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Aus: Ausgabe vom 23.12.2021, Seite 5 / Inland
Austerität in der Klimakatastrophe

Eine spezielle Mischung

Jahresrückblick 2021. Heute: Deutsche Klimapolitik. Ziele nicht ausreichend, Beruhigung gelang nur annähernd
Von Wolfgang Pomrehn
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Fortsetzung folgt: Klimastreik im September in München

Auch 2021 hat die Klimakrise keine Pause gemacht. Die atmosphärische Konzentration des wichtigsten von Menschen verursachten Treibhausgases, des Kohlendioxids, hat weiter zugenommen. Rechnet man die jahreszeitlichen Schwankungen heraus, beträgt die Zunahme von November 2020 bis November 2021 rund zwei Millionstel Volumenanteile, wie auf Hawaii gemessene Daten zeigen. Das ist etwas weniger als der Durchschnitt des vorherigen Jahrzehnts, aber immer noch viel zu viel.

Auch der mittlere globale Meeresspiegel steigt weiter. Seit Anfang der 1990er Jahre wird er von den Satelliten der US-Raumfahrtbehörde NASA gemessen und ist in dieser Zeit um rund acht Zentimeter angestiegen, wobei sich der Trend beschleunigt. Im ersten Jahrzehnt der Satellitenbeobachtungen, zwischen 1993 und 2002, lag er bei 2,1 Millimeter pro Jahr, dann bei 2,9 und in den vergangenen acht Jahren 2013 bis 2021 bereits bei 4,4 Millimeter pro Jahr. Allerdings sind acht Jahre für eine Trendberechnung des Meeresspiegels angesichts seiner jährlichen wie auch jahreszeitlichen Schwankungen sehr wenig.

Etwas mehr als 1,1 Grad Celsius

Noch stärker fluktuieren die globalen und regionalen mittleren Temperaturen. So ist das meteorologische Jahr vom Dezember 2020 bis November 2021 im globalen Maßstab zwar kühler als die vorhergehenden Jahre, aber immer noch wärmer als alle Jahre vor 2015 gewesen. Daten der Europäischen Weltraumorganisation ESA und des europäischen Erdbeobachtungsprogramms »Copernicus« zeigen, dass es in den zurückliegenden zwölf Monaten in weiten Teilen des Planeten – insbesondere in Kanada, Grönland und der Arktis – wärmer als im Durchschnitt der Jahre 1991 bis 2020 war.

Im Durchschnitt der vergangenen Jahre liegt die globale Temperatur inzwischen etwas mehr als 1,1 Grad Celsius über dem vorindustriellen Niveau. In der 2015 in Paris unterzeichneten Klimaübereinkunft wurde verabredet, die globale Erwärmung auf deutlich unter zwei Grad zu begrenzen, möglichst auf 1,5 Grad Celsius gegenüber dem vorindustriellen Niveau.

Die Folgen der Klimaveränderungen werden derweil auch hierzulande immer deutlicher. Die zurückliegenden Dürrejahre haben in den Wäldern katastrophale Schäden verursacht und gemeinsam mit Sturmschäden und Borkenkäfer vielerorts zum großflächigen Absterben der Fichtenbestände geführt. In vielen Landesteilen hat sich das Grundwasserniveau längst nicht ausreichend erholt.

Mitte Juli zeigte sich in der Eifel und im Rheinland, was die spezielle Mischung aus neoliberalem Sparwahn, konservativ-bürokratischem Schlendrian und Klimawandel bewirken kann, wenn extreme Niederschlagsmengen auf ungünstiges Gelände fallen – und in dem Gebiet der Katastrophenschutz nicht gegeben ist. Seit mehr als einem Jahr war bekannt, dass vielerorts die Sirenen nicht mehr funktionieren. Als es dann in der Nacht zum 15. Juli in einem breiten Band von Luxemburg, der nördlichen Eifel und Ostbelgien bis ins Ruhrgebiet zu erheblichen Wolkenbrüchen kam, stellte sich das als fatal heraus. Mehrere Tage im voraus hatte das europäische Hochwasserwarnsystem EFAS auf die Gefahr aufmerksam gemacht. Dennoch hielten sich die örtlichen Behörden zurück. Im später schwer verwüsteten Ahrtal am Nordhang der Eifel und im nördlich davon gelegenen nordrhein-westfälischen Erftstadt, wo der Rand einer Kiesgrube erodierte und mehrere Wohnhäuser einstürzen ließ, hatte es offensichtlich keinerlei Aufforderungen gegeben, sich in Sicherheit zu bringen. In Deutschland starben in dieser Nacht 184 Menschen, weitere 41 in Belgien. Inzwischen beschäftigen sich verschiedene Staatsanwaltschaften und zwei parlamentarische Untersuchungsausschüsse mit dem schweren Behördenversagen.

Der letzte Bauer

Schon bevor sich die Klimakrise so drastisch in Erinnerung brachte, hatte das Bundesverfassungsgericht einer Klage verschiedener Jugendlicher und junger Erwachsener gegen den mangelhaften Klimaschutz der Regierung stattgegeben. Parlament und Regierung würden die Freiheitsrechte der jungen Generationen einschränken, indem sie Lasten in die Zukunft verlagern. Auffallend schnell zog die Bundesregierung daraufhin Änderungen am Klimagesetz aus der Schublade, als hätten sie dort schon vorbereitet gelegen. Allzu offensichtlich war das Bemühen, das Thema schnell abzuhaken und aus dem einsetzenden Bundestagswahlkampf herauszuhalten. Immerhin wurden die Ziele verschärft, aber noch nicht ausreichend, um einen auch nur unter großem Vorbehalt gerechten Beitrag zur Einhaltung des 1,5-Grad-Zieles zu erreichen.

Die beabsichtigte Beruhigung gelang nur annähernd. Die Klimaschutzbewegung Jugendlicher, Fridays for Future, setzte ihre Kampagnen und Aktionen fort, auch wenn sich vielerorts Ermüdungserscheinungen zeigen und die Coronapandemie Treffen und Mobilisierung erschwert. Zu Protesten kam es unter anderem anlässlich der Internationalen Automobilausstellung in München. Auch der Widerstand gegen den Braunkohleabbau ging weiter. Wichtigster Brennpunkt ist derzeit das Dorf Lützerath am Tagebau Garzweiler II, in dem es zur Zeit ein Protestcamp gibt. Eventuell soll dort noch in diesem Winter der letzte Bauer von seinem Hof vertrieben werden. Im Januar wird ein Gericht darüber entscheiden.

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  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Michael W. aus Halle (Saale) (23. Dezember 2021 um 13:06 Uhr)
    Es ist doch immer wieder erstaunlich, wie die Realität durch das Wort »Klimaveränderung« zurechtgebogen wird. Nicht Fichtenwäldern, sondern weit überwiegend nicht standortgerechten Fichtenforsten wurden durch Dürre, Sturm und Borkenkäfer der letzte Rest ihrer sowieso angeschlagenen, unökologischen und nicht nachhaltigen Existenz gegeben. Bei der Flut in der Eifel und im Rheinland spielte das genannte unmittelbare politische Versagen wohl eine Rolle, viel mehr aber solche seit Jahrzehnten entstandenen Faktoren wie Flächenversiegelung für Verkehr, Gewerbe und Wohnungsbau, das bei Verkehrswegen auch in Feld und Wald, mit dadurch zeitlich und räumlich erheblich komprimiertem Wasserabfluss, die Kanalisierung der Oberflächengewässer, die sich bei Hochwasser ihre alten Betten wieder suchen, die großflächige und hangparallele statt kleinparzellige und hangquere land- und weinbauliche Bewirtschaftung der Talhänge, die regelrechte Abflussrinnen schafft statt Wasser zurückzuhalten, die Bodenverdichtung auf Feldern und in Wäldern durch Einsatz immer schwererer Maschinen, im Wald besonders in dem dichten Netz von Rückegassen, was das Versickern von Wasser sehr erschwert, sowie der Verzicht auf ein in den 1920er Jahren geplantes System von Regenrückhaltebecken zugunsten des Baus einer Autorennstrecke in diesem Gebiet. Das nasse Frühjahr 2021 mit in der Folge kaum noch wasseraufnahmefähigen Böden tat dann bei den starken Regenfällen das übrige. Das hat alles nichts oder höchstens als zusätzliches Element etwas mit Klimaveränderung zu tun. Letzteres Wort verdeckt eher das Gros der Missstände, als sie aufzuzeigen, wie sich in dem Artikel wieder zeigt. Für nicht wenige ist es daher sehr bequem, da sie so dem eigentlichen Übel, einem falschen Wirtschaftssystem, nicht steuern müssen.