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Aus: Ausgabe vom 24.12.2021, Seite 4 (Beilage) / Wochenendbeilage
Finnland

Jeden Tag Weihnachten

In Norden Finnlands, am Polarkreis, befindet sich das »Santa Claus Village«
Von Gabriel Kuhn, Stockholm
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Ihr Kinderlein kommet: Kleine Touristen vor dem Weihnachtsmanndorf (1999)

Man ist sich nicht einmal einig, an welchem Tag man am besten die Geschenke verteilt. Hierzulande öffnen Kinder ihre Pakete am Abend des 24. Dezember unter dem Christbaum, in England rennen sie am Morgen des 25. Dezember zu ihren Weihnachtsstrümpfen. Beruhigend, dass es einen Ort gibt, an dem jeden Tag Weihnachten ist.

Acht Kilometer nordöstlich des finnischen Wintersportzentrums Rovaniemi befindet sich das »Weihnachtsmanndorf«. So der offizielle deutsche Name einer im allgemeinen als »Santa Claus Village« angepriesenen Attraktion direkt am Polarkreis. Für die Lage gibt es eine Erklärung, die, man möchte es kaum glauben, mit der US-amerikanischen Außenpolitik zu tun hat – oder der deutschen Wehrmacht, je nachdem, wo man beginnen will.

Während der Besetzung Finnlands durch die Nazis im Zweiten Weltkrieg nutzte die Wehrmacht Rovaniemi als logistisches Zentrum. Als es 1944 zum Abzug der deutschen Truppen kam, bedienten sie sich der Taktik der verbrannten Erde. 90 Prozent der Gebäude Rovaniemis wurden dem Erdboden gleichgemacht.

Nach dem Krieg wurde Rovaniemi wieder aufgebaut. Den Marshall-Plan hatte die finnische Regierung abgelehnt, doch es flossen Fördergelder durch die Nothilfe- und Wiederaufbauverwaltung der Vereinten Nationen. Diese war vom ehemaligen US-Präsidenten Franklin D. Roosevelt ins Leben gerufen worden. Seine Witwe Eleanor diente als eine Art Schutzpatronin.

Im Jahr 1950 beschloss Eleanor Roose­velt, Rovaniemi einen Besuch abzustatten. Dabei wollte sie sich die Möglichkeit nicht entgehen lassen, den Polarkreis zu besuchen. Also baute man ihr zu Ehren in Windeseile eine Hütte dorthin. Diese wurde zur Touristenattraktion. 35 Jahre später errichtete man um sie herum das Weihnachtsmanndorf. Man hatte erkannt, dass sich eine Kombination aus Weihnachtsmannmythos und Polarkreis ökonomisch ausschlachten ließ. Das Dorf befindet sich seither auf einem Areal, auf dem einst die Baracken der Wehrmacht standen. Weihnachtstouristen aus aller Welt landen auf einem von der Luftwaffe erbauten Flughafen.

Um Rovaniemi als Heimat des Weihnachtsmannes anpreisen zu können, musste Finnland seine Weihnachtsgeschichte ändern. In den 1920er Jahren wurde in dem populären Radioprogramm »Die Kinderstunde mit Onkel Markus« dem Publikum weisgemacht, dass die Heimat des Weihnachtsmannes der entlegene Berg Korvatunturi sei, der direkt an der russischen Grenze liegt. Korvatunturi ist jedoch 300 Kilometer von Rovaniemi entfernt. Also eröffnete der Weihnachtsmann im Weihnachtsmanndorf ein Büro. Dieses ist bis heute wesentlicher Bestandteil des Dorfes – neben dem Postamt, in dem man mit exklusiven Weihnachtsmanndorfbriefmarken Post in die ganze Welt verschicken kann. Seit dem Jahr 2010 gilt Rovaniemi offiziell als Heimatstadt des Weihnachtsmannes. Die finnischen Behörden haben das geklärt.

Das Postamt des Dorfes dient nicht nur dazu, Post zu verschicken. Hier kommen auch die Briefe an, die für den Weihnachtsmann bestimmt sind. Bis zu 700.000 sind es pro Jahr. Sie kommen aus der ganzen Welt. Kinder aus Großbritannien, Polen und Japan schreiben besonders gerne. Briefe, die sich der veralteten Adresse in Korvantunturi bedienen, werden von den gewissenhaften Elfen, die dem Weihnachtsmann dienen, nach Rovaniemi umgeleitet.

Die Erträge des Weihnachtsmanndorfes führten, wie in solchen Fällen üblich, zur Expansion. 1998 wurde der »Santa Claus Park« eingeweiht, ein an das Dorf angeschlossener Vergnügungspark. Erbaut wurde er von einem britischen Unternehmen namens Santaworld Ltd. Die Kosten beliefen sich auf rund sieben Millionen Euro. Im Laufe der Jahre besaßen zahlreiche Firmen Anteile, darunter Finnair und MTV.

Bald besuchten jedes Jahr eine halbe Million Menschen den Themenpark. Er beherbergt heute neben dem Büro des Weihnachtsmannes und dem Postamt Hotels, Restaurants, Werkstätten, eine Elfenschule, eine Bühne für die Show »Magic Christmas« und, natürlich, jede Menge Geschäfte. Für 20 Euro kann man sich mit »Frau Santa« fotografieren lassen.

Wer einen Eindruck arktischer Landschaft jenseits des Spektakels gewinnen will, dem steht ein breites Tourenangebot zur Verfügung. Fahrten in Rentierschlitten sind besonders beliebt. Wer Glück hat, sieht im Winter Nordlichter. Es gibt ein Igluhotel, obwohl in dieser Gegend nie irgendwer Iglus baute. Aber so genau muss man es auch nicht nehmen, oder?

Die Ureinwohner der Region, die Sámi, sind dem touristischen Hype nicht wohlgesonnen. Sie fragen sich, warum die Elfen des Weihnachtsmannes samische Kleider tragen und warum im Dorf Spielkarten mit samischen Motiven verkauft werden. Auch in China produzierte samische Trommeln werden angeboten. Christlichen Missionaren galten samische Trommeln einst als Teufelswerk. Sie wurden eingesammelt und zerstört. Samische Schamanen wurden auf Scheiterhaufen verbrannt. Doch wer will inmitten glückseliger Weihnachtsstimmung schon daran erinnert werden?

Die Sámi haben es nicht vergessen. Immer wieder kommt es im Weihnachtsmanndorf und dem Vergnügungspark zu Protesten. Als der Samische Rat, das wichtigste politische Gremium der Sámi, im Jahr 2008 eine Erklärung gegen die kommerzielle Ausbeutung samischer Traditionen durch die Tourismusindustrie verabschiedete, war es kein Zufall, dass dies bei einer Konferenz in Rovaniemi geschah.

Die Betreiber des Weihnachtsmanndorfes haben gegenwärtig jedoch andere Sorgen. Denn vor Corona schützt noch nicht einmal Glückseligkeit. Um satte 98 Prozent ist die Zahl internationaler Besucher seit Ausbruch der Pandemie zurückgegangen. Wenigstens nimmt man es in Rovaniemi mit Galgenhumor. In einem Interview mit dem Medienportal Euronews meinte Sanna Kärkkäinen vom Tourismusbüro in Rovaniemi im November 2021: »Wir müssen sehr vorsichtig sein. Schließlich gehört Santa einer Risikogruppe an.« Deshalb sitze er nun hinter Plexiglas. Auf offiziellen Bildern sei dieses freilich nicht zu erkennen. »Die Aufnahmen werden aus entsprechenden Winkeln gemacht«, erklärte Kärkkäinen stolz.

Die gute Nachricht ist, dass das Weihnachtsmanndorf trotzdem jeden Tag geöffnet bleibt: Mittlerweile kann man es auch online besuchen. Es gibt unterschiedliche Angebote, je nach Besuchsdauer und Besucherzahl. Ab 100 Euro ist man dabei. Zum Schluss wartet der Weihnachtsmann. Eine Versuchung, der man nur schwer widerstehen kann.

Gabriel Kuhn lebt als Autor, Übersetzer und Gewerkschaftsaktivist inSchweden. Für die junge Welt schreibt er vorwiegend über die politischen Entwicklungen im Norden Europas sowie seine große Leidenschaft, den Sport. Jüngste Buchpublikation: »Die Linke inSchweden« (Mandelbaum, 2021).

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