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Aus: Ausgabe vom 18.12.2021, Seite 3 (Beilage) / Wochenendbeilage

Kreuzzug gegen China

Eine Rede Rosa Luxemburgs auf dem Internationalen Sozialistenkongress 1900 in Paris und die Resolution der Tagung
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»Permanente internationale Kriegsgefahr oder wenigstens ein Zustand permanenter Animositäten«: Kreuzer »SMS Gefion« der deutschen Marine während einer Schlacht zwischen dem chinesischen Militär und den verbündeten westlichen und japanischen Seestreitkräften um 1900

Der Militarismus und die Kolonialpolitik (sind) gegenwärtig nur zwei verschiedene Seiten der einen Erscheinung Weltpolitik. Auf internationalen Kongressen ist der Protest gegen den Militarismus nichts Neues. (…) Für uns handelt es sich aber nicht bloß um Wiederholung der früheren Beschlüsse, sondern darum, etwas Neues zu schaffen gegenüber den neuen Erscheinungen der Weltpolitik. (…) Bisher gab es nur auf ökonomischem Gebiet internationale praktische Aktionen. Die wirtschaftliche Abhängigkeit der Arbeiter eines Landes von der Lage der Arbeiter anderer Länder ist frühzeitig zutage getreten und hat bereits in einer internationalen gewerkschaftlichen und auf den Arbeiterschutz gerichteten Aktion Ausdruck gefunden. In politischer Beziehung war der enge Zusammenhang der Interessen der Arbeiter verschiedener Länder viel weniger greifbar.

Allein auch hier hat die Weltpolitik einen Umschwung herbeigeführt. Derselbe Militarismus, Marinismus, dieselbe Jagd nach Kolonien, dieselbe Reaktion überall und vor allem eine permanente internationale Kriegsgefahr oder wenigstens ein Zustand permanenter Animositäten, in den alle wichtigen Kulturstaaten gleichmäßig verwickelt sind. Damit ist aber eine neue Grundlage für eine gemeinsame politische Aktion geschaffen. Der Allianz der imperialistischen Reaktion muss das Proletariat eine internationale Protestbewegung entgegensetzen. Die Resolution (siehe unten) enthält praktische Vorschläge dazu. Es ist nicht viel, was wir in Vorschlag bringen: Die sozialistischen Abgeordneten sollen nur überall verpflichtet werden, gegen jede Ausgabe für die Zwecke des Land- und Wassermilitarismus zu stimmen, und die vom Kongress geschaffene permanente Kommission soll in Fällen von internationaler Tragweite, wie es z. B. im Chinakrieg war (1900 warfen die vereinigten Armeen von acht imperialistischen Staaten unter Führung des deutschen Generals Alfred Graf von Waldersee den antiimperialistischen Volksaufstand der Ihotuan – der »Fäuste der Gerechtigkeit und Harmonie«, im Westen verächtlich »Boxer« genannt – in Nordchina grausam nieder, jW), eine gleichförmige Protestbewegung in allen Ländern ins Leben rufen.

Allein nicht nur vom Standpunkte des alltäglichen Kampfes gegen den Militarismus erscheint jetzt eine internationale Annäherung der Arbeiterparteien dringend geboten, sondern auch aus Rücksicht auf unser sozialistisches Endziel. Immer mehr wird es wahrscheinlich, dass der Zusammenbruch der kapitalistischen Ordnung nicht durch eine ökonomische, sondern durch eine politische, durch die Weltpolitik herbeigeführte Krisis erfolgen wird. Vielleicht wird die Herrschaft der kapitalistischen Ordnung noch lange dauern. Aber einmal, früher oder später, wird die Stunde schlagen, und damit uns der entscheidende Augenblick der großen Rolle gewachsen findet, ist es notwendig, dass das Proletariat aller Länder sich durch ständige internationale Aktion auf diesen Augenblick vorbereitet. (…)

Die Resolution des Kongresses: »Bezugnehmend auf die Beschlüsse der Internationalen Sozialistenkongresse von Paris 1889 und London 1896, die den Militarismus als eines der verhängnisvollsten Ergebnisse der kapitalistischen Ordnung verurteilten und die Abschaffung der stehenden Heere, die Einrichtung internationaler Schiedsgerichte sowie die Entscheidung über Krieg und Frieden durch das Volk verlangen; in Erwägung ferner, dass die seit dem letzten Internationalen Kongress eingetretenen Ereignisse klargelegt haben, wie sehr die bisherigen politischen Errungenschaften des Proletariats sowie die gesamte ruhige und normale Entwicklung der heutigen Gesellschaft durch den Militarismus besonders in seiner neuesten Form als Weltpolitik bedroht werden; in Erwägung endlich, dass diese Politik der Expansion und des Kolonialraubs, wie uns der Kreuzzug gegen China zeigt, internationale Eifersüchteleien und Reibungen entfesselt, die den Krieg in einen permanenten Zustand zu verwandeln drohen, dessen wirtschaftliche, politische und moralische Kosten das Proletariat allein zu tragen hätte, erklärt der Kongress:

1. dass die Arbeiterpartei in jedem Lande mit verdoppelter Wucht und Energie gegen Militarismus und Kolonialpolitik auftrete;

2. dass die sozialistischen Vertreter in allen Parlamenten unbedingt gegen jede Ausgabe des Militarismus, Marinismus oder der Kolonialexpeditionen zu stimmen verpflichtet sind;

3. dass die ständige internationale sozialistische Kommission beauftragt wird, bei allen entsprechenden Gelegenheiten von internationaler Tragweite in allen Ländern eine gleichzeitige und gleichförmige Protestbewegung gegen den Militarismus ins Leben zu rufen.

Rosa Luxemburg: Rede über den Völkerfrieden, den Militarismus und die stehenden Heere. In: Internationaler Sozialistenkongress zu Paris, 23. bis 27. September 1900. Berlin 1900. Hier zitiert nach: Rosa Luxemburg: Gesammelte Werke, Band I, Erster Halbband. Dietz-Verlag, Berlin 1974, Seiten 807–809

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