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Aus: Ausgabe vom 23.12.2021, Seite 8 / Inland
Analyse der »Querdenker«-Szene

»Viele von ihnen sehen sich in einem Endkampf«

Bei Protesten gegen Coronamaßnahmen kommt es immer wieder zu antisemitischen Vorfällen. Ein Gespräch mit Damian Ott
Interview: Kristian Stemmler
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Demonstration gegen »Querdenker«-Aufmarsch in Dortmund (25.4.2021)

Ihre Einrichtung sammelt rechte Publikationen ebenso wie antifaschistische Literatur. Sie dokumentieren aber auch rassistische und antisemitische Aktivitäten in den Landkreisen Northeim und Göttingen in Niedersachsen sowie Eichsfeld in Thüringen. Warum haben Sie jetzt vor den Gegnern der Coronamaßnahmen gewarnt?

Vor dem Hintergrund der Pandemie verzeichnen wir eine Zunahme von verschwörungsideologischen Aufmärschen und Aktionen in Südniedersachsen und Eichsfeld. Diese Aktivitäten gehen in der Regel mit antisemitischen und den Nationalsozialismus relativierenden Aussagen einher, die sich auf die staatlichen Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie beziehen.

Können Sie Beispiele nennen?

Auf einer Veranstaltung in Herzberg am Harz wurde der neue Gesundheitsminister Karl Lauterbach mit Adolf Hitler und die Ungeimpften mit den im Nationalsozialismus verfolgten Jüdinnen und Juden gleichgesetzt. Auf dem Göttinger Zentralcampus gab es eine Schmiererei, bei der neben die Aufschrift »2G« ein Hakenkreuz gesetzt, die Regel also mit der Verfolgung bestimmter Gruppen in der Nazizeit verglichen wurde. Das ist eine inakzeptable Verharmlosung der tatsächlichen Verbrechen der Nazis und eine Verhöhnung der Naziopfer.

An vielen Orten gehen »Querdenker« aus bürgerlichen Kreisen gemeinsam mit Neonazis auf die Straße. Beobachten Sie das in Ihrer Region auch?

Ja. Und Antisemitismus ist dabei die zentrale Schnittmenge. Der ist in unterschiedlicher Ausprägung in den verschiedenen Milieus anzutreffen, unter anthroposophischen Impfgegnern genauso wie in der Neonaziszene. Der Antisemitismus artikuliert sich nur jeweils anders. In gesellschaftlichen Krisensituationen wie der jetzigen Pandemie finden die Milieus zueinander. Viele der sogenannten Coronarebellen sehen sich in einem Endkampf gegen globalisierte Eliten und bedienen damit antisemitische Codes.

Was wissen Sie über die Mobilisierung zu den Demonstrationen?

Die verläuft in der Region und wohl auch bundesweit mittlerweile über Chats im Messengerdienst Telegram. Das ist eine Neuerung gegenüber den Coronaprotesten im vergangenen Jahr. Es wurden zentrale Telegram-Chats aufgebaut, in denen für das jeweilige Bundesland fast alle Veranstaltungen vorab aufgelistet und die Aktionen und Aufmärsche hinterher auch dokumentiert werden, um sich der eigenen Selbstwirksamkeit zu versichern.

Nun gibt es berechtigte Kritik an der Coronapolitik der Bundesregierung. Lässt sich sagen, wie groß die Beteiligung rechter Kreise an den Protesten ist?

Das ist eine schwierige Frage. Es ist noch unklar, wer hinter den lokalen Initiativen steckt, etwa hinter dem Chat »Freies Niedersachsen«. Für Sachsen lässt sich das besser beantworten, weil dort einschlägige Akteure regelmäßig in Erscheinung treten. Hier in Südniedersachsen/Nordthüringen ist man da noch ein bisschen hinterher. Es ist aber wohl nicht so, dass die klassische Neonaziszene hier vor Ort das Mobilisierungsgeschehen dominiert.

Im nordthüringischen Fretterode ist der Neonazikader Thorsten Heise ansässig, eine führende Figur in der Kameradschaftsszene. Spielen Heise und Co. eine Rolle bei den Coronaprotesten der Region?

Erstaunlicherweise tritt das Kameradschaftsmilieu in der Region seit Beginn der Pandemie eigentlich nicht durch größere Aktionen in Erscheinung. Im Landkreis Eichsfeld etwa kommen entsprechende Aktionen eher aus dem »Reichsbürger«-Milieu. Auch in Südniedersachsen ist von den Kameradschaften nicht viel zu sehen.

Sie haben auf die Bedrohung von Journalisten bei »Querdenker«-Aufmärschen aufmerksam gemacht. Wie beurteilen Sie das Gefahrenpotential der Bewegung?

An den bekannten Angriffen auf Fotojournalisten wird die Gefahr deutlich. Für viele ist die Pandemie nur ein Anlass, um gegen ein als Diktatur verstandenes System vorzugehen. Die Journalisten werden als Vertreter dieses Systems gesehen und so zur Zielscheibe. Das ist ein Alarmzeichen.

Damian Ott ist Mitarbeiter im Antifaschistischen Bildungszentrum und Archiv Göttingen

Zeitung für Internationale Solidarität

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