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Aus: Ausgabe vom 17.12.2021, Seite 16 / Sport
Nordische Kombination

Mieses Marketing

Mauerblümchen der Skiwelt: Die Nordische Kombination ist erstaunlich unpopulär
Von Gabriel Kuhn
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Hoch über allen: Jarl Magnus Riiber dominiert die Nordische Kombination (Lillehammer, 5.12.2021)

In der Ramsau, einem der Zentren des nordischen Skisports in der Alpin-Nation Österreich, steht das vierte Weltcupwochenende der Saison in der Nordischen Kombination an.

Scheinbar ist alles beim alten. Bei den Herren führt der 24jährige Norweger Jarl Magnus Riiber die Gesamtwertung souverän an. Riiber gewann den Gesamtweltcup bereits in den vergangenen drei Jahren, im letzten mit über 300 Punkten Vorsprung auf den Oberstdorfer Vinzenz Geiger. Ob es in diesem Jahr wieder so viele sein werden, wird sich zeigen. An Riibers viertem Weltcupgesamtsieg in Folge zweifelt niemand.

Unter der Oberfläche spielt sich jedoch einiges ab. Auch im Team des Deutschen Skiverbandes DSV, das sich bisher mannschaftlich sehr stark präsentierte. Terence Weber (SSV Geyer) gelang gar das Kunststück, Riiber zum ersten Mal seit fast vier Jahren das Trikot des Weltcupführenden abzuluchsen. Beim zweiten Saisonwettbewerb in Ruka, Finnland, nutzte Weber am 27. November die Gunst der Stunde, als Riiber wegen eines zu weiten Sprunganzugs disqualifiziert wurde, und skatete nach einem starken Sprung von der Schanze zu seinem ersten Weltcupsieg. Riiber holte sich die Weltcupführung bereits am folgenden Tag zurück, doch danach fragt in wenigen Jahren niemand mehr. Weber steht in den Geschichtsbüchern des Sports. Mit Julian Schmid (SC 1906 Oberstdorf) als Drittem in Otepää, Estland, wartete ein weiterer junger DSV-Athlet mit einer persönlichen Bestleistung auf.

Die Routiniers können jedoch durchaus mithalten. In ausgezeichneter Verfassung präsentiert sich Eric Frenzel (einst WSC Oberwiesenthal, heute SSC Geyer), quasi der Jarl Magnus Riiber der frühen 2010er Jahre. Von 2012 bis 2017 gewann Frenzel den Gesamtweltcup der Kombinierer fünfmal in Folge. Danach schwankten seine Leistungen, doch heuer erreichte er bereits zweimal das Podest. In der Gesamtwertung liegt er auf Rang fünf. Mit Manuel Faißt (SV Baiersbronn) liegt ein weiterer Routinier direkt dahinter. Insgesamt finden sich sieben DSV-Athleten unter den ersten 18.

Keine Garantie

Die Breite des deutschen Kaders verspricht viel Gutes für den Saisonhöhepunkt, die Olympischen Spiele in Beijing im Februar 2022. In den Einzelwettbewerben sind Medaillen trotzdem nicht garantiert. Auch Riibers laufstarker Landsmann Jens Lurås Oftebro sowie der Österreicher Johannes Lamparter, Weltmeister von der Großschanze bei der Nordischen Ski-WM in Oberstdorf Anfang 2021, präsentieren sich in sehr guter Verfassung. In der Staffel sollte dem DSV eine Medaille aber nicht zu nehmen sein.

Viele Zuschauer werden die Wettbewerbe in Beijing nicht mitverfolgen. Die Nordische Kombination kämpft seit Jahren mit einem Imageproblem. Das ist eigentlich erstaunlich. Zwei so gegensätzliche Wettbewerbe wie das auf Schnellkraft aufbauende Skispringen und den auf Ausdauer basierenden Langlauf zusammenzubringen, sucht im Wintersport seinesgleichen. Mit der sogenannten Gundersen-Methode hat sich auch ein attraktives Wettkampfformat etabliert. Seit 1988 werden die Punkte aus dem Skisprung direkt in Sekunden umgerechnet, die einer Verfolgung im Langlauf zugrunde liegen. Es kommt zu spannenden Rennverläufen und zahlreichen Verschiebungen im Klassement. Taktik und Teamarbeit sind sehr wichtig. Im Grunde stehen die Verfolgungsrennen in der Nordischen Kombination den populären Verfolgungsrennen im Biathlon in nichts nach.

Gold gepachtet

Doch während der Biathlon von seinem eigenen Weltverband, der IBU, organisiert und vermarktet wird, fristet die Nordische Kombination innerhalb des Internationalen Skiverbandes FIS ein Mauerblümchendasein. Alpine, Skispringer und Langläufer gehen vor. Einigen großen Wintersportnationen wie Schweden fehlen seit Jahren international konkurrenzfähige Athleten. Bei Großveranstaltungen haben Norwegen und Deutschland in den Teamwettbewerben Medaillen gepachtet. Um das dritte Edelmetall streiten sich Österreicher, Japaner und Franzosen. 2013 konnte die US-amerikanische Staffel das letzte Mal dazwischenfunken, als sie überraschend Bronze gewann.

Wenigstens führte die FIS vor einem Jahr endlich auch einen Weltcup für Nordische Kombiniererinnen ein. Eine Priorität war er in der Coronasaison nicht. Es kam zu einem einzigen Wettbewerb, den die US-Amerikanerin Tara Geraghty-Moats gewann, eine Pionierin des Sports.

In dieser Saison veranstalteten die Damen bereits vier Wettbewerbe. Alle gewann die erst 19jährige Norwegerin Gyda Westvold Hansen. Sie wurde in Oberstdorf auch zur ersten Weltmeisterin der Disziplin gekürt. Hansen gewann vor zwei Teamkolleginnen, in der diesjährigen Weltcupsaison belegten Norwegerinnen neun von zwölf Podestplätzen. Nur die Italienerin Annika Sieff, die Österreicherin Lisa Hirner und die Japanerin Yuna Kasai konnten jeweils einen dritten Platz ergattern. Für die beste DSV-Platzierung sorgte Jenny Nowak als Sechste in Otepää.

Auch in Ramsau sind die Damen am Start. Sie eröffnen das Weltcupwochenende am heutigen Freitag von der Normalschanze. Die Herren bestreiten am Samstag und Sonntag zwei Wettbewerbe. Bei den Olympischen Spielen müssen die Damen noch zusehen. Doch beim Weltcupabschluss in Schonach im März sind sie mit dabei. Neun Wettbewerbe sollen es diese Saison insgesamt werden. Eine 900prozentige Steigerung im Vergleich zum Vorjahr. Immerhin.

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