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Aus: Ausgabe vom 20.12.2021, Seite 8 / Kapital & Arbeit
Städte der Zukunft

»Konsumgewohnheiten müssen verändert werden«

Für wirksamen Klimaschutz braucht es Kommunen, die die Konzepte auch umsetzen können. Ein Gespräch mit Christina West
Interview: Gitta Düperthal
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Gebäude anders nutzen, statt neue Flächen zu versiegeln: In Berlin ist davon wenig zu spüren (Baustelle im Bezirk Mitte, 3.11.2021)

Die Fachgruppe »Kommunaler Klimaschutz« der Gruppe Scientists for Future hat zur »Erfurter Erklärung« der 41. Hauptversammlung des Städtetags konstatiert, dass besonders die Kommunen die Last der Klimakrise bewältigen müssten. Wie kommen Sie darauf?

Im Pariser Klimaschutzabkommen wurde vereinbart, 1,5 Grad der Erderwärmung im Vergleich zum vorindustriellen Zeitalter nicht zu überschreiten. Auf Bundesebene muss das in Verordnungen und Gesetze einfließen. Am Ende sind es aber die Städte und Gemeinden, in denen geballt auf engem Raum alle komplexen gesellschaftlichen Tätigkeiten stattfinden. Wir wohnen, leben und bewegen uns dort. Die Verkehrs-, die Energiewende, die Frage, wie Konsum stattfinden soll: All das wird dort entwickelt und umgesetzt. Gleiches gilt für die Digitalisierung, selbst die landwirtschaftliche Produktion wird in Städte und Gemeinden integriert. Die Frage ist: Dient all das der Einsparung von Ressourcen, oder ist es ein weiterer Treiber für mehr Energieverbrauch?

Konsumgewohnheiten müssen jetzt ganz konkret verändert werden. Daher müssen wir genau überprüfen, wie sich Städte und Orte entwickeln, und müssen kommunale Entscheidungen anders treffen als bisher. Wichtig ist, die Zukunft mit der Beteiligung von mehr Menschen zu gestalten.

Sie fordern unter anderem, nicht immer mehr Flächen zu versiegeln. Wie passt das mit dem wohnungspolitischen Credo »Bauen, bauen, bauen« zusammen?

Im Grunde gar nicht. In Städten gibt es kaum noch unversiegelte Flächen. In manchen wurde bereits zuviel gebaut, dort werden Gebäude zu Spekulationsobjekten. Statt abzureißen und neu zu bauen, müssen wir bereits Erbautes zurück in die Kreisläufe führen. Wir müssen recyceln, unseren Verbrauch reduzieren. Zementproduktion ist eine Hauptquelle von CO2-Emission.

Inwieweit hilft hier das Konzept der sogenannten Schwammstädte, das Sie ins Feld führen?

Es geht darum, ökologisch zu bauen. Wir müssen die Vegetation erhalten, um uns vor den Folgen von Starkregen und Hitzesommern besser zu schützen. Dafür müssen Flächen entsiegelt und wieder begrünt werden, weil so Kühlung entsteht. Wir müssen unsere Lebensmodelle überdenken und uns fragen: Wieviel Wohnraum braucht man pro Kopf? In der BRD beginnen wir erst jetzt zu diskutieren, wie Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler das fachübergreifend begleiten können. Internationale Konzepte dafür gibt es längst.

Ist dann der Bau von jährlich 400.000 neuen Wohnungen, den Bundeskanzler Olaf Scholz versprochen hat, aus Ihrer Sicht ein Schritt in die falsche Richtung?

Klar muss bezahlbarer Wohnraum für alle geschaffen werden. Diese Ideen der neuen Regierung müssen jetzt aber im Detail geprüft werden: Wo genau sollen die Wohnungen entstehen? Ist dort möglicherweise schon genug Raum vorhanden, der nur anders genutzt werden müsste? Wenn wir nicht besser mit der sogenannten grauen Energie haushalten, werden wir unser Ziel klimaneutraler CO2-Bilanzen nie erreichen.

Die kapitalistische Ökonomie beruht auf Wachstum. Werden wir uns das künftig noch leisten können?

Nein. Wir können nicht so weitermachen wie bisher. Zwar können wir weiter auf Wachstum setzen, aber nicht im Sinn von höher, schneller, mehr. Wir brauchen qualitatives Wachstum. In Städten soll nicht nur weiter gearbeitet, sondern auch in Zukunft gewohnt und gelebt werden können.

Um die Klimakrise zu bewältigen, braucht es finanzielle Mittel. Auf die Kommunen wird ein erheblicher Personalbedarf zukommen. Wie ist das zu lösen?

An unseren Lebensgewohnheiten wird sich vieles ändern. Um die völlig neuen Herausforderungen zu bewältigen, brauchen wir einerseits mehr Personal, das aber auch auf ganz andere Weise qualifiziert sein muss. Dafür muss der Bund Geld in die Hand nehmen. Neu und anders umzuverteilen haben wir während der Coronakrise teilweise gelernt. Auch hinsichtlich der Klimakrise ist das notwendig.

Christina West ist wissenschaftliche Direktorin und Projektleiterin von »DELTA – forschungsbasiertes Reallabor der Energiewende« an der Hochschule Darmstadt und engagiert bei Scientists for Future

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