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Aus: Ausgabe vom 27.12.2021, Seite 6 / Ausland
Nachruf

Unbequemer Versöhner

Südafrika: Seine Rolle in der Kirche nutzte Desmond Tutu für einen unnachgiebigen Kampf gegen die Apartheid
Von Christian Selz, Kapstadt
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»Messerscharfe und unverblümte Analysen«: Desmond Tutu während einer Rede in New Orleans am 7. September 1982

Desmond Tutu war bekannt für seinen Schalk, dafür, immer auch lachen zu können. Doch hinter der oft fröhlichen Fassade des südafrikanischen Kirchenmannes und Friedensnobelpreisträgers zeigte sich ein unnachgiebiger Kämpfer für Gerechtigkeit. Jahrzehntelang legte sich Tutu immer wieder mit dem Apartheidregime an. Als die Tyrannei schließlich überwunden war, kritisierte er fast ebenso bissig die Verfehlungen des seitdem in Südafrika regierenden African National Congress (ANC). Oberstes Ziel des Geistlichen, der es nie allen recht machen wollte, war dabei aber stets Versöhnung. Am Sonntag verstarb Desmond Tutu im Alter von 90 Jahren in Kapstadt.

Tutus lebenslanger Drang nach Ausgleich hat seine messerscharfen und unverblümten Analysen nie vernebelt. Nachdem Ronald Reagan 1981 US-Präsident geworden war, charakterisierte Tutu ihn kurz und knapp als »einen Rassisten, pur und einfach«, in dessen Regierung sah er ein »vollkommenes Desaster für uns Schwarze«. Reagan war ein bedeutender Unterstützer des südafrikanischen Apartheidregimes, Tutu wohl der prominenteste Gegner der rassistischen Regierung, den diese weder einkerkern noch ins Exil drängen konnte.

Dabei war ihm der Widerstand keineswegs in die Wiege gelegt worden. Geboren 1931 in Klerksdorp, einem von Bergbau und Landwirtschaft geprägtem Regionalzentrum südwestlich von Johannesburg, wuchs Tutu als Sohn eines Schuldirektors und einer Köchin in einfachen Verhältnissen auf – »nicht wohlhabend, aber auch nicht bettelarm«, wie er es in seiner 2006 erschienenen Biographie selbst beschrieb. Nach der Schule bekam er in Johannesburg die Zusage für einen Medizinstudienplatz, konnte aber die Gebühren nicht aufbringen und wurde schließlich Lehrer. Lange hielt es ihn jedoch nicht in seinem Beruf. Nachdem der Apartheidstaat 1953 den Bantu Education Act eingeführt und schwarze Kinder damit zu rudimentärer Schulbildung und einem späteren Leben als billige Arbeitskräfte verdammt hatte, entschied Tutu sich, anglikanischer Priester zu werden. Noch während des Theologiestudiums in Johannesburg hatte er mit den Protesten gegen die Apartheid aber kaum etwas zu tun, seine Studiengruppe beschrieb er später als »unpolitischen Haufen«. Im Dezember 1960, neun Monate nach dem Massaker von Sharpeville, bei dem Apartheidpolizisten 69 unbewaffnete schwarze Demonstranten erschossen hatten, wurde Tutu an der St. Mary’s Cathedral in Johannesburg zum Priester ernannt.

Eine deutliche Politisierung seines Denkens setzte ein, nachdem er in den späten 60er Jahren bei einer Stelle in Südafrikas Provinz Ostkap zunächst mit der Black-Consciousness-Bewegung in Berührung gekommen war und deren Unterdrückung durch die Polizei hautnah miterlebt hatte. Als Afrikadirektor des Theologischen Bildungsfonds des Internationalen Missionsrats befasste er sich ab 1972 zudem stärker mit den Idealen der Befreiungstheologie. 1978 wurde er als erster Schwarzer Generalsekretär des Südafrikanischen Kirchenrats (South African Council of Churches), 1985 Bischof von Johannesburg und 1986 schließlich Erzbischof von Kapstadt. Seine exponierte Stellung nutzte er, um das Regime frontal anzugreifen. Er erklärte die Apartheid für »unchristlich« und erschütterte so das religiöse Scheinfundament des rassistischen Systems, in dem sich die überzeugten weißen Buren als Auserwählte Gottes verstanden.

Tutu aber beließ es nicht bei religiöser Symbolik. Obwohl er selbst Zeit seines Lebens Anhänger eines gewaltlosen Widerstands blieb, schlug er sich vor Gericht auf die Seite der Mitglieder einer Zelle des bewaffneten Arms von ANC und South African Communist Party (SACP) und erklärte, er könne nachvollziehen, weshalb schwarze Südafrikaner Gewalt anwendeten. Nachdem er 1979 öffentlich Wirtschaftssanktionen gegen Südafrika gefordert hatte, entzog ihm das Regime zeitweise den Pass – ein Ritual, das sich in den Folgejahren nach kritischen Äußerungen Tutus noch mehrmals wiederholte.

Seinen Kampf setzte Tutu auch nach dem Ende der Apartheid fort. Als Vorsitzender der Wahrheits- und Versöhnungskommission, die gleichermaßen Menschenrechtsverbrechen des Regimes als auch der Befreiungsorganisationen aufklären sollte, trat er für Vergebung und Amnestie ein, auch für die brutalsten Apartheidhenker. Seine Vision des demokratischen Südafrikas war und blieb die einer »Regenbogennation«, ein Begriff, den Tutu persönlich prägte.

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