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Aus: Ausgabe vom 21.12.2021, Seite 1 / Titel
Südamerika

Rechte in Chile gestoppt

Progressiver Boric gewinnt Stichwahl um Präsidentenamt überraschend deutlich. Unterlegener Kast gratuliert
Von Marius Rautenberg, Antofagasta
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Die in den künftigen Präsidenten Boric gesetzten Erwartungen sind groß (Santiago, 16. Dezember)

Die Freude und Erleichterung war vielen Chilenen anzumerken. Mit spontanen Versammlungen und Autokorsos feierten Tausende am Sonntag abend (Ortszeit) den Wahlsieg des Kandidaten Gabriel Boric vom »Mitte-links«-Bündnis Apruebo Dignidad bei der Präsidentenwahl. Überraschend deutlich hatte sich Boric in der Stichwahl mit 55,87 Prozent der Stimmen gegen den Ultrarechten José Antonio Kast durchgesetzt, der auf 44,13 Prozent kam.

Im ersten Wahlgang Ende November hatte Kast noch leicht vorn gelegen. Boric gelang es jedoch, für die zweite Runde sowohl große Teile der Linken für sich zu gewinnen als auch Wählerinnen und Wähler zu mobilisieren, die aus Sorge vor einem Rechtsruck für ihn stimmten. Mit 55 Prozent lag die Wahlbeteiligung für chilenische Verhältnisse hoch, obwohl am Sonntag Nachrichten über nur wenige eingesetzte Busse des öffentlichen Nahverkehrs die Runde machten, besonders in ärmeren Vierteln, in denen die Unterstützung für Linkskandidaten traditionell hoch ist.

Noch am Wahlabend trat Boric im Zentrum der Hauptstadt Santiago vor Zehntausende Anhänger. Unter Beifall sprach er von einer »historischen Wahl« und erklärte, er wolle allen Chilenen eine »bessere Zukunft« ermöglichen, das privatisierte Rentensystem abschaffen und den freien Zugang zu Gesundheit und Bildung umsetzen. Einen Teil seiner Rede trug er auch in Mapudungun vor, der Sprache des indigenen Mapuche-Volks.

Zuvor hatte Kast auf Twitter seine Niederlage eingeräumt: »Ich habe gerade mit Gabriel Boric gesprochen und ihm zu seinem großen Triumph gratuliert. Ab heute ist er der gewählte Präsident Chiles und verdient unseren ganzen Respekt und unsere konstruktive Mitarbeit. Chile steht immer an erster Stelle.« Auch der bisherige Präsident Sebastián Piñera erkannte den Sieg des 35jährigen an: »Er kann sich auf unsere volle Unterstützung und Zusammenarbeit verlassen.«

Das deutliche Ergebnis zwingt die chilenische Rechte, mit Boric zusammenzuarbeiten – obwohl Kast der bevorzugte Kandidat der konservativen Medien und des Großkapitals gewesen war. Der Kandidat des Rechtsbündnisses Frente Social Cristiano hatte im Wahlkampf versprochen, er werde in Chile wieder »Ordnung« einführen, und gegen Geflüchtete, Kriminelle und angeblich gewalttätige Protestierende gehetzt. Zudem stellte sich der Sohn eines deutschen Nazis gegen die laufende Ausarbeitung einer neuen Verfassung.

Ein Sieg von Kast hätte ein jähes Ende der mit dem Volksaufstand von 2019 eingesetzten Veränderungsprozesse mit sich gebracht. Durch wochenlange Massenmobilisierungen wurde die rechte Piñera-Regierung damals gezwungen, der Ausarbeitung einer neuen Verfassung zuzustimmen. Seit Anfang Juli arbeitet ein Verfassungskonvent an einem neuen Text, der den noch aus der Diktatur von Augusto Pinochet (1973–1990) stammenden ersetzen soll.

Von Boric erhoffen sich viele Chileninnen und Chilenen nun die konsequente Umsetzung der Forderungen der sozialen Revolte. Leicht wird es für den 35jährigen, der im März 2022 in sein Amt eingeführt werden wird, indes nicht. Er wird von der politischen Rechten attackiert werden, die zudem über eine Mehrheit im Kongress verfügt. Wie er so die hohen Erwartungen der weiterhin äußerst aktiven außerparlamentarischen Bewegungen erfüllen kann, bleibt abzuwarten. Im Wahlkampf verkündete Boric unter anderem bereits, den Haushalt der alten Regierung für 2022 übernehmen zu wollen. Dieser sieht auch Kürzungen bei Sozialleistungen vor.

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  • Leserbrief von Istvan Hidy aus Stuttgart (21. Dezember 2021 um 10:36 Uhr)
    Prinzip Hoffnung: Chiles Abkehr vom neoliberalen Modell sollte durch die neu auferstandene Linke Lateinamerikas eingeleitet werden. Der Linkskandidat und ehemalige Studentenführer Gabriel Boric feierte einen klaren Sieg bei der Präsidentschaftswahl und verspricht seinen Anhängern große Sozialreformen. Er wurde von einer breiten linken Koalition einschließlich der Kommunisten unterstützt. Boric will das noch aus der Pinochet-Diktatur stammende neoliberale Wirtschaftsmodell beenden und den Staat zu einer sozialen Marktwirtschaft nach europäischem Modell umformen. Sein eindeutiger Sieg und seine Verkündungen leuten eine erneute historische hoffnungsvolle Wende in »im Hinterhof der USA« ein.

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