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Aus: Ausgabe vom 20.12.2021, Seite 16 / Sport
Ski alpin

Es schillert nicht mehr

Schnell, aber lahm: Die Speed-Abfahrten leiden unter Langeweile
Von Gabriel Kuhn
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Das Schienbein hält: Sofia Goggia (19.12.2021)

Nach jeweils zwei Abfahrten der Damen und Herren in Nordamerika fanden am Wochenende die ersten Abfahrten im Alpinen Skiweltcup in Europa statt. Die Herren fuhren zweimal auf der legendären Saslong in Gröden, die Damen einmal auf der weniger legendären Oreiller-Killy-Piste in Val d’Isère. Dazu kam jeweils ein Super-G.

Die Speed-Disziplinen haben es im Alpinen Skiweltcup seit einigen Jahren schwer. Wurde die Abfahrt einst als Königsdisziplin gefeiert, fehlt heute das Publikum. Nicht nur wegen Corona, auch vor dem Fernseher. Während im Slalom und Riesenslalom mit der umgekehrten Startreihenfolge der besten 30 im zweiten Durchgang ein Format gefunden wurde, das sich seit mehr als 20 Jahren bewährt, ändern sich die Regeln in den Speed-Wettbewerben ständig. Es hilft nichts. In schnellebigen Zeiten wie diesen sind Startabstände von zwei Minuten oder mehr zu lang. Dazu kommen die obligatorischen Werbepausen und eventuelle Unterbrechungen bei Stürzen. Wer sich die Rennen überhaupt anschauen will, beschränkt sich später auf die Highlights oder den Schnelldurchlauf.

Das Format ist nicht das einzige Problem. Durch die Rücktritte des Norwegers Aksel Lund Svindal und der US-Amerikanerin Lindsey Vonn gingen in den vergangenen Jahren zwei Aushängeschilder und Werbeträger der Speedfahrer verloren. Gegenwärtig fehlen die schillernden Persönlichkeiten, auch wenn bei den Herren Aleksander Aamodt Kilde erfolgreich in die Fußstapfen seines preisgekrönten Landsmanns getreten ist und bei den Damen die italienische Ausnahmekönnerin Sofia Goggia agiert.

Goggia hat seit einem Jahr jedes Weltcupabfahrtsrennen gewonnen, an dem sie teilgenommen hat. Einige Rennen verpasste sie wegen einer Verletzung. Das ist im alpinen Skisport nichts Ungewöhnliches. Auch Aamodt Kilde verpasste einen Teil der vergangenen Saison. Er riss sich im Januar 2021 beim Super-G-Training ein Kreuzband. Goggia brach sich im selben Monat in Garmisch-Partenkirchen das Schienbein. Nicht bei einem Rennen, sondern bei der Abfahrt ins Tal, nachdem ein Rennen abgesagt wurde. Eine Ironie des Schicksals.

Angesichts dieser Verletzungen ist es erstaunlich, dass Aamodt Kilde und Goggia schon wieder so gut in Form sind. Beide gewannen je zwei Abfahrten in Nordamerika, die Italienerin zusätzlich einen Super-G. In Gröden gewann nun Aamodt Kilde den Super G. In der Abfahrt schied er nach überlegener Zwischenbestzeit aus. Dadurch kam der US-Amerikaner Bryce Bennett zu seinem ersten Weltcupsieg. In Val d’Isère gewann derweil Goggia alles: beide Abfahrten und den Super-G.

Der Norweger ist in gegenwärtiger Form ein Kandidat für den Sieg im Gesamtweltcup, den er bereits in der Saison 2019/20 erringen konnte. ­Goggia liegt bei den Damen im Moment sogar in Führung. Für einen Sieg am Ende wird es jedoch kaum reichen. Sowohl die US-Amerikanerin Mikaela Shiffrin als auch die Vorjahrssiegerin ­Petra Vlhova können in allen Disziplinen punkten.

Für den Deutschen Skiverband verlief die bisherige Speed-Saison nicht ganz nach Wunsch. Das bislang beste Ergebnis konnte Andreas Sander (SG Ennepetal) als Vierter im ersten Super G von Beaver Creek einfahren. Das Podest verfehlte er nur um drei Hundertstelsekunden. In der Abfahrt von Lake Louise wurde Romed Baumann (WSV Kiefersfelden) Sechster. In der Abfahrt von Gröden überraschte Simon Jocher (SC Garmisch), der mit der hohen Startnummer 51 auf Rang acht fuhr – sein bisher bestes Ergebnis im Weltcup. Im Super-G war der Routinier Josef Ferstl (SC Hammer) bester DSV-Läufer. Bedauerlicherweise erholt sich Thomas Dreßen (SC Mittenwald) von einer im Vorjahr erlittenen Verletzung deutlich langsamer als Aamodt Kilde und Goggia. Der Sieger von fünf Weltcupabfahrtsrennen gab vorige Woche bekannt, dass er aufgrund anhaltender Knieprobleme frühestens im März wieder Rennen bestreiten werde. Damit fällt er auch für den Saisonhöhepunkt aus, die Olympischen Spiele in Beijing.

Im Speed-Winter der Damen ist bislang Kira Weidle (SC Starnberg) für den DSV allein auf weiter Flur. Das bisher beste Saisonergebnis der Vizeweltmeisterin in der Abfahrt von 2021 war der siebte Platz in der zweiten Abfahrt von Lake Louise. In Val d’Isère kam Weidle im Super-G auf Rang 16. In der Abfahrt landete sie, geschwächt von einer Erkältung, außerhalb der Weltcuppunkteränge.

Das nächste Speed-Wochenende der Herren steht Ende des Jahres in Bormio an. Die Damen müssen sich gedulden, bis es Mitte Januar in Zauchensee in Österreich wieder zu Abfahrt und Super-G kommt. Bis dahin können die Technikerinnen fleißig Punkte sammeln.

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