegenstand, an dem man diesen für die historische Zunft etwas peinlichen Mechanismus studieren kann, ist die Literatur über die Unabhängige Sozialdemokratische Partei Deutschlands (USPD).

Nach Eugen Pragers noch aus der Perspektive des Akteurs (Prager war Redakteur beim USPD-Blatt Freiheit) geschriebener Überblicksdarstellung von 1921 beschäftigte sich ein halbes Jahrhundert lang niemand mit der von der sozialdemokratischen Hausgeschichtsschreibung verfemten Partei – abgesehen von Forschern in der DDR, deren Studien insbesondere zur Entwicklung des linken USPD-Flügels seit den 1960er Jahren zwar für Überblicksdarstellungen »ausgewertet«, aber nicht publiziert wurden. Dieter Engelmann und Horst Naumann stellten 1985 ein Manuskript zur Geschichte der USPD fertig, konnten es aber erst 1993 erheblich gekürzt in einem Kleinverlag veröffentlichen – als sich niemand mehr für die Geschichte der Arbeiterbewegung und schon gar nicht für die Veröffentlichungen von »abgewickelten« DDR-Historikern interessierte. So konnten drei »westliche« Gesamtdarstellungen, die 1975 nahezu zeitgleich – es war die Hochphase der »dritten Wege« zwischen »Sozialdemokratie und Kommunismus« – herauskamen, den Ruf erwerben, sich erstmals und bis heute autoritativ mit der USPD befasst zu haben.

Hartfrid Krauses Arbeit von 1975 ist nun – erheblich überarbeitet und ergänzt – erneut vorgelegt worden. Das Buch bietet im Vergleich mit der bisherigen Literatur ein paar zusätzliche Informationen und Perspektiven. Wertvoll ist insbesondere die erstmalige und sehr übersichtliche Auswertung der seit den 1970er Jahren vorlegten Lokal- und Regionalstudien zur USPD. Insbesondere dadurch wird die in diesem Fall große Gefahr vermieden, eine auf die Entwicklungen in Hochburgen wie Berlin und den Raum Leipzig-Halle konzentrierte Geschichte der Partei zu liefern, die ansonsten nur noch die zentralen Parteitage und Konferenzen in den Blick nimmt.

Verdienstvoll ist in diesem Zusammenhang auch die recht detaillierte Auswertung der USPD-Ergebnisse in allen 35 Reichstagswahlkreisen bis zum Jahr 1924. Zu begrüßen, aber wohl nur für Spezialisten interessant ist die erstmalige ausführliche Behandlung der Geschichte der kleinen Rest-USPD nach 1922. Bei Krause heißt die von Karl Liebknechts Bruder Theodor geführte Truppe nur »USPD«, weil sie seiner Ansicht nach mit der Partei der Jahre 1917 bis 1922 nicht »vergleichbar« ist. Das mag nicht einmal falsch sein; insgesamt gehört dieses Kapitel aber zu den handwerklich schwächeren des Buches. Interessant ist hier vor allem das im Anhang faksimiliert abgedruckte, nur noch in ganz wenigen Bibliotheken vorhandene Protokoll des letzten USPD-Parteitages im Januar 1926.

Die bei Kolloquien und in Aufsätzen immer mal wieder eingeforderte neue, wirklich aus den Quellen gearbeitete schlüssige Gesamtgeschichte der USPD ist Krauses Arbeit nicht. Das bei ihm zwar eher moderierte, aber durchweg spürbare Bemühen, den historischen Zentrismus zu rehabilitieren – was etwa bei der Behandlung der entscheidenden Phase der Geschichte der USPD 1919/20 bzw. der Auseinandersetzungen um den Anschluss an die Kommunistische Internationale zu wenig verklausulierten Tadeln nach links und einem durch die historischen Fakten nicht gedeckten Urteil über die Politik der Führungsgruppe des rechten Flügels führt – erzeugt unter dem Strich ein durchaus schiefes Bild, dessen vielleicht fragwürdigster Aspekt das Unverständnis für die autonome Linksentwicklung der USPD-Mitgliedschaft ist, an deren Ende die Entstehung einer kommunistischen Massenpartei in Deutschland stand. Für Krause ist die auf Machinationen »Moskaus« zurückgeführte Verunmöglichung einer zentristischen Massenpartei durch die Spaltung der USPD und der Übergang des linken Mehrheitsflügels zur KPD bzw. zur Komintern Ende 1920 ein Ereignis, dessen »Folgen für die deutsche Arbeiterbewegung katastrophal waren«. Für »eine sozialistische Politik gab es keine Massenbasis mehr«; die Folgen seien »heute noch zu spüren«.

Eine dieser Folgen ist für Krause augenscheinlich die fortgesetzte Sonderexistenz der Parteien Die Linke und SPD. Im Vorwort wirft er die Frage auf, »ob es nicht langfristig politisch notwendig ist, sich zu einer gemeinsamen Partei der abhängig Beschäftigten« zusammenzuraufen, »wie sich auch die USPD 1922 dazu durchgerungen hatte, wieder zur SPD zurückzukehren«. So ist das hierzulande mit den ja unterdessen ziemlich ausgetretenen Pfaden »zwischen Sozialdemokratie und Kommunismus«: Sie führen merkwürdigerweise immer in die SPD.

Hartfrid Krause: Die USPD 1917–1931. Spaltungen und Einheit. Westfälisches Dampfboot, Münster 2021, 640 Seiten, 48 Euro

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